Seit Jahren lesen wir, dass der Buchmarkt kurz vor seinem Zusammenbruch steht. Das E-Book werde den Markt völlig umwälzen und alle Buchhandlungen in den Ruin treiben. Und große Verlage, die nicht rechtzeitig auf das elektronische Publizieren umstellten, würden bald von kleineren Newcomern überholt werden. Und schließlich beherrsche Amazon, der Großversender mit den Niedriglöhnen, den Buchhandel demnächst völlig.

Doch noch im Weihnachtsgeschäft 2013 gab man sich vonseiten der Branchenfunktionäre alle Mühe, gelassen auszusehen. Die für simple Gemüter gestrickte Kampagne „Vorsicht Buch!“ locke die Leserinnen und Leser wieder vermehrt in die Buchhandlungen, sagten sie. Die Umsätze im stationären Buchhandel stiegen tatsächlich leicht an. Die erst im März gemeinsam von den Konkurrenten Weltbild, Hugendubel und Thalia mit der Telekom gebildete „Allianz“ um das neue Lesegerät Tolino schließlich sei sehr erfolgreich und schnappe dem Kindle-Lesegerät von Amazon auf dem deutschen Markt deutliche Marktanzeile weg. 2013 lief also alles glatt.

Doch das Jahr 2014 hat für die Buchbranche sehr spektakulär begonnen. Am 10. Januar stellte der Weltbild-Konzern einen Insolvenzantrag, nachdem seine Besitzer – mehrere Institutionen der katholischen Kirche – sich nicht bereit fanden, die für den Umbau nötigen Millionen bereitzustellen. So ist ein Buchgigant mit mehr als anderthalb Milliarden Euro Umsatz in seiner Existenz gefährdet, die Zerschlagung droht, Folgeinsolvenzen sind nicht ausgeschlossen. Die Telekom verkündete nahezu zeitgleich, dass sie ihre E-Book-Plattform Pageplace zum April schließen werde – Pageplace ist Teil der „Tolino-Allianz“. Wie die Telekom, die ja immerhin die Geräte betreut, ihre künftige Rolle in der Allianz sieht, bleibt in den offiziellen Verlautbarungen allzu sehr im Vagen, sie beschwichtigt in alle Richtungen.

Massiver Geldbedarf bei Suhrkamp

Der Bertelsmann-Konzern gab im Januar bekannt, dass er von den rund 100 Club-Filialen in Deutschland im Laufe des Jahres 41 schließen werde. Der Bertelsmann-Club hatte versucht, mit seinem Sublabel Zeilenreich das Club-System in Richtung freier Buchhandel zu öffnen, doch scheint dies gescheitert zu sein, der ambitioniert gestartete Onlineauftritt ist schon wieder aufgegeben worden.

Das sind die beiden wichtigsten Nachrichten aus dem Buchhandel, doch auch in der Verlagswelt ist es nicht ruhiger geworden. Noch immer nutzt bei Suhrkamp Anteilseigner Hans Barlach alle juristischen Möglichkeiten, um eine Umbildung des insolventen Verlages in eine Aktiengesellschaft zu verhindern, was die Mehrheitsanteilseignerin Ulla Berkéwicz wünscht. So oder so gibt es offenkundig neben dem Eigentümerstreit auch massiven Geldbedarf bei dem Traditionsverlag.

Auch der Aufbau Verlag steht wohl nicht so gut da. Gerade trennte er sich von seinen Geschäftsführern Tom Erben und René Strien. Für letzteren kam dies sicher überraschend, hatte er sich doch erst sieben Tage zuvor als Vorstand der AG Publikumsverlage im Börsenverein des Deutschen Buchhandels bestätigen lassen. Der Verleger des der Aufbau Gruppe assoziierten Metrolit-Verlags, der ebenfalls Tom Erben war, wird nun der bereits im Hause tätige frühere Kleinverleger Peter Graf, der hohes Ansehen genießt.

Es geht also nicht um vollständigen Umbau. Doch die Aufbau Gruppe leidet darunter, dass der Ueberreuter Verlag, der erst 2012 von Wien aus ins Aufbau-Haus am Moritzplatz gezogen war, zu Jahresbeginn den Besitzer wechselte. Ueberreuter und Aufbau hatten beim Umzug eine Vertriebsfirma für alle ihre Verlage gegründet, diese sollte auch die Marke Aufbau dauerhaft am Markt positionieren. Der Aufbau-Eigner, Matthias Koch, hatte zuvor öfters betont, dass der Umsatz seiner Verlagsgruppe deutlich steigen müsse, damit sie in der Zukunft gesichert sei. Obschon seine Geschäftsführer Strien und Erben in den letzten Monaten einige große Bucherfolge auf den Markt gebracht haben (Ernst Haffner, Monika Zeiner und die Wiederentdeckung von Hans Fallada), hat es wohl nicht gereicht, um die Sorgen des Eigentümers zu mindern. Wer die Geschicke des Aufbau Verlags künftig führen wird, wird am Freitag bekanntgegeben.

Kleinere Buchläden profitieren leicht

Was aber heißt das alles für den Buchmarkt? Sind weitere Verlage mittlerer Größe in ihrer Existenz gefährdet? Wenn Bertelsmann nervös wird, was heißt das für seine in der Random-House-Gruppe gebündelten Verlage (Goldmann, Heyne, Luchterhand, Manesse). Was heißt dies für die Verlage des Holtzbrink-Konzerns (Fischer, Rowohlt, Kiwi), was für die der Bonnier-Gruppe (Carlsen, Ullstein, Piper)? Schon jetzt zeichnet sich ab, dass viele dieser Verlage immer aggressiver allein auf Bestseller setzen und alles, was sich nicht unmittelbar in Geld umsetzen lässt, auch ihr literarisches Erbe, lieber links liegen lassen.

Doch auch die kleinen Verlage krebsen oft herum, und können nicht mehr zur Heimat all jener durchaus namhaften Autorinnen und Autoren werden, die kein neues Buch in großen Verlagen mehr unterbringen können – von ihren älteren Titeln ganz zu schweigen. Viele Ebook-Plattformen wenden sich inzwischen an all jene und fordern sie auf, sich selbst zu verlegen. Das kann man beklagen, andererseits muss man feststellen, dass sich die Zahl der Verlage in den letzten Jahren deutlich erhöht hat, und auch der Ausstoß an neuen und neuaufgelegten Titeln ist immer größer geworden. Ein Mangel an frischem Text steht nicht zu befürchten.

Und die kleineren Buchhandlungen, die in den letzten Jahren sehr unter dem Druck der Filialisten standen, profitierten sogar ein bisschen von der Krise – sie haben sich ja schon länger auf sie einrichten müssen. Ihnen kommt die schlechte Presse für Amazon und der Schrumpfungsprozess bei den Großfilialisten zupass. Der Großbuchhandel aber wird es weiterhin sehr sehr schwer haben. Doch das hat er, mit seiner Abkehr von der Beratung (und teilweise sogar vom Buch) nicht zuletzt selbst zu verantworten. Der Leser will sich nicht einfach zum Konsumenten degradieren lassen.