Hamburg - Als der Soldat Beckmann nach dem Krieg von der Front zurückkommt, muss er die Erfahrung machen, dass ihm alles versperrt ist. Den Platz an der Seite seiner Frau hat jemand anderes eingenommen, und als er seinem Leben ein Ende setzen will, spuckt ihn sogar die Elbe aus, in der er sich ertränken wollte. „Such dir ein anderes Bett, wenn deins besetzt ist“, sagt die Elbe. „Ich will dein armseliges bisschen Leben nicht. Du bist mir zu wenig mein Junge. Lass dir das von einer alten Frau sagen: Leb erst mal.“

Bei all der existenziellen Not, die in Borcherts zunächst als Hörspiel, dann im November 1947 auf der Bühne uraufgeführtem Stück „Draußen vor der Tür“ als Sinnbild der Zeit gedeutet wird, ist oft der Humor überlesen worden, den es auch enthielt. An vielen Stellen offenbart sich ein bitterböser Witz, den manch ein Autor heute kaum noch so zu formulieren wagte. Als Beckmann zum Haus seiner Eltern kommt, erfährt er von den neuen Bewohnern, dass die Eltern sich mit dem Gas aus dem Küchenherd umgebracht haben. „So was Dummes“, sagt die neue Bewohnerin. „Von dem Gas hätten wir einen ganzen Monat lang kochen können.“

Für den deutsch-amerikanischen Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht ist „Draußen vor der Tür“ Ausdruck der Latenz jener Nachkriegsjahre, das Gefühl, in einer Zeit ohne Ein- und Ausgang zu leben, ohne Richtung und Schutz.

Genau wie heute? Es käme auf eine Probe an, Gumbrechts Latenzbegriff, den er in seinem Buch „Nach 1945“ als Ursprung der Gegenwart durchdekliniert, auf die Pandemie- oder andere Ausschlusserfahrungen zu übertragen.

Oder doch lieber gleich Wolfgang Borchert lesen, der am 20. Mai 100 Jahre alt geworden wäre? Die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg hat soeben bekannt gegeben, dass sie den Nachlass Borcherts digitalisiert hat. Alle Briefe, Manuskripte, Fotos und Grafiken des Schriftstellers stehen fortan allen Interessierten weltweit zur Verfügung, darunter viele Aquarelle und Zeichnungen.