„Die satanischen Verse“ sind ausverkauft: Autoren lesen für Salman Rushdie

In New York und Berlin trafen sich Schriftsteller-Kollegen von Salman Rushdie, um sein Werk sprechen zu lassen und die Freiheit des Wortes zu feiern.

Bereits am Freitag versammelten sich Autoren und Leser in New York, um ihre Solidarität mit Salman Rushdie zu zeigen.
Bereits am Freitag versammelten sich Autoren und Leser in New York, um ihre Solidarität mit Salman Rushdie zu zeigen.AFP

Mit dem englischen Titel „Words against Violence“, Worte gegen Gewalt, ist der Abend im Neuen Haus des Berliner Ensembles überschrieben. Die weißen Buchstaben auf schwarzen Grund sehen aus wie eine Mahnung – international verständlich für ein Ereignis, das weltweit für Erschütterung gesorgt hat.

Es geht um den Anschlag auf den Schriftsteller Salman Rushdie vor zehn Tagen. Der PEN Berlin hat die Veranstaltung am Sonntagabend organisiert, um aus dem Werk Rushdies zu lesen, der noch immer im Krankenhaus behandelt wird, von dem man noch immer nicht weiß, wie gut er sich erholen wird.

Paul Auster: die Freundschaft zu Rushdie als Schatz

Die Einladung kam fast zeitgleich mit der Ankündigung für eine Solidaritätslesung, die am Freitag in New York stattgefunden hat – organisiert vom PEN America. Es gibt eine Videoaufzeichnung davon, ein bisschen wackelig im Ton zwar, aber sehr sympathisch zu sehen, wie die Stufen der Public Library gefüllt sind mit Menschen, die Plakate zeigen und wie die Sprecher reihenweise aus Rushdie-Texten lesen oder eigene Erinnerungen erzählen. Eine der ersten ist die Schriftstellerin Siri Hustvedt, später sagt ihr Mann Paul Auster, dass er seit dem Anschlag jeden Tag und jede Stunde an den schwer verletzten Kollegen gedacht habe. „Ich liebe dich wie einen Bruder und hüte unsere Freundschaft, die in den vergangenen 30 Jahren entstanden ist, wie einen Schatz.“

So ein Freund ist auch in Berlin per Video zu erleben. Günter Wallraff wird als einziger ins BE zugeschaltet, alle anderen elf Redner kommen selbst nacheinander auf die Bühne. Wallraff sagt, bevor er aus „Joseph Anton“ zu lesen beginnt, dass Salman Rushdie im Jahr 1993 eine Weile bei ihm gewohnt hat. Und er liest eine der vielen Passagen aus der Autobiografie, in denen es darum geht, wie Rushdie von Versteck zu Versteck reiste, nachdem der iranische Ayatollah Khomeini im Februar 1989 aufgerufen hatte, ihn zu töten.

Joseph Anton war sein Deckname. Doch mit einem falschen Namen allein war es nicht getan. Nicht lange nach der ersten Welle der Solidarität waren in Großbritannien Fragen aufgekommen, wie viel Geld sein Schutz den Staat koste. Aber dass er nie ein Versteck zur Verfügung gestellt bekommen hat, wie man sich das vielleicht vorstellte, sondern dass es ein großes Netz von Freunden, Kollegen, Lesern war, das ihm immer wieder zeitweilig Unterschlupf bot, bevor er in die USA ging, das erfuhr man so genau erst aus dem 2012 veröffentlichten Buch. Und obwohl viele Szenen darin bedrückend sind, hat sich der Schriftsteller darin seine Souveränität als Autor bewahren können, so mitreißend ist „Joseph Anton“ geschrieben.

Salman Rushdie: Zensur schadet der Kunst

Eva Menasse hatte als Mit-Organisatorin den Abend eröffnet und für sich zum Vortrag eine Rede ausgewählt, die Rushdie vor zehn Jahren bei einem Schriftstellerkongress gehalten hat. „Wenn die Zensur sich in die Kunst drängt“, sagte er damals, „dann wird sie zum Thema; die Kunst wird ,zensierte Kunst‘, und genau so sieht und versteht es die Welt“. Das von der Zensur gesprochene Urteil, ob „unmoralisch oder blasphemisch oder pornografisch oder umstritten“, hänge dem Werk an, präge seine Bedeutung, „die Schuldvermutung ersetzt die Unschuldsvermutung“. Während Menasse diese Worte vorträgt, muss man an die Reaktion des iranischen Außenministeriums denken, das mitteilen ließ, er sei selbst schuld an dem Anschlag vom 12. August. Und es lässt daran denken, wie Rushdie immer mit dem Beisatz „Autor der ,Satanischen Verse‘“ benannt wird – nicht, um seine Fabulierkunst in diesem Werk zu preisen, sondern um auf den Skandal der Todesdrohung hinzuweisen.

Am Sonntagabend lesen mehrere Schriftsteller und Publizisten aus den „Satanischen Versen“, zeigen den Witz und die Fantasie des Autors. Die Verlegerin und Autorin Zoe Beck stellt „Harun und das Meer der Geschichten“ mit einem Ausschnitt vor, eine märchenhafte Allegorie auf die Lage eines Schriftstellers, der sich verstecken muss.

Und die Rechtsanwältin Seyran Ateş, die sich dem Publikum als Muslimin vorstellt, ruft nach ihrer Lesung aus „Joseph Anton“ aus: „Ich bin dankbar für dieses wunderbare Werk. Hört endlich auf, beleidigt zu sein. Ich bin überzeugt, weder Gott noch unser Prophet sind beleidigt.“ An Rushdie gewandt, in der Hoffnung, dass die Worte ihn erreichten, wünschte sie ihm „ein sehr langes Leben“. Auch der Journalist Eren Güvercin verwies darauf, gläubiger Muslim zu sein. Er habe sich oft geärgert, dass von muslimischer Seite so wenig Solidarität für diesen Autor ausgesprochen wird.

Es ist nicht so viel, was wir für Salman Rushdie tun können, sagt Deniz Yücel, Co-Sprecher des PEN Berlin, am Ende des Abends. Wir könnten an ihn denken und die Freiheit des Wortes feiern. Er stellte ein Exemplar der „Satanischen Verse“ auf das Pult, damit alle das Buch sehen können, das derzeit ausverkauft ist. So groß war die Nachfrage in den vergangenen Tagen. Aber das Buch wird nachgedruckt.