Erik Spiekermann: Wenn wir digital lesen, schauen wir auf eine Lichtquelle

Das Festival „Wir machen Bücher“ feiert die Vielfalt der Verlage Berlins und ein Handwerk. Der Schriftdesigner Erik Spiekermann lädt in seine Werkstatt ein.

 Schrift und Druck in der Werkstatt des Buchgestalters und Schrifterfinders Erik Spiekermann 
Schrift und Druck in der Werkstatt des Buchgestalters und Schrifterfinders Erik Spiekermann Emmanuele Contini

Ein Festival zum zweiten Mal stattfinden zu lassen, bedeutet noch keine Tradition, aber immerhin, dass das erste Mal ein Erfolg gewesen sein dürfte. Noch mit beschränktem Zugang trafen im vergangenen Jahr kleine Verlage und ihr Publikum in Berlin bei „Wir machen Bücher“ zusammen, nun geht es weiter. Kuratiert wird es von Birgit Schmitz, die 2020 mit Susanna Dulkinys sowie dem Typographen und Designer Erik Spiekermann den Verlag TOC Publishing gegründet hatte. Veranstaltet wird es ein paar Schritte neben dem Wintergarten Varieté in der Druckwerkstatt und Galerie von Erik Spiekermann, den wir zuvor besucht haben.

Was feiert das Festival „Wir machen Bücher“? Das Buch als Objekt, die gute alte Zeit?

Es feiert die Tatsache, dass Bücher gemacht werden, nicht nur geschrieben. Den meisten ist es gar nicht bewusst, dass es sechs oder sieben Gewerke braucht, bis ein Buch zustande kommt. Die Autorin, der Autor schreibt einen Text, dann gibt es das Lektorat, der Text braucht ein Layout, eine Druckerei und Buchbinderei beschäftigen sich damit. Die werden in der Regel nicht gesehen – obwohl es in vielen Teilen Handarbeit ist. Und die ist in Berlin konzentriert.

In Berlin gibt es etwa 150 Verlage, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt.

Und die meisten davon sind klein. Wir haben hier viele Einzelpersonen oder Paare, die aus Begeisterung Verlage betreiben.

Erleben Sie die am Festival beteiligen Verlage wie Verbrecher und Favoritenpresse, Berenberg und Voland & Quist als Konkurrenten?

Nein, gerade weil die Programme und die Herangehensweisen dermaßen verschieden sind, gibt es da keine Konkurrenz. Manche haben eine konsequente Reihengestaltung, andere machen jedes Mal etwas anderes und wagen dabei etwas, einige haben vielleicht kein großes handwerkliches Interesse, legen aber sehr viel Wert auf die Inhalte. Sie haben allerdings alle die gleichen Probleme, das führt sie zusammen.

Welche Probleme haben sie gemeinsam?

Die Produktionskosten steigen enorm, die Buchpreise können aber nicht so stark steigen. Der Vertrieb ist schwieriger geworden, in der letzten Zeit sind zu viele Bücher aus dem Online-Vertrieb wieder zurückgekommen. Die kleinen Verlage haben dieselben Sorgen und dieselbe Liebe zum Buch.

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Emmanuele Contini
Zur Person
Erik Spiekermann ist Setzer, Kunsthistoriker, Informationsdesigner und Schriftentwerfer. Seit den 70er-Jahren prägt er die visuelle Welt mit. Von der Deutschen Bahn über Audi und Bosch bis zum Economist und der BVG gab er vielen Unternehmen ein Erscheinungsbild. Spiekermann wurde u. a. mit dem Ehrenpreis für das Lebenswerk des Rats für Formgebung ausgezeichnet und von der britischen Queen zum Royal Designer for Industry ernannt.

Das Papier ist ja nicht nur sehr viel teurer, sondern auch knapper geworden.

Das ist ähnlich wie beim Gas zum Teil eine künstliche Knappheit. Die Großhändler haben Papiere auf Lager und warten, dass die Preise weiter steigen.

Ich habe die Erklärung gehört, dass es mit der Pandemie zu tun hat?

Nein.

Weil weniger Werbeprospekte gedruckt wurden und Amazon alle Kartonagen aufkauft?

Das spielt auch eine Rolle. Es sind viele Bäume abgeholzt worden, um Wellpappe herzustellen – anstelle von Plastik. Aus den Pappkartons können sie danach zwar wieder Pappe, aber kein Papier für den Buchdruck mehr herstellen. Außerdem haben nicht nur viele Druckereien, sondern auch Papierhersteller in Deutschland aufgegeben, sind von den Finnen, den Schweden und den US-Amerikanern aufgekauft worden. Die Auswahl wird kleiner. Es gibt in Deutschland nur noch zwei Fabriken, von denen man farbiges Papier beziehen kann. Auch mit dem Leinen ist es nicht einfach.

Für in Leinen gebundene Bücher?

Nein, sie fehlen schon bei einfachen Hardcover-Büchern für die Kapitalbänder zwischen Buchrücken und Buchblock. Oder für die Lesebänder. Aber das ist ein Luxusproblem, wer braucht die schon?

