Was die Stimme von Bibi Blocksberg mit einem Buch über Spielsucht zu tun hat

Am Montag hat die berühmte Hexen-Stimme ein neues Kinderbuch vorgestellt. Es erzählt aus Kindersicht die Glücksspielsucht eines Familienvaters.

Sophie Schmid, Susanna Bonaséwicz und Aziz Bozkurt (v. l.) stellten heute das ungewöhnliche Kinderbuch Berliner Grundschulklassen vor.
Sophie Schmid, Susanna Bonaséwicz und Aziz Bozkurt (v. l.) stellten heute das ungewöhnliche Kinderbuch Berliner Grundschulklassen vor.Franka Klaproth

Alina ist zehn Jahre alt und geht in die Grundschule. In ihrer Freizeit löst sie Detektivfälle mit ihrem Freund Pepe. Neulich hat jemand Alinas Sparschwein ausgeraubt. Sie begibt sich auf die Suche nach dem Täter und lernt so, dass ihr Vater süchtig ist. Nach Glückspiel.

Die Stimme, die die Geschichte von Alina vorliest, kennen fast alle: Es ist die von Susanna Bonaséwicz – sie spricht Bibi Blocksberg, die kleine Hexe, von deren Abenteuern es viele Hörspiele und Filme gibt. Außerdem ist sie die deutsche Synchronstimme von Fran Fine, der Titelrolle in der „Nanny“. Am Montagmorgen liest die 66-Jährige Kindern aus einem Buch vor, das dieses ernste Thema behandelt: Glücksspiel.

Aziz Bozkurt, der Staatssekretär für Jugend, Familie und Schuldigitalisierung (SPD), ist ebenfalls vor Ort am Montag und liest einen kurzen Teil aus dem Buch namens „Mein Papa, die Unglücksspiele und ich“. Es sei ein ganz besonderes Buch, sagt er. Insbesondere für Kinder, denen oft nichts von der Sucht ihrer Eltern mitgeteilt wird, sei es eine gr0ße Herausforderung, damit umzugehen. „Das Thema ist nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene schwer zu begreifen.“ Eins hätten alle Süchte gemeinsam: „Die ganze Familie ist betroffen.“

In Deutschland gibt es laut der Bundesregierung 430.000 Menschen, die glücksspielsüchtig sind. Nicht nur Süchtige selbst sind Leidtragende ihrer Erkrankung, sondern auch ihre Angehörigen.

Eins haben alle Süchte gemeinsam: Die ganze Familie ist betroffen.

Aziz Bozkurt, SPD-Staatssekretär für Jugend, Familie und Schuldigitalisierung

Sophie Schmid, Leiterin des Präventionsprojektes Glückspiel, möchte Eltern ermutigen, ihren Kindern die Situation altersgerecht zu erklären, und bietet hierfür das Buch zur Hilfe an. Es wurde zusammen mit der Kinderbuch-Autorin Gundi Herget entwickelt und mit bunten Illustrationen von Nele Palmer gestaltet. „Kinder sind sehr sensibel und spüren, wenn in der Familie etwas nicht stimmt“, so Schmid. Sie entwickelten schnell Schuldgefühle und Unbehagen, wenn sie nicht um die Ursache eines Problems innerhalb der Familie Bescheid wissen.

Um das zu vermeiden, sollen sie über Suchterkrankungen ihrer Eltern aufgeklärt werden – aber altersgerecht. Laut Sophie Schmid ist „Mein Papa, die Unglücksspiele und ich“ für Kinder ab acht Jahren zum Selbstlesen gedacht, könne aber auch von Eltern jüngeren Kindern vorgelesen werden. Das vorgestellte Buch erzählt die Suchtprobleme des Vaters vollständig aus der Perspektive der Tochter Alina und enthält außerdem einen Erklärteil, der Kindern auf angemessenem Niveau erklärt, was Sucht ist. Auch ein Brief an die Eltern ist beigelegt, der die Tipps zur Übermittlung des Buches an den Nachwuchs gibt.

Ein Happy End, das die Realität aber nicht verzerren soll

Die Protagonistin Alina ist 10 Jahre alt und bekommt die Sucht des Vaters im Alltag automatisch mit, versteht sie aber zuerst nicht: Mal ist der Papa gut gelaunt, mal schlecht, mal spendierfreudig, mal ist überhaupt kein Geld im Haus. Als dann Alinas Sparschwein „ausgeraubt“ wird, begibt sie sich auf Spurensuche.

Durch spannendes, positives Erzählen durch Kinderaugen wird dem Fall die Tragik ein wenig genommen. Trotzdem soll nichts verherrlicht werden, so Sophie Schmid. Die Handlung des Buches entstand im ständigen Austausch mit betroffenen Familien. Auch wurde es bereits von Kindern probegelesen, die aus Familien, die von Suchterkrankungen betroffen sind, stammen.

Es gibt auch Momente in der Geschichte, wo das Publikum schlucken muss: In einer Szene wird der Vater von der Mutter aus der gemeinsamen Wohnung geworfen, als die Spielsucht aus dem Ruder läuft. „Am Ende wird die Familie jedoch wieder zusammengeführt, es gibt aber immer noch Baustellen“, sagt Schmid, „das Happy End war uns wichtig, sollte aber nicht zu schön dargestellt sein, weil im echten Leben Glücksspielsucht trotzdem noch Bestandteil der Familie bleibt.“

Es handelt sich also um ein Kinderbuch, das keine Illusionen vorführen und eine Chance für Eltern sein soll, Kindern ein schwieriges, belastendes Thema nahezubringen. Das Kinderbuch ist ab morgen online und ab November auch gedruckt kostenfrei erhältlich. Die Kinder, die es heute schon gehört haben, hörten ganz gespannt zu und schienen die Geschichte gut aufzunehmen. Das könnte auch daran liegen, dass manche die Augen zugemacht haben und Bibi Blocksberg gehört haben.