Vernünftig sein heißt, die Wahrheit ertragen können

In neuer deutscher Übersetzung: „Kristin Lavranstochter“, das Hauptwerk der norwegischen Nobelpreisträgerin Sigrid Undset, einer Feministin sehr alter Schule.

Sigrid Undset
Sigrid Undset

José Echegaray, Giusoé Carducci, Rudolf Eucken, Wladyslaw Reymont, Erik Axel Karlfeldt – was ist diesen Personen gemein? Nun, sie sind alle Männer, Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger. Aber noch etwas: Sie sind alle vergessen. Vielleicht ist die Begründung unserer Tage, man werde vergessen, weil man Frau ist, doch etwas vorschnell. Die Männer trifft das ebenso, es muss schon triftigere Gründe für das Vergessen geben als das Geschlecht.

Die Nobelpreisträgerin Sigrid Undset, geboren 1882 im dänischen Kalundborg, aber aufgewachsen bei Oslo (der Vater war Norweger, die Mutter Dänin), war von den zwanziger bis zu den sechziger Jahren ein großer Name, besonders auch bei uns; manche meinen, die „deutschen Nachkriegsleser konnten hier ihre Sehnsucht nach nordischem Mittelalter abarbeiten“. Ja, wir haben sie geliebt, umgekehrt war das weniger der Fall. Die Besetzung Norwegens durch die Wehrmacht hat ihre langjährigen antideutschen Aversionen (die bereits bei ihrem Berliner Besuch um 1910 anfingen) nur bestätigt. Den Reformator Luther hatte sie schon länger auf dem Kieker, sie lastete ihm Individualismus, Säkularisierung, Missachtung christlicher Werte an. 1924 trat sie zum Katholizismus über.

Das Diesseits war ihr nicht egal

Dabei war sie eigentlich Feministin. Sie war gegen die Zwangsehe und für die Verwirklichung der Persönlichkeit. Allerdings sieht sie die Freiheit der Frau immer nur in größerem Zusammenhang: in Familie, Gesellschaft, Volk. Kein Wunder, dass die übernationale Genderbewegung von heute mit ihr nichts anfangen kann, vermutlich kann das nicht einmal eine Feministin alter Schule wie Alice Schwarzer; die Undset ist nämlich eine Feministin sehr alter Schule. Das Diesseits war ihr zwar nicht egal, aber Ewigkeit und Substanz sind halt größer. Undsets Heldinnen sind starke Frauen, die aber ethisch-moralische Werte wie Treue, Pflicht, Verantwortung und Glaube über jeden Individualismus stellen; was heutzutage beinah erfrischend fremd wirken kann.

Insofern war das Spätmittelalter ihre Zeit. Die Begeisterung dafür hatte sie vom Vater, der Archäologe war. Ihr Hauptwerk, ein dreibändiger Zyklus, handelt von einer fiktiven Figur im 14. Jahrhundert: Kristin Lavranstochter; so heißt die Trilogie auch, dafür erhielt sie 1928 den Nobelpreis. Vielleicht ist diese wunderbare Heldin eine Art Alter Ego der Autorin. Ausführlich wird uns die fromme und geachtete Sippe im Süden Norwegens vorgestellt, in der Kristin aufwächst: der Vater Lavrans, der wie ein Mister Norway wirkt, stark, gütig, männlich, schön (er ist die einzige durchweg positiv geschilderte Figur des Romans), und dann die schwermütige Mutter Ragnfrid (manchmal auch Ragnhild, das geht etwas durcheinander), der von den vielen Geburten nur drei Töchter geblieben sind.

Der sachliche Stil erinnert an die altnordischen Sagas, er kann furchtbar spröde sein, besonders bei den pflichtschuldigen Informationen zu historischen Ereignissen, manchmal auch kitschig: „Lurentöne erklangen aus den Bergen“, in Anspielung auf die Instrumente der Bronzezeit. Aber Perspektivwechsel, farbige Naturschilderungen und psychologische Tiefe sind sehr moderne Elemente; die Gesichter der Personen werden detailliert beschrieben – als Tor zu ihrem jeweiligen Inneren. Der Charakter unserer Heldin hat viele Facetten: Kristin ist weltgierig und gottesfürchtig, aufbegehrend und gehorsam, draufgängerisch und vorsichtig. Sie widersetzt sich dem verehrten Vater und löst ihre Verlobung mit dem biederen Simon, um den herrlichen Erlend heiraten zu können, der sie erst vor Strolchen gerettet und dann verführt hat.

Sie hat in seiner Umarmung gelebt

Dieser Erlend freilich fällt in Ungnade, wegen seiner Leichtlebigkeit und politischen Unbesonnenheit (er intrigiert gegen den König): Er verliert Hab und Gut und zerstört die Zukunft seiner sieben Söhne. Die Familie muss in den Jørundhof umziehen, ins Elternhaus seiner Frau. Was für eine Schande. Erlend stammt aus edler Familie und fühlt sich als Krieger und Ritter; ein sorgsamer Hofverwalter, geschweige denn ein Bauer war er nie. Darum muss sich Kristin kümmern. Sie will ihrem Mann nichts vorwerfen. Aber dann kommt es doch zum Streit zwischen den beiden, die Ehe kriselt seit langem, sie stand ja auch nie unter einem guten Stern. Dass sie ihn weiterhin liebt, steht außer Frage: Immer hat sie, wie sie sagt, „in seiner Umarmung gelebt“, nun, das kann man doppelt deuten. Dass Simon, der jetzt ihr Schwager geworden ist, sie immer noch liebt, ist der allgemeinen Familienharmonie auch nicht gerade zuträglich.

Ohne Kristins Gottessuche (die sie am Ende ins Kloster führt) ist der Roman kaum zu verstehen, denn bei Undset ist der Mensch zwar ein Wesen mit freiem Willen, vor allem aber ein Geschöpf Gottes. Damit einher geht die Erkenntnis: Vernünftig sein heißt, die Wahrheit ertragen können. Dann wieder offenbart Kristin ungeahnte Sehnsüchte nach Trubel und Schönheit – so mögen wir sie noch mehr.

Ihr Haus ist heute ein Museum

Sigrid Undsets Trilogie erschien vor hundert Jahren; man merkt es ihr an. 1905 wurde die Union mit Schweden aufgelöst, für die norwegische Literatur war das eher fatal. Die nationale Bildung (in beiderlei Sinn) sollte gefördert werden; ein darauf eingehendes Nachwort wäre angenehm gewesen. Es entstehen epische „Monumentalisierungen“ wie eben dieser dreibändige Roman.

Aber nicht nur Undsets Naturbeschreibungen, auch (als wären es zwei Seiten einer Medaille) ihre Katastrophenschilderungen, der Brand eines Hauses, der Einfall der Pest, sind überragend; sie haben eine Kraft und Verzweiflung, die ihresgleichen sucht. Die dramatischen Ereignisse und menschlichen Tragödien haben eine geradezu Shakespeare‘sche Wucht. Die Schriftstellerin Sigrid Undset starb 1949, ihr Haus in Lillehammer ist heute ein Museum.

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Kröner

Sigrid Undset: „Kristin Lavranstochter. Band I-III: Der Kranz/Die Frau/Das Kreuz“. Romantrilogie (auch einzeln erhältlich). Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2022. Zusammen 1510 Seiten, 22/24/27 Euro