Berlin - Dass der kleine Wettbüro-Zocker Tom dem Albaner 12.000 Euro schuldet und die bis morgen zurückzahlen muss, ist eines, und das schafft er. Dass die AfD mit der gefakten Entführung eines alten Kämpfers auf Stimmenfang geht und den Alten ausgerechnet in einer der Wohnungen unterbringt, die Toms Vater sich aus Stasibeständen unter den Nagel gerissen hat, ist was anderes, und das schafft ihn. Und so rackert Tom sich in Johannes Groschupfs vogelwilden Thriller „Berlin Heat“ durch den superheißen Nach-Corona-Sommer und versucht, sein beschissenes kleines Leben in Ordnung zu bringen. Die schöne Marla mag das und später dann, als die Wellen über ihm zusammenschlagen, auch die lebenskluge Polizistin Romina.

Alle zerren sie an ihm, der Albaner, seine Schläger, der durchtrainierte irre Ronny aus der ganz rechten Ecke, sein eigener Vater, die Polizei, alle, in diesem sozialen Wackeltänzchen zwischen Fennpfuhl, Kreuzberg und den schmuddeligen Ecken der Potsdamer Straße. Und Tom trudelt durch diese verrückte, köchelnde, auseinanderberstende Hauptstadt in diesem verrückten Berlin-Roman, wie es lange keinen gegeben hat.

Im Stakkato zieht uns Groschupf durch den glibbrigen Auswurf dieser Gesellschaft, der so schön glitzert, wenn ihn die „Abendschau“ zeigt, und der grauenhaft ist, wenn man drin oder daneben leben muss und der dort draußen jeden Tag 24/7 abläuft wie der mieseste geilste Film, den du je gesehen hast. Eines aber gönnt Groschupf seinem komischen Loser: extraguten Sex (sieht man von dem einen eher unappetitlichen Zwischenfall ab) unterm Denkmal für die Befreiungskriege auf dem Kreuzberg, auf einem Kran am Marheinekeplatz oder bei Romina in Oberschweineöde. Für sie heißt Tom am Ende Burnie, aber nicht, weil es so heiß ist in Berlin, sondern weil der Hitler-Fanatiker Ronny schwerbewaffnet durch das Holocaustdenkmal rauscht. „Berlin Alexanderplatz“ war vorgestern, „Berlin Heat“ ist heute.

Johannes Groschupf: Berlin Heat. Thriller. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2021. 256 Seiten, 14,95 Euro.