„Ich habe mich nie an eine chronologische Reihenfolge gehalten. Sie hat für mich nie existiert. Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich in einer Art Transparenz, und jeder Augenblick, den ich in meiner Jugend erlebt habe, erscheint mir, losgelöst von allem, in einer ewigen Gegenwart“, schreibt Patrick Modiano in seinem neuen Roman „Unsichtbare Tinte“.

Dieser Schriftsteller ist ein Erinnerungsfetischist. Jedes neue Buch, so hat er 2014 bei der Verleihung des Nobelpreises gesagt, lösche im Augenblick des Schreibens das vorangegangene aus. Sein neuer Roman „Unsichtbare Tinte“ scheint sich nicht n a c h, sondern bereits i m Schreibvorgang von Gedächtnislücke zu Gedächtnislücke selbst auslöschen zu wollen. Das ist irritierend, aber ist es auch wirklich neu? Selten hat es in meinem Leben als Leserin einen Autor wie Modiano gegeben, der mich über Jahrzehnte begleitet hat, ohne dass ich ihn loswerden konnte.

An wem liegt das wohl?

In den Büchern von Patrick Modiano herrscht oft, oft die verlorene Stimmung eines Samstagnachmittags oder eines frühen Sonntagabends. Dann verschwinden Menschen wie eine Faust, wenn die Hand sich öffnet. Meistens ist es ein Mann, der danach die verschwundene Frau sucht. Selbst wenn im neuen Roman „Unsichtbare Tinte“ die männliche Ich-Erzählstimme auf der Hälfte des Buchs auf eine zweite, weibliche Perspektive wechselt, so ist mir, als suche trotzdem ein Mann, vielleicht der immergleiche Mann, das Immergleiche, nämlich etwas, das sich Frau nennt, um in der Suchbewegung (oder in der Frau?) selber zu verschwinden. Ein Trick oder ein Tick? Magie oder Taschenspielerei? Der Originaltitel des neuen Modiano-Romans lautet: „L’encre Sympathique“. Das ist die Bezeichnung für eine Geheimtinte, die wie Milch auf weißem Papier als Schrift nicht sichtbar wird.

Patrick Modiano, geboren 1945 in Boulogne-Billancourt als Sohn eines italienisch-jüdischen Kaufmanns und einer flämischen Schauspielerin, wuchs in Internaten auf. Seinen ersten Roman schrieb er mit 22 Jahren. Mich, als Leserin, begleitet er seit Anfang der Achtziger, als ich seinen ersten Roman „Die Gasse der dunklen Läden“ las. Denise, ein schönes Mannequin, ist dort verschwunden. Ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, nimmt die Position des Ich-Erzählers ein. Die Handlung kommt in diesem ersten wie auch nun im bislang letzten Roman von Modiano in dem Jahr in Gang, in dem die meisten seiner Bücher angesiedelt sind: 1965.

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Judith Kuckart

Judith Kuckart (geb. 1959 in Schwelm/Westfalen) lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Regisseurin in Berlin und Zürich. 1986 gründete sie das Tanztheater Skoronel in Berlin. Bis 1998 realisierte sie siebzehn Skoronel-Produktionen, unter anderem in Koproduktion mit der Oper Wuppertal, der Oper Duisburg und dem Berliner Ensemble. 2019 erschien ihr Roman „Kein Sturm, nur Wetter“ bei Dumont.

Was geschah 1965? Ich weiß es nicht, da war ich erst fünf, aber weiß es der Autor – genau? Will er das überhaupt wissen? Ich will es nicht! Oder wissen es im Nachhinein dann doch nur die Literaturwissenschaftler? Ich jedenfalls habe Modiano immer gern gelesen. Modiano glaubt, so sagen seine Bücher, an ein unsichtbares Netz zwischen den Menschen über die Jahrzehnte hinweg, und dass ein jeder das Geheimnis seiner Geschichte vor den Augen des Lesers um den Hals eines anderen legen darf. Das hat mir gefallen. Modianos Beschreibungen geben meiner eigenen Wahrnehmung ein fremdes Gewicht. Und so ist dann alles gekommen.  Noch immer suche ich seit dem ersten Roman „Die Gasse der dunklen Läden“ nach der verschwundenen Denise in all den folgenden Romanen, selbst wenn die Verschwundene mittlerweile Noelle Lefebvre heißt. In ihrem sporadisch geführten Kalender hat diese Noelle den Satz hinterlassen: „Hätte ich gewusst …“ Ihre Spur führt in ein Dorf in der Umgebung von Annecy. Dort stammt auch der Ich-Erzähler her. Dann führt die Spur nach Rom. In Rom, schreibt Modiano, stellt man Zufallsbekanntschaften nie indiskrete Fragen über ihren Beruf oder ihr Privatleben. „Man akzeptiert sie stillschweigend, als kenne man sie schon immer. Man errät alles von ihnen, ohne nach irgendwas zu fragen ...“

In Rom begegnen sich auch der Mann, der den ersten Teil des Romans in der Ich-Form erzählt hat, und jene Frau, die in der dritten Person weitererzählt. Das ist flirrend kompliziert und versponnen vertrackt, und ich hoffe noch immer: Noelle ist eigentlich Denise, denn ich bin treu. Aber Noelle ist es auch. Sie erinnert sich, in der dritten Person, an ihn, den Mann, der ein halbes Buch lang von sich erzählte: „Den Winter hindurch, mit dem Sonntagsbus, fuhr er zurück ins Internat. Mehrmals hatte sie ihn begleitet. … Und er, hatte er sie wiedererkannt? Sie wusste es nicht. Morgen würde sie als erste reden, ihm alles erklären …“ Ich vermute, dieses „Morgen“, wenn es dazu käme, würde wieder mit männlicher Stimme sprechen und weiter auf melancholisch-poetische Weise um eine wichtige Erkenntnis der Gehirnforschung kreisen: Wir sind, was wir vergessen haben.

Modiano lässt seinen Ich-Erzähler in „Unsichtbare Tinte“ gleich zu Anfang sagen: „Ich habe mich nie an eine chronologische Reihenfolge gehalten.“ Auch ich mag in einem Modiano-Roman nicht nachträglich eine Zeitachse einziehen oder logisch werden. Ich sage mir einfach, Modianos Bücher erzählen unter dem Schlüsselwort „Verschwinden“ vom immergleichen Verlust. Meiner, seiner? Egal! Seine Bücher sind Krimis, die nicht dem Täter und eigentlich auch nicht dem Opfer, sondern der Spur auf der Spur sind. Jedenfalls bleibt auch nach diesem neuen Roman von Patrick Modiano, der auf Deutsch nun doch nicht so ganz richtig „Unsichtbare Tinte“ heißt, die Welt rätselhafter nach der Lektüre zurück, als sie davor war. Für eine Weile, wenigstens.

Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser, München 2021. 144 Seiten, 19 Euro