Soldaten kommen auf den Marktplatz, wo die Puppenspieler Sonya und Alfonso für die Nachbarn ein Stück aufführen. Seit die Stadt Vasenka militärisch besetzt ist, sind Versammlungen jeglicher Art verboten. Die Soldaten brüllen, dass die Leute auseinandergehen sollen. Ein Junge, befremdet von der Aktion, kichert. Den Befehl konnte er nicht hören, denn er ist taub. Er wird erschossen.

Mit dieser Szene, knapp, wie protokollierend beschrieben, beginnt Ilya Kaminskys „Republik der Taubheit“. Als die Puppenspielerin Sonya zu dem toten Petya geht, wechselt der Rhythmus von der Prosa in die Lyrik: „Vierzehn von uns sehen zu:/ Sonya küsst seine Stirn – ihr Schrei ein Loch// in den Himmel gerissen, lässt es die Parkbänke und Verandalichter flirren./ Wir sehen Sonyas Mund// die Nacktheit/ einer ganzen Nation.“

Dann geschieht etwas, womit die Besatzer nicht gerechnet haben. „Unser Land erwachte am nächsten Morgen und weigerte sich, die/ Soldaten zu hören./ Im Namen Petyas verweigern wir uns.“ Um acht schließt die Bäckerei vor einem Soldaten ihre Tür. „Um zehn schreibt Momma Galya mit Kreide NIEMAND KANN EUCH HÖREN an die Tore der Soldatenbaracken.“

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Russische Soldaten bewachen eine organisierte Pressereise in der besetzten Stadt Cherson in der Ukraine. Das Buch weist erschreckende Parallelen zur russischen Invasion der Ukraine auf.

Die Sprache klingt, als würde sie vom Geschehen diktiert

Ilya Kaminsky erzählt von einem kollektiven Widerstand, sein „wir“ sind die Einwohner der fiktiven Stadt, die wie ein Chor sprechen. Einzelne Personen schälen sich immer wieder aus dieser Gruppe heraus, darunter Sonya, deren Cousin Petya war. Auch ihr Mann Alfonso, der sich an seine Mitbürger wendet und sich bedankt, dass ihr früherer Streit „nun endet, danke für die Taubheit“. Sein Kind ist zunächst noch seepferdchenklein in Sonyas Bauch, später wird es als Anuschka bei Galya leben, der Besitzerin der Puppenbühne.

Der Text ist von expressiver Kraft, Beschreibungen sind auf kurze Wortgruppen verdichtet, Aktionen in wechselndem Rhythmus gestaltet. Auf dicht erzählte Passagen folgen Verse, manche kinderliedartig gereimt, andere von der flehentlichen Tragik eines Gebets. Die Sprache klingt, als würde sie vom Geschehen diktiert. Wenn man „Republik der Taubheit“ liest, am besten laut, wird man hineingezogen in einen Klangraum, in dem das Staunen, die Wut und die Trauer sich mehrdimensional entfalten.

Ein Lob der Übersetzerin Anja Kampmann

Dass dies so erlebbar ist beim Lesen, liegt natürlich zuerst am Verfasser selbst. Aber doch auch an der Übersetzerin aus dem Englischen, die in diesem Falle Nachdichterin ist: Anja Kampmann. Bekannt wurde sie 2018 mit dem Roman „Wie hoch die Wasser steigen“, ihr drei Jahre später veröffentlichter Gedichtband „Der Hund ist immer hungrig“ zeigte noch deutlicher, was sie kann. Sie lässt nun Ilya Kaminskys Worte und die Pausen zwischen ihnen auch im Deutschen wirken.

Wer einen Vergleich zum Original sucht, findet ihn auf YouTube. In einem Video trägt der Autor das Gedicht „Wir lebten glücklich während des Krieges“ („We lived happily during the war“) vor, das den vorliegenden Band eröffnet. Es klingt, als wäre es in diesen Tagen erst entstanden, weil es das Paradoxon zeigt, in dem viele Menschen im Moment stecken: „Und als sie die Häuser der anderen zerbombten/ protestierten wir,/ aber nicht genug, aber nicht/ genug.“ Das lyrische Ich befindet sich in Amerika, dem „großartigen Land des Geldes“, wo Verbrechen geschehen, wo man von den Verbrechen anderswo erfährt, wo aber doch auch die Sonne scheint und ein Alltag stattfindet.

