Warum der Exzentriker Charles Foster überfahrene Igel isst

Selbstversuch: Der britische Forscher und Abenteurer Charles Foster hat sich in den Wald und auf eine Reise durch 40.000 Jahre Menschheitsgeschichte begeben.

Urmenschen am Feuer, Diorama Vor- und Fruehgeschichte: Eiszeit. - Urmenschen am Feuer (Zeit des Neander- talers, letzte Zwischeneiszeit, 70000 - 40000 v. Chr.). - Diorama. Hannover, Niedersaechsisches Landesmuseum
Urmenschen am Feuer, Diorama Vor- und Fruehgeschichte: Eiszeit. - Urmenschen am Feuer (Zeit des Neander- talers, letzte Zwischeneiszeit, 70000 - 40000 v. Chr.). - Diorama. Hannover, Niedersaechsisches Landesmuseumpicture-alliance / akg-images

Eigentlich hatte sich Charles Foster nach seinem Buch „Being a Beast“ („Der Geschmack von Laub und Erde“) doch darüber geärgert, dass er zu detailliert und effekthascherisch über Geschmack und Konsistenz von Regenwürmern geschrieben hatte. Er hatte sie eingesaugt wie Spaghetti, bei lebendigen, sich in Todesangst ringelnden Leibern. Die Ernährungsweise gehörte zu seinem mimetischen Forschungsverfahren, mit dem er das Verhalten etwa eines Dachses erforscht.

Foster kommt zu seinen aufschlussreichen Erkenntnissen und anregenden, unterhaltsamen Texten, indem er sich, so weit wie ihm das als 1962 geborener Mann möglich ist, etwa in einen Dachs verwandelt: in den Wald geht, eine Höhle gräbt, sich auf allen Vieren fortbewegt, Regenwürmer isst. Nicht weniger unerschrocken und aufwendig begab er sich in die Lebenswelten von Stadtfüchsen, Mauerseglern, Rothirschen und Ottern. Letztere sind ziemlich unsympathisch.

Nun, in dem Nachfolgewerk „Being a Human“ („Jagen, sammeln, sesshaft werden“) müssen wir auf solche saftigen Details nicht verzichten und erfahren zum Beispiel, wonach ein Rülps riecht, wenn man einen vom Asphalt gekratzten Kadaver gegessen hat: „Das Letzte, was ich gegessen habe, war ein Igel. Das ist neun Tage her. Dem Geschmack nach zu urteilen, verwesen Igel schon, wenn sie noch lebendig und in ihren besten Jahren sind. Dieser hier rumort immer noch in mir, und meine Rülpser riechen nach einer Madenzucht. Den Tod dieses Tieres unter den Rädern eines Viehtransporters bedauere ich weitaus mehr, als seine Eltern oder Kinder es könnten.“ 

Ja, das geht: Experimentelle Anthropologie

Das Buch des in Cambridge studierten Juristen und Veterinärmediziners umfasst rund 40.000 Jahre der Menschheitsgeschichte. An seinem Verfahren hat sich wenig geändert, nur dass Foster diesmal als experimenteller Anthropologe auf die Pirsch geht und seine Imitationstechnik nicht auf Tiere anwendet, sondern auf die Lebens-, Denk- und Verhaltensweisen menschlicher Vorfahren.

So ruht es sich in freier Wildbahn: Charles Foster versucht, Wildtiere besser zu verstehen 
So ruht es sich in freier Wildbahn: Charles Foster versucht, Wildtiere besser zu verstehen Charles Foster

Es gibt drei Kapitel: ein langes, jubilierendes über das Jungpaläolithikum vor 40.000 Jahren mit den Jägern und Sammlern. Es folgt ein kürzeres, erschrockenes über das Neolithikum vor 10.000 Jahren, als die Menschen sesshaft wurden, Getreide kultivierten, Tiere züchteten, zu schreiben begannen, Gott erfanden, sich als sein Ebenbild verstanden und so den Kontakt zu ihrer Natur zu verlieren begannen.

Das dritte Kapitel über die Aufklärung nach dem 17. Jahrhundert schließt die Menschheitsgeschichte kurz und ernüchtert ab: Demnach liefern keine Götter mehr, sondern Wissenschaft und Humanismus eine säkulare Grundlage für Moral. Seitdem diene das „individuelle menschliche Wohlergehen als Prüfstein für ethisches Verhalten“. Das dürfte eine etwas grobe Zusammenfassung sein. Wenn aber ersichtlich wurde, dass bei der Lektüre der Glaube an Fortschritt und Reifung der Menschheit verloren gehen könnte, ist damit schon einiges gesagt. Spaß macht es trotzdem.

