„Unter einem Zuckerhimmel“: Gedichte von Christoph Ransmayr

Mit Romanen wurde der Österreicher weithin bekannt. Seine Lyrik nun hat ein verführerisches Pathos, das uns in die Nähe des Göttlichen hebt. 

Christoph Ransmayr bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2020 durch Bundespräsident Steinmeier im Schloss Bellevue.
Christoph Ransmayr bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2020 durch Bundespräsident Steinmeier im Schloss Bellevue.dpa/Carsten Koall

Es ist vielleicht sein höchster Berg. Immer weiter steigt der Wanderer hinauf, bis er selbst die Wolkendecke, die „Grenze / zwischen einem unüberschaubaren Diesseits / und einem […] verborgenen Jenseits“ hinter sich lässt. Derweil liest er die Schrift der Landschaft. Noch von vergangenen Jahrhunderten erzählen heilige Steine, die Pilger in einen Fluss versenkten, „damit die Strömung […] Gebete / ans Meer trage und so jedes Wort bewegt“. Findet er am Gipfel indessen die Erlösung? Gewiss ist: Die Götter muss es geben, irgendwo, aber von oben führt „jeder Weg in den Abgrund, / zurück zu den Menschen“.

Ziemlich deprimierend klingt ein solcher Schluss, sollte man meinen. Doch die Sachlage in Christoph Ransmayrs von herrlichem Pathos durchdrungenen Balladen stellt sich als komplexer dar. Kein Aufbruch mündet in ungetrübtem Glück, sondern hat – ganz im dialektischen Sinne – bereits den Wunsch zur Rückkehr im Gepäck. Nachdem die Abenteuer erlebt wurden, folgt ein lyrisches Ich seinem Heimweh, um, zu Hause angekommen, nur wieder von unbekannten Gefilden zu träumen. „Wer bleibt, ist verloren“, so das Motto eines dynamischen, ja geradezu faustischen Verständnisses vom immer unsteten Menschen.

Die ganz großen Fragen

Keine Frage, dieser Lyrik aus der Feder eines Mannes, der sich vor allem als virtuoser Romancier einen Namen gemacht hat, geht es nicht um avantgardistische Modeerscheinungen, sie ringt um die ganz großen Fragen: Wo finden wir Sinn und wie gehen wir mit dem Tod um? Wie Ransmayr schon in seinem Vorwort festhält, dienen ihm vor allem die Mythen aus seiner Kindheit als Ankerpunkt. Neben den ihm seit dieser Zeit vertrauten Allmächtigen auf dem Olymp treffen wir daher immer wieder auf Figuren wie Odysseus, Telemach oder den Argonauten Nestor, der Iason bei der Suche nach dem goldenen Vlies zur Seite stand. Sie alle repräsentieren das Heldische und Titanenhafte.

Obgleich dem 1954 geborenen Weltenbummler jedwede Aura des Autoritären fehlen mag, so lassen Themen und Stil eine Nähe zur Lyrik Stefan Georges oder der Philosophie Friedrich Nietzsches erkennen. Allen voran die mehrfache Erscheinung des sich von der Gesellschaft loslösenden und alle Hindernisse überschreitenden „Einzigen“ erinnert unmittelbar an Zarathustra, der die Askese wählt, bevor er als Künder vor den Menschen im Tal auftritt.

Dass es Ransmayr bei dieser ernst gemeinten Heraufbeschwörung des Subjekts im Zeitalter, in dem die Rede vom Tod des Autors noch immer nachwirkt, übrigens nicht an Ironie mangelt, offenbart die Ballade „Jägerin im Sonnenbad“. Statt dem nach Höherem strebenden Nomaden wandelt eine grazile Katze im Mittagslicht durch die Ruine eines einstigen arkadischen Tempels. Ihr „Eigensinn“ und ihre Vorliebe für den bequemen Schoß wie gleichsam den Beutezug auf Mäuse machen sie auf amüsante Weise zur eigentlichen Herrscherin des sakralen Ortes.

Eine andere Ebene: Bilder von Anselm Kiefer

Der spirituelle Kern aller Texte bleibt indessen geheim und äußert sich in einer ungemein poetischen Schönheit; unterstrichen, ja, ins Weite entfaltet wird sie derweil noch durch die zu den Gedichten entstandenen Aquarelle des Künstlers Anselm Kiefer. Ineinander übergehende Farben und Materialen (mitunter Acryl, Kohle, Bleistift) erzeugen einen Tiefensog. Eröffnet wird uns aus dem Zusammenspiel von Schrift und Malerei eine metaphysische Sphäre – gänzlich unzeitgemäß, aber gerade dadurch so faszinierend!

Christoph Ransmayr: Unter einem Zuckerhimmel. Balladen und Lyrik. Illustriert von Anselm Kiefer. S. Fischer, Frankfurt am Main 2022. 208 Seiten, 58 Euro.