Wann wird ein genialer Chef untragbar?

Ulrich Schreiber ist Gründer und Leiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb). Mitglieder seines Teams stellen seine Eignung vehement in Frage.

Dem Gründer und Leiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) wird Machtmissbrauch vorgeworfen.
Dem Gründer und Leiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) wird Machtmissbrauch vorgeworfen.dpa/Gerd Roth

Das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) bringt seit zweiundzwanzig Jahren Schriftstellerinnen und Schriftsteller von Rang in diese Stadt. Seit den Anfängen in den Sophiensälen in Mitte, als dem Publikum noch erklärt werden musste, dass ein Literaturfestival etwas anderes ist als eine Lesungsreihe (und der Gründer und Chef des Ganzen nicht müde wurde, es mit dem Vergleich zur Berlinale zu versuchen), bietet es über mehrere Tage die Möglichkeit, Literatur lebendig zu erleben. Weniger als das einzelne Buch steht das Werk eines Autors, einer Autorin im Blickpunkt, laufen Diskussionen zu gesellschaftlichen Themen.

Aber darum geht es jetzt nicht. Sondern um die Frage, ob diese Feier der Literatur, vom Berliner Publikum angenommen und von den internationalen Gästen geschätzt, noch so ein lobenswertes Ding sei, wenn diejenigen, die sie auf die Beine stellen, unglücklich sind.

Briefe an die Politik

„Ausbeutung zwischen den Zeilen“ schrieb die taz über einen Artikel, der „schlechte Arbeitsbedingungen und Machtmissbrauch durch den Leiter“ des ilb behandelte. Hintergrund waren Beschwerden, die Mitglieder des Teams unter anderem an die Senatsverwaltung für Kultur und die Staatsministerin für Kultur geschickt hatten. Zunächst am 24. August und dann noch mal am 5. September, also zwei Tage vor Festivalbeginn, mit Bitte um Vertraulichkeit. Beide E-Mails liegen der Berliner Zeitung vor. Der taz-Artikel kam in der vergangenen Woche mitten im laufenden Betrieb. Weltberühmte Gäste wie Margaret Atwood und Jennifer Egan sollten erst noch auftreten; die Stimmung war eigentlich gut.

Der Leidensdruck der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter musste groß sein, wenn sie es in Kauf nahmen, die Aufmerksamkeit von dem Ergebnis ihrer Arbeit zu den Bedingungen ihrer Arbeit zu lenken. Lange galt es als selbstverständlich, dass man in kreativen Berufen, also auch im Theater- und Filmbetrieb sowie im Journalismus nicht genau auf die Uhr schaute und im Stress die Höflichkeit verloren ging. Doch in den vergangenen etwa fünf Jahren haben Beschäftigte begonnen, sich gegen etwas zu wehren, das sie als Ausbeutung empfinden. Betroffen waren zum Beispiel die Berliner Festspiele, die Volksbühne und das Gorki-Theater.

Wir haben mit insgesamt elf teils aktuellen, teils ehemaligen Team-Mitgliedern des ilb gesprochen. Tenor: Das Festival sei eigentlich ein begehrter Arbeitsplatz, wegen des tollen Programms – aber durch das Verhalten des Festivaldirektors Ulrich Schreiber eine Zumutung. „Er strahlt Aggression aus“, heißt es von einer ehemaligen Mitarbeiterin. „Man hat Angst, Themen anzusprechen. Wir haben das im Team oft mit einer missbräuchlichen Beziehung verglichen: Man hängt da drin, hat sich dran gewöhnt, entwickelt Strategien, damit klarzukommen, dass keine sinnvolle Kommunikation möglich ist.“

Dass da Ex-Mitarbeitende eine General-Abrechnung mit ihrem alten Chef betreiben, könnte man zwar meinen – indes drücken die meisten auch Wertschätzung für Ulrich Schreiber aus: dass es das Festival überhaupt gebe, sei zweifelsohne seine große Leistung. „Das muss man ihm anerkennen, und das tun auch alle“, so eine Ex-Mitarbeiterin. „Er hat ein gutes Gespür für politische Debatten, die gesellschaftlich relevant sind.“  Ihre Kündigung begründet sie gegenüber der Berliner Zeitung so: „Ich hatte keine Lust mehr, für ein Festival zu arbeiten, das auf der Bühne die großen Werte hochhält – und gleichzeitig schuftet sich das Festival-Team krank.“

