Die Jungen müssen es richten. „Zweifeln Sie nie daran: Sie können die Dinge verändern“, ruft Salman Rushdie den Absolventen einer US-Hochschule zu und entschuldigt sich „für das Chaos, das wir Ihnen hinterlassen“. Seine Generation habe sich stets für progressiv und tolerant gehalten, bekennt der 1947 in Bombay geborene Schriftsteller, „und doch hinterlassen wir Ihnen eine intolerante, rückwärtsgewandte Welt“.

In Vorlesungen und Vorträgen, Nachrufen und Vorworten, Essays und Artikeln kann man Rushdie nun noch besser kennenlernen. Schriften von 2003 bis 2020 sind unter dem Titel „Sprachen der Wahrheit“ versammelt. Es geht in dem Buch natürlich um Literatur, aber auch um Politik, Gesellschaft, Filme, Freunde. Rushdie beweist sich auch in der kleinen Form als engagierter Weltbürger, kultureller Allesfresser und begnadeter Fabulierer. Die Übersetzung von Sabine Herting und Bernhard Robben liest sich ebenso locker, wie Rushdie spricht.

Ein Autor muss sich der Wahrheit mit Lügen nähern

Im ersten Teil entwickelt Rushdie in mehreren Texten eine Poetik. Die Tradition des Realismus sei zu „endloser Wiederholung verurteilt“, schreibt er. Wer innovativ sein wolle, müsse sich „der Wahrheit mit Lügen annähern“. Er bevorzuge „diese andere Art von Literatur, die man die poetische Tradition nennen mag, welche realistischer ist als der Realismus, denn die korrespondiert mit dem Irrealismus der Welt.“ Er schreibt über Autoren, die er bewundert – Calvino, Grass, Bulgakow, García Marquez – und Autoren, mit denen er befreundet ist, wie Harold Pinter: „Kein Schriftsteller in Not könnte sich einen besseren Verbündeten wünschen.“

C. Bertelsmann
Das Buch

Salman Rushdie: Sprachen der Wahrheit. Texte 2003–2020. Aus dem Englischen von Sabine Herting und Bernhard Robben. C. Bertelsmann, München 2021. 480 Seiten, 26 Euro.

Nicht-Leser kennen Salman Rushdie durch die Fatwa, die nach Erscheinen von „Satanische Verse“ gegen ihn ausgesprochen wurde. „Das Spektakel eines despotischen, antiquierten Idealen anhängenden Klerikers, der ein Todesurteil über einen im Ausland lebenden Autor verhängte und dann Todesschwadronen ausschickte, die dieses Urteil vollstrecken sollten“, sagt er im Rückblick. Rushdie lebt seit 20 Jahren in New York, wo er sich laut Verlag völlig frei bewegen kann und keinen Personenschutz mehr hat.

Lange, lange habe er die Hoffnung gehegt, „die beste Verteidigung würde das Buch selbst sein“ und „die Person, die ich war“. Aber das seien Gedanken gewesen „aus einer Zeit, bevor wir alle zu viel Angst vor der Religion im Allgemeinen und vor einer speziellen Religion im Besonderen bekamen“. Inzwischen sei „hasserfüllte religiöse Rhetorik“ zu einer der gefährlichen Waffen der Welt geworden. In dem berühmten Proust-Fragebogen, der am Ende des Buches steht, beantwortet er die Frage nach der am meisten überschätzten Tugend mit: „zu glauben“.

Rushdie warnt vor politischen Angriffen auf die Wahrheit

Dass die Fatwa die Aufmerksamkeit von seinen Büchern auf seine Person umlenkte, ärgert ihn ebenso wie die Frage nach dem Autobiografischen. In früheren Jahrhunderten hätten die Menschen akzeptiert, dass Leben und Literatur verschiedene Dinge seien, „heute ist das nicht mehr der Fall“. In den jüngeren Texten des Bandes geht es um „Trumpistan“, den Hindu-Nationalismus in Indien oder die Menschenrechte in China. „Wir leben in einer Zeit beispielloser Angriffe auf die Wahrheit“, schreibt Rushdie, an anderer Stelle gar: „Wir stehen inmitten der Trümmer der Wahrheit.“ Besonders besorgniserregend findet er die wachsende Zustimmung, Zensur könnte gerechtfertigt sein, sobald gewisse Gruppen sich angegriffen fühlen. Aber Kunst entstehe „nie in der sicheren Mitte, sondern immer an den Rändern“.

Der Buchtitel bezieht sich auf die Vielstimmigkeit der Welt, die zu erhalten Rushdie sich zur Lebensaufgabe gemacht hat: „Ich behaupte schon den Großteil meines Schriftstellerlebens“, schreibt er, „dass die Welt sich vielleicht am besten durch widersprüchliche und oft unvereinbare Narrative erklären lässt.“ Um die Welt vor Intoleranz und Engstirnigkeit zu retten, brauche es einen Zauber, „den Zauber der Sprachen der Wahrheit“.