Sylvia Plath fragt: „Gibt es keine große Liebe, nur Zärtlichkeit?“

Zum 90. Geburtstag Sylvia Plaths sind ihre späten Gedichte und weitere Annäherungen an die große Dichterin erschienen. Sie zeigen Verzweiflung und Euphorie.

Sylvia Plath and Ted Hughes, 1959
Sylvia Plath and Ted Hughes, 1959imago/Granata Images

Sie legte ihren Kopf in den Ofen, ließ das Gas aus dem Herd strömen. Und es war vorbei. Sie konnte nicht mehr, diese Frau, die sich davor noch dazu entschlossen hatte, ihrem Leben eine Wende zu geben und als Autorin auf eigenen Beinen zu stehen. Bevor Sylvia Plath, Tochter österreichischer Einwanderer in die USA, diesen inzwischen legendären Freitod während eines der kältesten Winter im London des Jahres 1963 wählte, gingen ihm mehrere Suizidversuche voraus.

Es waren Hilferufe aus einer tiefen Depression heraus, die nicht zuletzt mit einer allgemeinen Überforderung verbunden war. Mutter, Ehefrau des berühmten Dichters Ted Hughes und Schriftstellerin – das war zu viel! Ironisch wie gleichsam traurig lesen sich daher jene Zeilen in „Euphorie“, dem just veröffentlichten „Sylvia-Plath-Roman“: „Auf diese Weise wurde man aus tiefstem Herzen geliebt: Man dachte Überfluss, man suhlte sich nicht in alten Kränkungen, man nahm Vitamintabletten und hielt sich gesund, man schlief, wenn die Kinder schliefen. So wurde man aus tiefstem Herzen geliebt: Man wartete den richtigen Zeitpunkt ab, man schrieb seine Gedichte, man hielt sich an die Routine, man fand Wege zu versuchen, sich selbst zu lieben.“

Die Biografin und ihre Figur

Was sich Elin Cullhed mit feinsinniger Psychologie in einer fiktionalen, mithin biografisch grundierten Prosa widerzuspiegeln bemüht, bringen die Poeme der mit gerade einmal Anfang dreißig verschiedenen Plath unmittelbar zum Ausdruck. Sie schwanken zwischen Sehnsucht und Stillstand, sie schwingen sich zu kurzen Feiern des Augenblicks auf, um sodann nur wieder die beklemmende Finsternis des Daseins zu erfassen. Allen voran in den späten Gedichten von 1960 bis 1963, die nun anlässlich des 90. Geburtstages der Ausnahmelyrikerin in einer zweisprachigen Ausgabe (Übersetzung und Nachwort: Judith Zander) erschienen sind, lassen sich diese kaum voneinander zu trennenden Pole des Schreibens studieren.

Erkennbar wird eine Autorin auf der Suche. Nicht selten steht am Anfang noch die Ernüchterung wie in der Miniatur „Liebesbrief“. „Ich blieb aus Gewohnheit unbewegt“, berichtet darin das lyrische Ich. Es hat sich offenbar in seiner Einsamkeit eingerichtet. Doch dann beginnt ein Frühling der Gefühle: „Ich glänzte, glimmerschuppig, und goss / Im Entfalten mich aus zwischen Vogelfuß / Und Pflanzenstiel wie eine Flüssigkeit […] Ich begann, wie ein Zweig im März zu knospen“. Die Pracht und den Glanz der Tage weiß Plath in all ihren Ausprägungen immer wieder zu zelebrieren, mal besingt sie „das einzig vollkommene Schöne“ im Auge eines Kindes oder die erhabene „Formlosigkeit des Meers“ unter den Klippen von Finisterre, mal entdeckt sie in Kerzen „umgekehrte Herzen“ und „die Körper von Heiligen“. Diese Freude an Bildern und Assoziationen mutet stets so virtuos wie berührend an.

