Was würden Sie fühlen, denken und tun, wenn sich der Nachbar ihres frischerworbenen Landdomizils als „Dorf-Nazi“ vorstellt? Juli Zeh hat um diese Frage ihren neuen Roman „Über Menschen“ gebaut. Er erzählt von der Werbetexterin Dora, die während des ersten Lockdowns aus Berlin ins brandenburgische Bracken zieht. Während sie im April ein Stück ihres neuen Gartens umgräbt, lernt sie den Mann mit sauber rasiertem Schädel kennen. Sie selbst kommentiert den Moment so: „In der Agentur entwickeln sie ständig solche Szenen. Junge Frau, die aufs Land gezogen ist. Leicht verunsichert von der neuen Umgebung, aber fest gewillt, alles toll zu finden. Trifft ihren neuen Nachbarn. ‚Angenehm, ich bin hier der Dorf-Nazi‘ – und freeze. Die Szene friert ein.“

Im Roman geht’s natürlich weiter. Dora freundet sich vorsichtig mit dem Nachbarn an, staunt über miserablen öffentlichen Nahverkehr, bestellt ihr erstes Beet. Außerdem denkt sie über ihre Vergangenheit nach, ihre Arbeit in einer Agentur und ihren Ex, den Journalisten Robert. Der schrieb über Corona und Klimakrise, trennte (wegen des Klimas) manisch Müll und kontrollierte (wegen Corona) Doras Ausflüge ins Freie. Schlaglichtartige Momente führen Roberts zwanghafte Korrektheit vor, außerdem erinnert sich Dora an Passanten, die sich aus Infektionsangst anschreien und mit Abstandsmessgeräten herumfuchteln.

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