Am 1. Mai 1989 erlebte ich die Liebe meines Volks zu seinem Führer. Das geschah in Berlin/Hauptstadt der DDR. Die Walpurgisnacht war lang gewesen. Ich wollte ausschlafen, doch die kleine Tochter rumorte und wünschte Unterhaltung.
Mach den Fernseher an. Marschmusik erscholl, das Schnätteräng der Maiparade. Ein Jubelschrei: Mein liebster Erich Honecker!

Das Kind hatte auch den Ort erkannt. Wir wohnten nahe der Karl-Marx-Allee, durch die justament das Staatsvolk strömte, vorbei an der Tribüne mit den Granden des Regimes. Ich arbeitete und lebte im Berliner Missionshaus. Seit 1873 trutzte diese rote Klinkerburg am Volkspark Friedrichshain dem Wandel der Zeiten. Über dem Eingang prangte, flankiert von Petrus mit dem Himmelsschlüssel und Paulus mit dem Schwert, Christi Missionsbefehl: GEHET HIN UND LEHRET ALLE HEIDEN UND TAUFET SIE IM NAMEN DES VATERS UND DES SOHNES UND DES HEILIG:GEISTES. Das war schwierig in der DDR. Nebenan ragten Plattenbauten. Darin wohnten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Inmitten des Karrees befand sich ein Kindergarten. An dessen Spielzimmerwand erblickte die Tochter alltäglich ein gütiges Brillengesicht auf himmelblauem Grund. Jetzt forderte sie: Steh auf, Papa, ich will zu Erich Honecker! In echt!

Lesen Sie doch weiter

Erhalten Sie unbegrenzt Zugang zu allen Online-Artikeln der Berliner Zeitung für nur 9,99 € im Monatsabo.

Jetzt abonnieren

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Oder das E-Paper? Hier geht’s zum Abo Shop.