Doch auch das Bewusstsein des Gefährdetseins wohnt diesem oft verliebten Blick auf die Welt inne. Es reicht von finsteren Bekenntnissen à la „Diese Gedichte leben nicht: eine traurige Diagnose“ bis hin zu einem Ringen mit der Aussichtslosigkeit der Gegenwart. So trifft man in „Unerklärlich“, dem letzten Gedicht des Bandes, auf Verse, die inmitten der Tristesse aus „salzigen Leichentücher[n]“ und „schwarzer Luft“ unnachgiebig nach Rettung fragen: „Was ist das Gegenmittel?“, „Gibt es keine große Liebe, nur Zärtlichkeit?“ Wer vermag das schon zu beantworten? Fest steht nur das auch den Titel der Kompilation bildende Postulat: „Das Herz steht nicht still.“ Es hält sich wacker, solange das Schreiben seinen Puls vorgibt.

Berühmt durch „Die Glasglocke“

Durchhaltevermögen musste die posthum insbesondere durch ihren Lyrikband „Ariel“ (1965) und ihren (einzigen) Roman „Die Glasglocke“ (1962) berühmt gewordene Sylvia Plath im Laufe ihres kurzen Daseins immer wieder beweisen. Allen voran als Familienmanagerin, die sich gegen die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit, gegen das Gebot von Kind und Kegel auflehnte. So avancierte sie zu einer Ikone der weiblichen Emanzipation, obwohl sie sich selbst, wie Simone Frieling in ihrer profunden Biografie „Sylvia Plath. Jeder sollte zwei Leben haben“ schreibt, nicht als Feministin bezeichnete. Doch das „Bild einer genialen Künstlerin, die, von ihrem Ehemann betrogen und verlassen, unter der Doppelbelastung als Mutter und Schriftstellerin zusammenbricht“, schuf einen noch bis heute kolportierten und beharrlichen Mythos.

Statt sich jedoch ästhetisch oder weltanschaulich vereinnahmen zu lassen, setzte die Autorin auf ein poetisches Arbeiten im Zeichen von Dynamik und Bewegung. In ihren Gedichten geht es neben den großen Motiven der Lyrik wie Liebe, Natur oder die sonst selten behandelten der Mutterschaft und Geburt häufig um das Ausloten von Identität. In dem bewegenden Text „Spiegel“ skizziert sie beispielsweise den Werdegang einer Dame aus Sicht der titelgebenden und mit einem See verglichenen Fläche. Sie „sucht meine Weiten ab nach dem, was sie wirklich ist“. Mit jedem Tag, Monat und Jahr notiert sie ihren fortschreitenden Verfall. „In mir“, so der Spiegel weiter, „hat sie ein junges Mädchen ertränkt, und eine alte Frau / Steigt in mir Tag für Tag zu ihr auf, wie ein schrecklicher Fisch.“

So anekdotisch diese Verse anmuten, so klar bergen sie die Beobachtung der Autorin, dass die Übereinstimmung von Geist und Körper einer Chimäre gleicht. Frieling zufolge wird Plath dieser Einsicht insbesondere nach den schmerzvollen Elektro- und Insulinschocktherapien in der Psychiatrie gewahr. Die Angst davor, diese Eingriffe erneut über sich ergehen zu lassen, sollte die Schriftstellerin nicht mehr verlieren. Befreien konnte sie sich davon erst durch ihre Kunst, die sie in einem ihrer Gedichte mit dem Küchenhandwerk vergleicht: „Ich sollte meine Tage zuckern und einwecken wie Obst!“ Dieser humorvolle Selbstappell basiert wohl auf falschem Understatement. Denn keines ihrer Werke erinnert nur im Hauch an konserviertes Gut, jedes Wort, jeder Satz aus Plaths Feder entspringt einer noch heute spürbaren künstlerischen Schöpfungskraft.

Sylvia Plath: Das Herz steht nicht still. Späte Gedichte 1960-1963. Zweisprachige Ausgabe. Herausgegeben, aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Judith Zander. Suhrkamp, Berlin 2022. 224 Seiten, 25 Euro.

Elin Cullhed: Euphorie. Ein Sylvia-Plath-Roman. Aus dem Schwedischen von Franziska Hüther. Insel Verlag, Berlin 2022. 335 Seiten, 24 Euro.

Simone Frieling: Sylvia Plath. Jeder sollte zwei Leben haben. Ebersbach & Simon, Berlin 2022. 144 Seiten, 19 Euro.