Auch ich bin Architekt, wie wir alle. Nacht für Nacht habe ich Häuser gebaut. Nicht benutzbare, sinnlose gewissermaßen, allein von mir bewohnte Häuser, aber diese sind intensiver und umfassender bewohnt worden, als es jemals sonst ein Raum wurde. Denn ich war stets selber jener Raum, jede Mauer und jeder Zaun und jedes Tor, auch jeder Mensch, der allein und in Gedanken an den vom Ambra der Abenddämmerung feucht angelaufenen Wänden entlanggeht. Nacht für Nacht bewohne ich mich selbst, gehe ich mit mir spazieren, spreche ich mit mir selbst, doch dafür muss ich immer wieder meine innere Stadt neu errichten, wie die Spinne jedes Mal die Fron auf sich nimmt, das runde Netz zu spinnen, das ihr tagsüber vom Hagelregen und den herabfallenden gelben Kastanienblättern zerstört worden ist.

Im Laufe meines Lebens habe ich mir Hunderte Träume in mein Tagebuch notiert. Für jeden dieser Träume habe ich eine andere Stadt gebaut, die eine seltsamer und aufwühlender als die andere. Ich habe sie wahrscheinlich aus uralten Erinnerungen und der neu zusammengesetzten Substanz anderer Träume generiert und diese Ingredienzien dermaßen eingeschmolzen in die neue Halluzination, dass ich beinahe gar nichts mehr wiedererkennen kann. Gewöhnlich setzt mich ein Zug, von dem ich nicht weiß, wie ich in diesen gelangt bin, spät nachts an einem leeren Bahnhof ab.

Ich weiß nicht, was ich dort suche, ich bin durcheinander und fühle mich verloren wie ein Kind, das mit einem Mal auf der Straße seine Mutter nicht mehr sehen kann. Ich trete aus dem Bahnhof und gehe in die Stadt, bin verwundert und eingeschüchtert von der Höhe der Gebäude, ihrer Spektralität, den bizarren Stuckornamenten, die ihre papierdünnen Wände schmücken.

Paläste aus Erinnerungen

Ich gelange auf weite Plätze, in deren Mitte eine vage weibliche Statue, schwer wie eine Larve eine Hand breit über ihrem Sockel schwebt. Ich überquere Brücken über bernsteinfarbenem Wasser. Gelange auf äußerst belebte Boulevards. Jedes Detail der Paläste am Rande dieses Boulevards ist so klar und deutlich wie meine Handfläche, oftmals habe ich nach dem Erwachen alles äußerst genau nachgezeichnet, alles ist irgendwie organisch, gefühlsmäßig, denn ich habe all diesen falschen Zement aus mir selbst hervorgebracht, die falschen Steine, falschen Personen, falschen Automobile, die falschen Farben und Kurven, genauso wie das weiche Schneckentier sich träumerisch die eigene Hülle schafft.

Nachdem ich die Stadt, die ich nicht verstehe und auch nicht wiedererkenne, verwundert durchschritten habe, gelange ich an eine Straßenbahnhaltestelle unter dem Sternenhimmel. Da gibt es mehr Sterne als jemals ein menschliches Wesen gesehen hat. Ich fürchte mich vor ihnen, es ist meine alte Siderophobie. Die Straßenbahn kommt, aber sie hat keinen geschlossenen Wagen, sondern lediglich eine Plattform, auf die ein paar Stühle montiert sind. Ich steige auf und fahre wie eine Pharaonenstatue zwischen Reihen enormer Gebäude mit steinernen, an Dachrinnen erstarrten Wasserspeiern hindurch, bis auch die letzten Gebäude verschwinden und ich mich an einem finsteren Stadtrand wiederfinde. Ich steige an einer Haltestelle auf freiem Feld aus, nur eine trübe Glühbirne beleuchtet sie. Zwei Gestalten warten dort, schweigsam, anonym. Die Straßenbahn entfernt sich, in meinen Ohren saust die Ödnis, und ich frage mich, da ich die fernen Lichter der Stadt betrachte: Was kann ich jetzt tun? Wohin mit mir?

Deshalb habe ich keinerlei Schwierigkeit, mir eine zukünftige Stadt vorzustellen. Die Zukunft ist hier und jetzt. Fünfzehn Jahre sind ebenso illusorisch wie fünfzehn Jahrhunderte. Die Stadt, in der ich jetzt lebe, müsste nicht Bukarest sein, sie könnte Ninive sein, Ugarit, Heliopolis, Tenochtitlan, Montsalvat, Laputa, Boston, Delft oder eine Stadt, die erst in zehntausend Jahren auf Umbriel, dem fahlen Mond des Uranus, begründet wird. Jede ist ein Traum, das Wesen jeder dieser Städte ist nichts anderes als das Wesen des weichen Tiers, das sie errichtet hat, um sich vor der Leere und der Nacht zu beschützen: melancholische Ruinen auf einem unfruchtbaren Feld. Alle Städte werden zu Ruinen, alle werden sie archäologisches Gelände, Schicht für Schicht in Lehm gepackt, Stockwerk für Stockwerk und Heim für Heim: Troja III, Troja IV, Troja VI – das gleiche, immer wieder neu, um Ruine zu werden, errichtete Troja.

Ein Tagtraum hat mir mal eine Seite darüber eingebracht, wie eine Stadt entworfen werden müsste, damit wir in der archetypischen Festung leben können, dem idealen Habitat für den viel zu oft mit Stahl, Glas und Städten wie Brasilia betrogenen Menschen. Ich jedenfalls möchte in einer solchen Stadt mein Leben verbringen, ihre verlassenen Fabriken erkunden, die Schlösser mit den verrosteten Leitungsrohren, die Häuser ohne Fensterbretter, mit Dächern aus denen Bäumchen wachsen, den wie verrottete Kathedralen aussehenden Straßenbahndepots. Über diesen Anblick wölbte sich die gewaltige Kuppel des blauen Himmels, das einzig futuristische Element, das ich auf meinem Entwurf zulasse. Und – vielleicht – würde am obersten Rand der Himmelskuppel der Drache der Melancholie seine Flügel recken.

„Voila“, das ist der fernste Ort, an den ich jemals gereist bin, und das wird er auch für immer und ewig bleiben, daran zweifele ich nicht. Mir ist bekannt, dass es noch weiter entfernte Provinzen gibt, auf meinem Atlas gibt es bunte Flecken namens China, Afrika, Argentinien, Neuseeland, allesamt auf einer Kugelhälfte, die größtenteils von Wasser bedeckt ist. Mir ist ein fantastisches und chaotisches Universum beschrieben worden, worin die Sterne über meinem Kopf die ersten Nachbarn meiner Welt sind.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, warum Bukarest die traurigste Stadt auf der Erde ist.