Berlin - Über Till Raethers Berlinroman „Treue Seelen“ hängt der radioaktive Fallout, denn es ist der verhängnisvolle Mai des Jahres 1986, und während in der Sowjetunion wenige Tage zuvor ein Kernkraftwerk explodiert ist, implodiert beim jungen Bonner Ingenieur Achim die Beziehung.

Achim hat zwar bei der Zehlendorfer Bundesanstalt für Materialprüfung eine Stelle bekommen und mit seiner Lebensgefährtin eine Wohnung ganz in der Nähe gefunden, fängt aber auch schnell eine Affäre mit der Nachbarin Marion an. Die ist mit dem Wachschützer Volker verheiratet, hat zwei Kinder und ist damals, kurz vor dem Mauerbau, aus Ostberlin geflüchtet. Als Volker dahinterkommt und Achim bei einer kuriosen Motorradfahrt über die Avus die Hölle heiß macht, nehmen sie regelmäßig die S-Bahn und fahren zusammen rüber nach Prenzlauer Berg, wo sie irgendwann auch Marions Schwester in die Arme laufen.

Wegen „Dschernobbl“ – Marion arbeitet in Dahlem im PX-Store der US-Army – macht man sich in Zehlendorf über belastetes Gemüse und verstrahlte Sandkästen Gedanken, während Umweltgruppen im Prenzlauer Berg verzweifelt versuchen, etwas über das Ausmaß der Strahlung zu erfahren, weil die DDR-Führung aus Rücksicht auf den Bruderstaat Informationen verfälscht oder zurückhält. Als Achim einen Geigerzähler in Einzelteile zerlegt über die Grenze schmuggelt, landet er im Stasiknast Hohenschönhausen.

Till Raether (52) ist mit einer Reihe von Kriminalromanen um den Hamburger Kommissar Danowksi bekannt geworden. In „Treue Seelen“ ist er allerdings weit weg vom Lösen von Kriminalfällen, kehrt ins Westberlin seiner Jugend zurück und zeichnet das melancholische Klima einer trägen Zwischenzeit in „dieser seltsamen Stadt“. Noch ruht Westberlin in seiner Subventionsblase, und die Hauptstadt der DDR lauert in stetiger Abwehrhaltung. Als exzellenter Beobachter, der sein Gedächtnis enorm strapaziert und wohl auch seine Tagebücher geplündert hat, trifft er alles haargenau: den Umgangston der Zehlendorfer Hausgemeinschaft, die Details der Ein-und Ausreise nach Ost und West, die leichte Hysterie nach dem Reaktorunfall, die mürrische Sprachlosigkeit der Partner, die holprige Ironie der Bürokraten, die harte Befragung durch die Stasi, Marions ost-geschulten Blick auf den Westen.

Und so ist „Treue Seelen“ aufgeladene Heimatkunde, fiebriger Liebesroman und subjektive Berlin-Historie im weichen Ton des poetischen Realismus. Dass man Westberlin zurzeit – wie auch hier – nur noch ironisch beizukommen scheint, hat hingegen mehr mit dem abgeklärten Blickwinkel unserer Tage als mit der kuriosen Inselstadt selber zu tun.

Till Raether: Treue Seelen. Roman; btb München 2021. 352 Seiten, 20 Euro.
Buchpremiere Mittwoch, 18. 8., 20 Uhr, Pfefferberg Theater, Schönhauser Allee 176