Was ändert der Krieg, fragt Herta Müller. Er ändert die Sprache. Die Literaturnobelpreisträgerin sitzt an einem schwarzen Tisch auf der Bühne des Gorki-Theaters und liest den Text eines anderen Autors, macht ihn sich zu eigen. „Plötzlich finden sich unter den Bekannten Einberufene, Verwundete und Gefangene.“ Herta Müller spricht für Serhij Zhadan, wie später auch noch Yurij Gurzhy, der den Schriftsteller und Musiker seinen Freund nennt. Er habe vorher noch mit ihm geschrieben. Serhij Zhadan sei bei seiner Familie in Charkiw im Keller.

Am Freitagnachmittag erst, also etwa 24 Stunden zuvor, hatte das Gorki veröffentlicht, dass es seine Bühne Schriftstellern wie Julia Franck und Dmitrij Kapitelman, Nora Bossong und Deniz Yücel öffnen werde, um „sprachlos die Sprache zu verteidigen“. Alle hätten innerhalb von nur zwei Stunden zugesagt, hieß es zu Beginn im vollbesetzten Theater (nach Impfnachweiskontrolle und mit Maskenpflicht). Keiner kam um des eigenen Werks willen, sondern um den Blick auf Literatur aus der Ukraine zu lenken. Bevor der Historiker Karl Schlögel sich setzte, um einen Text von Artur Klinau vorzutragen, rief er „Slawa Ukraini“, es lebe die Ukraine!, ins Publikum, das den Ruf zum Teil zurückgab und heftig applaudierte, über den Gänsehautschauer hinweg. Der Nachmittag war so etwas wie eine Demonstration im Sitzen, mit Theaterlicht und der Kraft der Literatur.

Der Dichter Durs Grünbein wählte Lyrik von Maria Stepanova, übertragen von Olga Radetzkaja, einer der Initiatorinnen der Lesung. Als Stepanova, 1972 in Moskau geboren, den Zyklus „Krieg der Tiere und Untiere“ schrieb, griff sie damit auch den Einmarsch die Donbass-Region an. Grünbein machte klar, warum er diese Poetin gewählt hat, obwohl sie nicht aus der Ukraine stammt: „Es gilt in dieser Stunde einen wichtigen Unterschied zu treffen zwischen Russland und Putinland.“

Und darin liegt vielleicht die größte Hoffnung.