Wie Emmanuel Carrère ein „heiteres, kleines Buch über Yoga“ schreiben wollte

Und dann kamen Leben und Sterben dazwischen. Emmanuel Carrères Buch „Yoga“, vorgestellt vom Radioeins-Literaturredakteur Thomas Böhm.

Der Schriftsteller Emmanuel Carrère
Der Schriftsteller Emmanuel CarrèreAFP/Joel Saget

Zehn Tage Schweigen und Meditieren. Der französische Autor Emmanuel Carrère wollte sich in einem bekannt strengen Retreat dieser Übung unterziehen, um Erfahrungen für ein „heiteres, kleines Buch über Yoga“ zu sammeln. Doch nach vier Tagen musste er den Aufenthalt abbrechen: Ein Freund war beim Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo ermordet worden, Carrère sollte die Trauerrede halten. Einige Monate später wurde bei Carrère eine bipolare Störung festgestellt, die so schwer war, dass Carrère als letzte Therapie mit Elektroschocks behandelt wurde. Nach der Behandlung lernte Carrère Gedichte auswendig, um sein durch die Elektroschocks angegriffenes Gedächtnis zu trainieren, und gab Workshops für Geflohene in einem Camp auf der griechischen Insel Leros.

So ließe sich in wenigen Sätzen der Inhalt von Emmanuel Carrères Buch „Yoga“ zusammenfassen, das der Berliner Verlag Matthes & Seitz seit einigen Wochen erfolgreich in Deutschland verkauft. Was die Frage aufwirft: Trotz oder wegen der krude wirkenden Mischung seiner Themen?

Wie ein Gespräch am Küchentisch

Zum Erfolg beigetragen hat sicher nicht der Skandal, der das Buch in Frankreich umgibt. Carrère soll den Text massiv umgearbeitet haben: Passagen, in denen die Trennung von seiner Exfrau Hélène Devynck als weitere existenzielle Krise beschrieben wurde, soll er gestrichen haben, um der vertraglichen Einigung mit ihr zu entsprechen, nie wieder über sie zu schreiben. Dieser Streit brachte „Yoga“ zwar in Frankreich zusätzliche Aufmerksamkeit, spielt aber für die deutsche Rezeption kaum eine Rolle, weil Carrère und Devynck als öffentliche Persönlichkeiten hierzulande kaum bekannt sind, anders als in Frankreich, wo das Paar sich oft bei kulturellen Großveranstaltungen zeigte.

Carrères Buch sind zudem keine Streichungen anzumerken. Vielmehr gelingt es ihm, für all die schier zusammenhangslosen Erfahrungen und Gedanken eine Form zu finden: eine Art Aneinanderreihung von Splittern. Das Buch besteht aus unzähligen kurzen Abschnitten, in denen sich die autobiografischen Episoden abwechseln mit anderen Geschichten, die Carrère einfügt: von der Zusammenfassung einer Horrorstory, die er als Jugendlicher begeistert las, bis hin zu einer poetischen Anekdote über seinen verstorbenen Verleger. Dazu stellt Carrère permanent Gedanken über das Schreiben an; darüber, wie sich selbst „unbeschreibliche“ Qualen wie die der Elektroschocktherapie vermitteln lassen. So ist das Buch auch eine Meditation über die Literatur, ein Nachdenken darüber, welche vermeintlichen Nebensächlichkeiten, wie viel Alltägliches in einem Text vorkommen muss, damit er als etwas Organisches, Lebendiges wirkt.

Bemerkenswert dabei ist auch Carrères Bemühen um einen zugänglichen Stil, den seine langjährige Übersetzerin Claudia Hamm vergleicht mit dem Ton eines „vertrauten Gesprächs am Küchentisch“. Ein Ton, den sie in ihrer Übersetzung sehr überzeugend trifft. In seinem vermeintlich „unliterarischen“ Stil liefert Carrère nebenbei eine schlagende Definition der Gattung „Autofiktion“, die seit einigen Jahren mit Autoren wie Karl Ove Knausgard, Annie Ernaux, Édouard Louis einen vieldiskutierten Strang der Gegenwartsliteratur ausmacht. Carrère schreibt, dass die Bücher, die ihn interessieren, nicht die sind, die mit großen, ausgedachten Geschichten aufwarten. Sondern die, bei denen die Schreibenden zum Ausdruck bringen, „was ihnen durch den Kopf geht“.

Was so einfach klingt, macht jedoch die Grundspannung des Buches aus. Denn in der Meditation sollen eben die Gedanken, soll das, was unaufhörlich durch den Kopf geht, zum Stillstand gebracht werden. Als jedoch sein Gehirn durch die Elektroschocks angegriffen wurde, geht es eben genau um das Gegenteil: Der zum Erliegen gekommene Gang der Gedanken soll neu angeregt werden. Stillstand und Bewegung ist eines der Gegensatzpaare, die Carrères Buch prägen, dem unzählige Gegensätze eingeschrieben sind: das Schweigen und das Reden, die Heiterkeit und die Trauer, die Bescheidenheit und die Eitelkeit.

Mit Yoga die Kräfte gebändigt

Für sein eigentlich geplantes Buch hatte Carrère eine Sammlung von Definitionen angelegt: „Was ist Yoga?“ In dieser Sammlung findet sich auch ein Hinweis auf die Herkunft des Wortes Yoga: Es stammt aus dem Sanskrit, bezeichnet ein Joch, in das zwei Rinder gespannt werden. Für Carrère ist das ein Bild der Bändigung widerstrebender Kräfte: Statt in zwei Richtungen ziehen die Rinder nun gemeinsam in eine. Eine solche Bändigung gelingt Carrère in seinem Buch: Die Kräfte, die Erfahrungen, die ihn zu zerstören drohten, hat er mit „Yoga“ in ein Joch gespannt.

So werden wir Lesenden Zeugen der Entstehung eines Buches und der damit einhergehenden Selbstrettung seines Autors im Angesicht schwerster Lebenskrisen. In dieser existenziellen Verbindung von Leben und Schreiben liegt die stille Wucht von Carrères Buch und sicher auch der Grund für seinen Erfolg.

Emmanuel Carrère: Yoga. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2022. 341 Seiten, 25 Euro.

Berliner Verlage und Buchhandlungen feiern noch bis 1. Mai den Bücherfrühling.