Literaturdebatte um Judith Hermanns „Aller Liebe Anfang“: Kritiker ohne Distanz

Literaturdebatten sind selten geworden und haben sich, so sie denn noch stattfinden, in die Randspalten zurückgezogen. Die neueste betrifft ausgerechnet ein bewusst unscheinbares Buch, dessen Autorin mit einem forciert schlichten Stil berühmt geworden ist: Judith Hermanns Roman „Aller Liebe Anfang“. Das Buch ist von der Kritik so lala aufgenommen worden, oft mit Enttäuschung und Ernüchterung, was niemanden überraschen konnte. Denn Judith Hermann war zuvor mit ihrem Debüt, dem Erzählungsband „Sommerhaus später“ aus dem Jahre 1998 hochgejubelt worden zur Stimme ihrer Generation, zur stilistischen Galionsfigur eines neuen Zeitalters der Indifferenz und ähnlichem Humbug. Nun schlägt das Pendel zurück, und manche Kritiker reißen sich darum, die Ersten zu sein, Judith Hermann von dem Thron zu stoßen, auf dem sie nie sitzen wollte.

Allen voran Edo Reents in der FAZ, der seine im Einzelnen ziemlich kleinkarierte, im Studienratsstil an stilistischen Eigenwilligkeiten herumnörgelnde Kritik mit der Kopfnote versah: „Judith Hermann hat zwei Probleme: Sie kann nicht schreiben, und sie hat nichts zu sagen.“ Das ist, wie der Tagesspiegel schrieb, schon allerhand gegenüber einer Autorin, mit der die FAZ zuvor ein Interview geführt und sich damit über fast eine Seite hinweg geschmückt hatte – ein Interview, in dessen Vorspann Judith Hermann als „Star der deutschen Literatur“ angepriesen wurde.

Es kann durchaus sein, dass sich in Edo Reents Schmähkritik auch ein absolut gestriger Paternalismus ausdrückt, wie Iris Radisch in der Zeit meinte. Aber an der Schriftstellerin tobt sich auch die Hysterie eines Betriebs aus, der gern mal zwischen Jubilieren und Vernichten schwankt, um sich damit von einem Alltag zu erholen, der in der Regel noch immer von der Mühe um ein differenziertes Urteil geprägt ist. Judith Hermann ist das Opfer einer Übersprungshandlung, eines rituellen Ausflippens, das sich im überzogenen Lob genauso ausagiert wie im Verreißen.

Interessant, dass ausgerechnet diese stille, um Distanz bemühte Autorin es schafft, bei Kritikern Kontrollverluste auszulösen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ihr Buch vom Gestalkt-Werden handelt. In welche Wallung sie den Betrieb versetzt, kann man am politischen Magazin Cicero studieren. Dort hatte der Schriftsteller Peter Henning ein Interview mit ihr untergebracht, in dem genauestens der Treffpunkt mit ihr geschildert war (ein Charlottenburger Café) und was sie alles beim Sprechen mit ihrem Haar und ihrem Lächeln anstellte. In Wahrheit waren die Antworten per E-Mail eingeholt worden, das Gespräch im Café hat es nie gegeben.