Das Besondere der Dichtung Kaminskys hängt nicht nur mit seinem Talent oder seiner Gabe, sondern auch mit seiner Biografie zusammen, politisch und persönlich. Er wurde 1977 in einer ukrainisch-jüdischen Familie in Odessa geboren. Seine Jugend verbrachte er während der Stagnation und des Perestroika-Aufbruchs in der Sowjetunion, er erlebte das schwierige Ende des sozialistischen Riesenstaates. Er war 16, als er in die USA kam und Asyl fand. Er lebt heute in Atlanta und schreibt auf Englisch. Bevor er Gedichte zu veröffentlichen begann, machte er eine Jura-Ausbildung und während einiger Jahre in San Diego gab er aus Mexiko Geflüchteten kostenlose Rechtsberatung. Im Jahr 2019, als „Republik der Taubheit“ im Original erschien („Deaf Republic“), wählte die BBC ihn zu einem der zwölf Künstler des Jahres, die mit ihrer Arbeit die Welt verändert hätten.

Kaminsky hat nie die Stimme seines Vaters gekannt

In seinen Texten verbinden sich also die Kulturen. Die Erfahrung der Mehrsprachigkeit liegt bei Kaminsky aber noch anders als bei den vielen Autoren, die das Land ihrer Geburt verlassen haben. Denn er befand sich lange in einer erzwungenen Abschottung. Als er vier Jahre alt war, erkannten Ärzte nicht, dass er an Mumps erkrankt war, Komplikationen führten dazu, dass er sein Gehör verlor. Erst in den USA bekam er ein Hörgerät. Sein Vater war kurz zuvor gestorben, ohne dass Ilya Kaminsky dessen Stimme wahrnehmen konnte. „Ich habe die Welt durch Bilder kennengelernt“, sagt er in Interviews, „schreiben ist für mich etwas Visuelles.“

Er bringt diese Bilder auf eine Weise in Worte, dass sie bei denen, die sie lesen, wieder Bilder erzeugen. „In diesen Straßen ist Taubheit unsere einzige Barrikade“, heißt es in „Republik der Taubheit“, wenn die Soldaten Menschen anherrschen, die nur stumm auf ihre Ohren deuten und auf Lastwagen gepackt werden. Eine sehr durchlässige Barrikade. Die Frauen, die sich wehren, werden weggeschafft, und andere Frauen werden ebenfalls mitgenommen, einfach, weil sie Frauen sind. „Heute haben sie fünfzig Frauen in der Lernastraße erschossen“, schreibt Kaminsky, für Galya sprechend. Sie wendet sich an das Kind von Sonya und Alfonso: „Ich setze mich hin, um dir zu schreiben und zu sagen, was ich weiß: Ein Kind erfährt die Welt, indem es sie in den Mund steckt, ein Mädchen wird zur Frau und eine Frau wird Erde.“

AFP/Sergey Bobok
Ein Kapitel des Buches ist Serhij Zhadan gewidmet. Der ukrainische Schriftsteller bleibt in seiner Heimatstadt Charkiw, die immer noch täglich unter russischem Beschuss steht.

Der Diktator hat gesiegt

Das Land kapituliert, in den Straßen hängen Porträts „eines berühmten Diktators“. Der Autor lässt eine Hoffnung da mit der Geheimsprache, in der die Menschen sich gewaltlos verbünden: „Und doch gibt es Nächte, in denen die Einwohner der Stadt die Lichter abdunkeln und ihren Kindern Gebärden beibringen.“

Einer der Texte in dem Buch ist Serhij Zhadan gewidmet. Der Dichter und Romancier ist immer noch in der Ukraine, in Charkiw, wo gerade wieder Raketen einschlagen. Ilya Kaminskys so besonderes Buch „Republik der Taubheit“ gilt einer universellen Menschlichkeit. Derzeit aber ist es auch eine dringliche Einladung, an die Menschen in der Ukraine zu denken.

Ilya Kaminsky: Republik der Taubheit. Aus dem Englischen von Anja Kampmann. Hanser, München 2022. 104 Seiten, 22 Euro