Der charismatische Macher und seine Impulsivität

Fragt man Leute, die mit Schreiber beruflich zu tun hatten oder haben, zeichnet sich zumeist ein ähnliches Bild: „Schreiber war nach außen hin schon immer der charismatische Macher“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. „Das ist sein Riesentalent. Der hat großen Charme und unglaubliche Überzeugungskraft – ist aber als Chef komplett ungeeignet.“ Oder: „Er ist impulsiv, unstrukturiert, respektlos und unzuverlässig. Man wird von ihm für dumm gehalten, angeschrien. Er macht das Festival mit öffentlichen Geldern. Deshalb muss sein Verhalten auch öffentlich diskutiert werden.“

Wir haben auch mit Ulrich Schreiber geredet, uns außerdem an die Senatsverwaltung für Kultur und das Büro der Kulturstaatsministerin als die Adressaten der Briefe gewandt. Das Internationale Literaturfestival wird weder von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) noch dem Land Berlin institutionell gefördert. Es erhält eine mehrjährige Projektförderung über den Hauptstadtkulturfonds, außerdem Unterstützung durch eine Reihe von Stiftungen.

Eine Sprecherin der BKM teilt schriftlich mit, dass die Beschwerden bekannt seien und unverzüglich „Gespräche mit allen Beteiligten“ geführt worden seien. „Gemeinsam mit dem Leiter des ilb wurde vereinbart, nach Abschluss des Festivals die Strukturen und Abläufe des ilb zu prüfen und zu verbessern.“ Wer mit „alle Beteiligten“ gemeint ist, bleibt diffus: Aus dem aktuellen ilb-Team heißt es, sie seien bisher vom BKM nicht gehört worden. Es laufe allerdings ein Supervisionsverfahren mit zwei externen Coaches.

Der Sprecher des Berliner Senators für Kultur und Medien bestätigt den Eingang der Schreiben an die Kulturverwaltung und BKM vor Beginn des Festivals. Im Ergebnis der Gespräche werde es darum gehen, „wie die Strukturen und Abläufe des Festivals so verändert und neu organisiert werden, dass diese auch in Zeiten größter Betriebsamkeit nicht zu extremen Arbeitsbelastungen führen. Unabhängig davon wird im Rahmen der Organisationsanalyse auch zu prüfen sein, dass mit öffentlichen Mitteln keine prekären Arbeitsverhältnisse gefördert werden“. Das bedeute keine schnellen, sondern überlegte Schritte.

Ulrich Schreiber sagt dazu: „Wir müssen uns jetzt jeden Arbeitsbereich genau anschauen – mit dem Team.“ Entscheidungen dürfte es bis zum Jahresende geben. Ist ihm die Unzufriedenheit der Mitarbeiter nicht aufgefallen oder hat er sie nicht ernst genommen? In den 22 Jahren habe es „verschiedene Konflikte und diverse Unzufriedenheiten“ gegeben, gibt er zu. „Die Eskalation in diesem Jahr hat mich überrascht.“ Sie habe auch mit dem neuen Büro zu tun – nach einer Änderungskündigung musste das ilb-Team die Räume in der Chausseestraße in Mitte verlassen. „Vor, besonders aber nach Unterzeichnung des neuen Mietvertrages stellte sich heraus, dass einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der Wahl der Location unzufrieden waren, obwohl sie niemand kannte.“ (Die ausführliche Fassung des Gesprächs dokumentieren wir unter Berliner-Zeitung.de.) Aus dem aktuellen ilb-Team heißt es indes, dass durch das neue Büro zweieinhalb Tage lang der Server ausgefallen sei und die E-Mails eines kompletten Tages verschwunden seien – was so kurz vor Festivalbeginn zu einem vermeidbaren Chaos geführt habe.

Den Äußerungen aus dem Team zufolge gab es bereits im April einen Klärungsversuch, auf den Ulrich Schreiber nicht einging. Auf einer Teamsitzung im April sei ihm ein Papier vorgelegt worden. „Die erste Seite hatte den Titel: ,Wofür wir unseren Chef schätzen‘. Auf der zweiten Seite standen unter der Überschrift ,Was wir gerne ändern möchten‘ ein paar Vorwürfe, die ich zum Teil als gerechtfertigt ansah, zum Teil als Halbwahrheiten, zum Teil aber auch als Unwahrheiten empfand. Ich hätte mir die Zeit nehmen sollen für die Klärung dieser Punkte.“ Er habe, „einen Fehler gemacht, denn ich habe gesagt: Über dieses Papier diskutiere ich nicht“.