Charles Foster über sein Buch: „Lesen Sie es nicht!“

Foster lässt sich nicht von Widersprüchen abhalten. „Ich bin mir der Ironie bewusst, dass ich ein Buch in menschlicher Sprache verfasse, das den Wert all dessen, was in menschlicher Sprache gesagt oder geschrieben wurde, infrage stellt. Keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll – ich kann nur zugeben, dass es mir peinlich ist.“ Oder, noch deutlicher in Fußnote Nummer 12: „Dieses Buch handelt davon, wie hoffnungslos, unsinnig und fatal Bücher sind. Lesen Sie es nicht. Machen Sie irgendetwas anderes, fast alles ist besser. Ich kann nur hoffen, dass sich die Sprache durch mein unablässiges Weiterschreiben selbst zerstört und etwas anderes zum Vorschein kommt.“

Das Buch ist irre und grandios, die Sprache wird mitnichten zerstört, sondern findet an ihren Grenzen schönste Ausformungen und schwingt sich poetisch auf. Sie ist bildreich und funkelt besonders dort, wo sie die Bereiche des Materialismus verlässt und die des Unerklärlichen und Unaussprechbaren beginnen: Telepathie, Animismus, Wiedergeburt, seelische Kommunikation mit Tieren und Pflanzen, den Toten und noch nicht Geborenen. Und sie glitzert deshalb so besonders, weil wir zugleich den Boden der Tatsachen nicht verlassen, sondern mit der Nase drauf- oder tief hineingestoßen werden.

Jagen, sammeln, sesshaft werden
Jagen, sammeln, sesshaft werdenPiper

Besuch aus der Steinzeit

Wir hungern und dämmern mit Charles Foster, folgen seinen immer pointierten archäologischen, hirnphysiologischen, biochemischen, psychologischen und ethischen Exkursen und seinen Reiseerinnerungen, fühlen uns zusammengefügt aus uralten Molekülen längst eingegangener und zersetzter Wesen, saugen Urknallgeschmack aus Kaninchenknochen, frieren, triefen und verlassen unsere Körper – und im Unterschied zu Foster selbst können wir das alles schön gemütlich zu Hause auf dem Sofa erledigen.

Die Exzentrik von Foster ist sicher zwischen die Buchdeckel gesperrt, sie erreicht uns in höchst unterhaltsamer, bestens gelaunter und romantisierender Form. Der Autor ist ein Mittler, sein Sohn, der inzwischen 13-jährige Tom, der seinen Vater schon in den Dachsbau begleitet hat, ist bei ihm, taucht aber als autonomes Wesen am Rande des Sichtfeldes auf. Noch flüchtiger sind ein X genannter Mann und dessen Sohn, die eigentlich in der Steinzeit leben, Foster aber in Momenten Gesellschaft leisten und ihn in den befremdeten Blick nehmen. Und Befremden an dem Verhalten Fosters ist sicher angebracht, noch mehr aber an dem Verhalten des modernen Menschen, der sich in Kästen sperrt, abstumpft, sich schuldig vor der Natur macht, Tiere schlachtet, die Erde vergiftet, sich versklavt, Zivilisationskrankheiten einfängt und simpelste Fähigkeiten einbüßt, die das Leben erst genießbar machen.

Er sagt es komisch und meint es ernst

Was gewinnen wir mit all dem Fortschrittschrott, wenn wir durch ihn den Kontakt zu den Toten verlieren? Wozu schaffen wir uns dieses kleinkarierte Ich-Bewusstsein drauf, wenn wir mit ihm verlernen, die Verbindung zu den Dingen und Wesen dieser Welt zu halten? Warum fangen wir unsere Seelen ein, um sie dann von dem absurden Dogma der Chronologie fesseln zu lassen? Und dieses Dogma ist nicht das einzige, das Foster angreift und einstürzen lässt. Hallo Mitmenschen, was sind wir eigentlich für träge Spießer und verkniffene Kontrollfreaks geworden!

Foster bleibt immer freundlich. Nicht immer ist sicher, aus welchem Bewusstseinszustand heraus und von welcher Ironie-Ebene herab er gerade schreibt. Aber im Ganzen meint er es schon ernst. „Ich hoffe, dass ich nicht den Eindruck mache, wütend zu sein. Ich bin viel eher traurig als wütend – traurig darüber, was möglich gewesen wäre. Aber weitaus aufgeregter als traurig bin ich darüber, was vielleicht noch möglich ist.“ Bevor man Arbeits- und Mietvertrag kündigt, Abschied nimmt und in die Wildnis zieht, kann jedenfalls nicht schaden, das Buch auszulesen. Danach aber gibt es eigentlich keine Ausrede mehr.

Charles Foster: Jagen, sammeln, sesshaft werden – Meine Abenteuer in 40.000 Jahren Menschheitsgeschichte. Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert A. Weiß. Malik-Verlag, München 2022. 416 Seiten, 24 Euro.