Ich mag Lesebändchen. Dann muss ich nicht irgendwelche Zettel ins Buch legen. Heute steht manchmal in Büchern, sie seien klimaneutral produziert: Was hat die Buchherstellung mit dem Klima zu tun?

Holz gibt es eigentlich genug. Das für Papier angebaute Holz, vornehmlich Pappeln, wächst schnell. Das größere Problem ist das Bleichen. Sie brauchen sehr viel Wasser dafür. Mit dem Papier ist es so wie mit den Avocados. Das ist angesichts des Klimawandels schon übel. Wenn man wiederum bedenkt, was diese elektronischen Dinger verursachen, verschiebt sich das. Man muss alles in der Relation sehen.

Sie zeigen auf Ihr Handy. Wäre es keine Lösung, wenn wir mehr online läsen, mehr E-Books kauften?

Nein, die Mineralien, die Batterien, das Glas – das ist ökologisch betrachtet mindestens genauso beunruhigend. Außerdem ist es nicht gerade gesund. Wir gucken damit praktisch in eine Lichtquelle. Ich bin seit 30 Jahren digital unterwegs, deshalb beschäftigt mich das sehr. Gerade habe ich eine Untersuchung gelesen, dass das Verständnis von Texten um 30 Prozent höher ist, wenn man sie in einem Buch gelesen hat als auf einem Tablet oder Lesegerät. Das hat wohl mit dem räumlichen Sehen zu tun. Die Glasscheiben geben den Text zweidimensional wieder.

Hier bei Ihnen in der Werkstatt sind viele alte Möglichkeiten des Setzens und Druckens neben den neuen versammelt. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Handwerks?

Dieses Handwerk stirbt aus. Ich habe lange als Schriftentwerfer überwiegend elektronisch gearbeitet. Erst als ich vor zehn Jahren aus dem Agenturgeschäft ausgestiegen bin, habe ich mir diese Dinge neu zugelegt. Wir haben sehr viele Bleisatz-Schriften und ein Dutzend Druckmaschinen. Ansonsten stehen sie in den Museen Deutschlands mit einer roten Kordel davor: Bitte nicht anfassen. Die Leute, die dort gelegentlich vorführen, sind um die 80. Ich bin 75, meine Generation kann das noch. Aber in ein paar Jahren wird mit dem Gutenberg’schen Erbe kaum jemand mehr umgehen können.

Also haben Sie ein Museum, in dem man etwas anfassen kann.

Nein, hier entsteht noch etwas, auch mit jungen Leuten. Wieder damit zu arbeiten, dachte ich, könnte nicht nur für mich selber gut sein, sondern auch für eine neue Generation von Gestaltern, Grafikern, Programmierern: Dass sie einen Bezug bekommen zur Langsamkeit, zum Selbermachen und zum Weißraum. Denn das ist ja das Geheimnis unseres Berufs: diesen Weißraum zu füllen.

Findet das Festival deshalb hier statt?

Ja. Man sitzt mitten im Handwerk. Früher war das eine Mädchen-Malschule, dann eine Galerie, nun liegen hier die Schriften, man kann sie be-greifen. Ist das nicht ein schönes deutsches Wort? Etwas zu verstehen, weil man es anfassen kann. Sonst wischen wir doch nur noch über Glasscheiben.

Am ersten Abend sprechen Sie mit dem Krimi-Autor Andreas Pflüger. Was verbindet Sie?

Als Gestalter bin ich Diener des Autors. Ich darf mich nicht in Szene setzen, sondern muss dafür sorgen, dass der Text optimal beim Leser ankommt. Andreas Pflüger wurde mir vom Suhrkamp-Verlag geschickt, weil er den Herstellern dort wohl etwas zu anstrengend war. Das ist ein Autor, der Typografie sehr schätzt, der möchte, dass sein Text so aussieht, wie er sich ihn vorstellt. Wir wurden sofort Freunde. Zehn Tage lang haben wir seinen Roman gemeinsam gestaltet. Inzwischen kann er es allein.

Es gibt das Wort Biodiversität, das die Vielfalt in der Natur beschreibt. Das Festival ist der Bibliodiversität gewidmet. Was verstehen Sie darunter?

Ein bisschen komisch klingt es ja. Aber es soll eben diese Kultur der Buchproduktion, Verlagsvielfalt und des Buchhandels unterstreichen. In anderen Bereichen gibt es das auch. Die Malerei pflegt ihre Stilrichtungen, in der Musik schützt man immer noch die Oper, die doch überholt sein dürfte. Die Kultur unterscheidet uns bekanntlich vom Tier. Wir Menschen haben das Bedürfnis, uns zu äußern, seit 600, 700 Jahren auch, indem wir Bücher machen und mit ihnen umgehen – sie lesen, vorlesen, anfassen.

Das Festival: Wir machen Bücher, 17.11.–4.12.2022, Beginn jeweils 19.30 Uhr. 27.11. ab 11 Uhr Lesungen und Druckworkshop für Kinder. Galerie P98a, Potsdamer Str. 98a, www.wirmachenbuecher.de