Der Berliner Zeitung liegt dieses Dossier der Mitarbeiterschaft vor. Die wesentlichen Kritikpunkte an Schreiber: „Machtmissbrauch in Form von (…) aggressivem (…) Umgangston“, „Bloßstellen (…) von Mitarbeiter:innen“, „Schlechtmachen der Arbeitsleistung“, „aggressive Reaktion auf sachlich vorgebrachte Kritik“, zu hohes Arbeitspensum mit der Folge von „Angstzustände(n), Schlaflosigkeit, Daueranspannung, Herzrhythmusstörungen, Ohnmachtsanfälle(n)“, Drohung von Kündigung. Untermauert wird die Kritik durch drei Dutzend Einzelfallbeispiele, die sich in der Summe eben nicht mehr wie Einzelfälle lesen, sondern nach einem Muster klingen.

Die Stimme erhoben oder ein Wutausbruch?

Der Chef selbst hat sein Auftreten als weniger harsch empfunden. Schreiber sagt, in Konfliktsituationen ein paar Mal die Stimme erhoben zu haben. „Ich würde das nicht als Wutausbruch bezeichnen und an der Tagesordnung waren derartige Auseinandersetzungen schon mal gar nicht. Zwei Mitarbeiterinnen gingen diese Konflikte wohl sehr nahe. Das habe ich völlig unterschätzt. Ich bedauere das. Da muss ich mich in Zukunft zusammenreißen.“ Gemeint sind wohl eine Mitarbeiterin, die kurz vor Festivalbeginn mit dem Krankenwagen abgeholt wurde – und eine andere, der ärztlich eine Belastungsdepression diagnostiziert wurde, wie es aus dem Team heißt – sodass sie kurzfristig für das Festival ausfiel.

Ein wesentlicher Vorwurf betrifft die Arbeitsbelastung. Schreiber erklärt die Überstundenregelung, die analog zu anderen Kultureinrichtungen gelte und dem Arbeitszeitgesetz entspreche. „Aber ich glaube, es geht weniger um die Zahl der Stunden als um die grundsätzliche Belastung. Die habe ich in diesem Jahr unterschätzt. Der Umzug kostete zusätzlich Zeit und Kraft.“ Man hört von dreizehn, vierzehn Stunden langen Arbeitstagen.

Schreiber beteuert, es sei ihm bewusst geworden, dass umstrukturiert werden müsse: „Weniger Autoren, weniger Veranstaltungen, mehr Personal. Das ist eine Formel, die ich hier als erste Antwort geben möchte. Darüber wird noch mit den politischen Instanzen gesprochen, der Senatsverwaltung für Kultur und Europa in Berlin und mit dem BKM.“ Solche Vorhaben, so heißt es von Ex-Mitarbeitenden allerdings, seien auch schon früher angesprochen worden – letztlich sei aber immer alles nur noch größer geworden. Es wirkt so, als ob Schreiber wirklich eine Berlinale der Literatur wolle. „Selbstverständlich ist er größenwahnsinnig“, sagt eine Ex-Mitarbeiterin gegenüber der Berliner Zeitung.

Im Gespräch mit Schreiber wird deutlich, dass er sein Lebenswerk retten will. Er ist 71 Jahre alt, als Angestellter wäre er längst in Rente. Das Paradoxe an Schreibers Arbeitsverhältnis: Er selbst ist Vorstand der Peter-Weiss-Stiftung, dem Trägerverein des ilb. Gewissermaßen ist er sein eigener Arbeitgeber. Zweiter Vorstand ist, nach dem Tode Rolf Hosfelds 2021: Schreibers Frau. Vereinsmitglieder seien Freunde und Bekannte, hört man.

Vorwürfe, dass das Festival zu groß für die Anzahl seiner Mitarbeiter ist, gibt es schon lange. Legendär viele Praktikantinnen und Praktikanten helfen Jahr für Jahr, es ins Laufen zu bringen. Sie bekamen anfangs nicht mal Geld, nun geht das gesetzlich nicht mehr; auch die Bezahlung des Teams wird sich verbessert haben. Schreiber sagt zwar, das ilb sei eine Institution, „die von vielen Menschen aufgebaut wurde“, doch die Idee stamme von ihm, er habe „die Architektur des ilb wesentlich definiert, das Programm mit seinen Veranstaltungsreihen und -themen, und Jahr für Jahr renommierte Gäste und Neuentdeckungen eingeladen sowie virulente politische Themen ins Programm gebracht“.

Bei aller Anspannung, sagt Schreiber, hätte er „in all den Jahren und selbst in diesem“ am Ende das Gefühl gehabt, „wir haben gemeinsam ein tolles Festival gewuppt und schauen zuversichtlich in die Zukunft“. Nach seinem Dank ans Team habe es auch in diesem Jahr sehr heftigen Applaus gegeben.