„Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban: Ein Stadt-Land-Briefroman 

Die Probleme in diesem Buch kommen frisch und recht platt aus der Gegenwart: Krieg gegen die Ukraine, Agrarpolitik der EU, Gendersternchen und Klimaaktivismus.

Sie schreiben aus zwei Perspektiven: Juli Zeh und Simon Urban. 
Sie schreiben aus zwei Perspektiven: Juli Zeh und Simon Urban. Peter v.Felbert

Damals, beim Germanistik-Studium in Münster, wohnten Stefan und Theresa zusammen. Nicht als Paar, sondern als WG. Stefan hätte gern mehr daraus gemacht. Nach 20 Jahren treffen die beiden sich wieder, die alte Zuneigung ist sofort wieder da. Aber anstatt in Erinnerungen zu schwelgen, beginnen sie zu streiten. Ihre Leben unterscheiden sich inzwischen doch sehr. Stefan ist „Kulturchef bei der Hamburger Wochenzeitung ‚Bote‘. Beziehungsstatus: ledig und Single“. Theresa ist Biolandwirtin und „Vorstand der Kuh & Co. Schütte e. G. Glücklich verheiratet, zwei tolle Kinder“.

Nach dem Treffen schicken die beiden Nachrichten und Mails hin und her, erzählen von ihrem Alltag, streiten sich weiter, kommen sich näher. „Zwischen Welten“ ist ein Briefroman, verfasst von Juli Zeh – und von Simon Urban, Autor dreier Romane und Werbetexter; sein Edeka-Weihnachtsfilm „#heimkommen“ von 2015 wurde viel gesehen. Ihr Name steht deutlich größer auf dem Buch. Wie genau ihre Zusammenarbeit aussah, ob sie sich die Rollen Stefan/Theresa aufgeteilt haben, wird in keinem Vor- oder Nachwort gesagt.

Dort die AfD-Wähler, da die Klimadiskussion

Die Romanidee ist jedenfalls gut: Hier Meetings, Diskussionen über „White Supremacy“, Büro mit Elbblick, dort Gummistiefel, Schulbrote schmieren, Frühschicht im Melkstand. Sie findet seine Gendersternchen provozierend. Er wundert sich, wie sie in einem Umfeld mit 28 Prozent „AfD-Wähler*innen“ leben kann: „Kann mir gar nicht vorstellen, wie du das aushältst.“ Zu den Sorgen Theresas über geringe Einnahmen und hohe Pacht fällt ihm vor allem Kuh = Klimakiller ein. Sie schmäht ihn als Städter, der von existenziellen Fragen keine Ahnung hat. Als die russische Armee die Ukraine überfällt, sind beide entsetzt, aber auch hier nicht einer Meinung. Theresa verteidigt einen offenen Brief, der für eine diplomatische Offensive und gegen die Lieferung schwerer Waffen plädiert, wie ihn Juli Zeh bekanntlich selbst unterschrieb. Stefan findet das „Schwachsinn“.

Und er hat viel zu tun: Für eine von ihm erkämpfte Klima-Sondernummer kommen zwei 19-jährige Aktivistinnen in seine Redaktion, die vor deren politischen Furor kuscht. Der äußert sich unter anderem in Zensurgelüsten, wenn ein australischer Roman nicht rezensiert werden soll, weil dieses Land zu viel Kohle und Gas exportiere. Theresa nennt in ihrer Antwort die beiden Neuzugänge „Rotzlöffel“. Außerdem berichtet sie von Ehekrise und drohender Pleite. Völlig entnervt, ist sie kurz davor, sich einer radikalen Protestgruppe anzuschließen. Die Kontaktperson ist die Studentin Eva, die vom Nachbarhof stammt und sich von einem Trump-nahen Thinktank ihren pinken E-Smart finanzieren lässt. Stefan ist entsetzt.

Wie in anderen Romanen Juli Zehs werden auch in diesem Buch die Leute in der brandenburgischen Provinz plastisch und lebendig: Die populismusfreundliche Eva ist lebenslustig, zupackend, hilfsbereit. Auch Theresas AfD wählender Mitarbeiter Christian wirkt wie ein Mensch, den man bei allen Vorbehalten gern kennenlernen würde. Über sich selbst erzählt Theresa eindringlich, was eine Kindheit und Jugend in Zeiten der Wiedervereinigung für sie bedeutete und warum sie so verbissen am Hof ihres Vaters festhält.

Shitstorm im Netz, Kritik in der Zeitung

Nicht alle Figuren werden so nuanciert geschildert. Leonie, die Klimapraktikantin, ist fast schon eine Karikatur, vergleicht Boomer mit Nationalsozialisten und postet sich weinend auf Instagram: „Meine Klimaangst ist heute so strong. Das wollte ich mit euch teilen.“ Und sie stellt eine heimlich gefilmte Äußerung des Chefredakteurs ins Netz. Er hatte eine Redakteurin eine „Quoten-Schwarze“ genannt, der Hinweis auf Ironie hilft nichts, der Shitstorm ist gigantisch und setzt fatale Entwicklungen in Gang. Stefan mailt die Eskalation häppchenweise an Theresa, die das nur in Grenzen interessiert, bis sie selbst zum Sujet der negativen Berichterstattung der „Ostprignitzer Rundschau“ wird. „Nun weiß ich, wie man auf die Idee kam, Menschen an den Pranger zu stellen.“

„Zwischen Welten“ erzählt vom Austausch zweier Menschen, die sich politisch und persönlich abstoßen, annähern, ineinander verwickeln. Ob die Verständigung zwischen Stadt und Land wirklich gelingt, muss man nachlesen. Man verrät aber nicht zu viel, wenn man sagt, dass Theresa sich radikalisiert, während Stefan zwischenzeitlich seinen antirassistischen, genderkritischen und klimakämpferischen Überschwang verliert.

Der Roman erzählt eine Beziehungs-, ja Liebesgeschichte. Er bezieht sich auf aktuelle Konflikte, die, und das ist ein Problem, hier zugespitzter und damit klarer erscheinen, als sie sind: Etwa, wenn Theresa meint, sie stehe mit ihrer Kritik an der deutschen und europäischen Agrarpolitik so allein da, dass sie mit einer rechtsradikalen Gruppe liebäugeln muss. Es bestehen breite Bündnisse für eine bäuerliche und ökologische Landwirtschaft. Das zumindest zu erwähnen, hätte die Biobäuerin glaubwürdiger gemacht. Und ja, es gibt intensive Diskussionen in Redaktionen und hässlichen, ja kriminellen Hass im Netz, aber kennen Sie eine große Zeitung, die dauerhaft vom woken Nachwuchs gekapert wurde? Kennen Sie persönlich Menschen, die so sind wie die Klimakämpferin Leonie im Roman? Oder haben Sie von einem Chefredakteur gehört, der vor Netzhetze ins Ausland flieht? Letzteres erlebt Stefan gegen Ende des Romans, der, so der Klappentext, die „zerstörerische Kraft eines enthemmten Diskurses“ thematisiert.

Natürlich kann Literatur machen, was sie will, und „Zwischen Welten“ wird sowieso ein Bestseller. Aber es fragt sich, ob Übertreibung zu mehr gesellschaftlicher Verständigung führt. In seinem Buch „Cancel Culture Transfer. Wie eine moralische Panik die Welt erfasst“ schreibt der Literaturprofessor Adrian Daub, der diskursiven Erregung lägen meist Ereignisse zugrunde, die weit weniger dramatisch verliefen als kolportiert. Er empfiehlt den Medien daher genaue Recherche und solide, differenzierte, gelassene Berichterstattung. Dem würde das Autorenduo Urban/Zeh sich ganz bestimmt anschließen, immerhin geht es im Roman viel um journalistische Redlichkeit. Und vielleicht wäre es auch nicht verkehrt, in aufgeregten Zeiten nicht nur journalistische Sorgfalt zu pflegen, sondern auch Romane zu schreiben, die so kompliziert sind wie die Wirklichkeit.

Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten. Roman, Luchterhand Literaturverlag 2023, 444 S., 24 Euro