Die Deutschen genießen von jeher den Ruf, effizient zu sein“, heißt es beim angolanischen Autor José Luís Mendonça. Klischee? Von wegen! Es genügt ein Blick in das Literaturbetriebsgesetz, Lesungsverordnung, § 15. Hier ein Auszug:

15.1. Ein bekannter Autor hat das Recht, sein Publikum zu Tode zu langweilen. Lesungsopfer dürfen den Ehrentitel Märtyrer tragen und haben im Jenseits ein automatisches Anrecht darauf, in die Heerschar der Schutzengel des jeweiligen Autors aufgenommen zu werden. 15.2. Ein unbekannter Autor hat je nach literarischem Themengebiet die Pflicht, entweder zu unterhalten oder das Publikum zu relevanten Inhalten seines Schreibens und Denkens zu informieren.

Sofern ein Moderator anwesend ist, kommt ihm eine unterstützende Rolle zu. Die Verantwortung trägt der Autor. Bei wiederholter Zuwiderhandlung kann die entsprechende Berufsgruppenversicherung (LITVOLL oder Writers For Readers) den Autor in die nächste Beitragsgruppe hochstufen. Der erhöhte Versicherungsbetrag ist nicht subventionsfähig.

Das dürfte eigentlich deutlich sein. Allein scheint das diesjährige internationale literaturfestival berlin (ilb) seinen Autoren nicht immer ausreichend klar zu machen, in welche Kategorie sie vor einem deutschen Lesepublikum gehören. Beziehungsweise hat sich da ein gewisser Schlendrian eingestellt. Während der Eröffnungsredner Javier Marías sich noch ganz klar unter § 15.1 verortete und seinem Publikum in einer loop ad infinitum distinguiert andeutete, mit welchen fiktionalen Finessen er seine eigene Familiengeschichte montiere, fiel so manchem Autor von Festivaltag vier die Orientierung offensichtlich schwer.

Nehmen wir das Beispiel des nigerianischen Autors E.C. Osundo, der von dem in Deutschland ungleich bekannteren, aus den USA eingeflogenen Autor Helon Habila als Moderator bei der Lesung begleitet wurde, und dessen neuer Roman im Herbst beim deutschen Verlag „Wunder-Something“ erscheint. Während sein Moderator bereits unter 15.1 fällt, dürfte er gerade noch unter 15.2 fallen.

Oder nehmen wir das Beispiel des oben Zitierten, José Luís Mendonça, ehemaliger Bürgerkriegssoldat, ehemaliger Kultur- attaché der angolanischen Botschaft in Paris, Autor von 15 Gedichtbänden, darunter eine Auswahl in der Anthologie „Mögen Pintangas wachsen“ (Poetenladen 2014), der nun in Berlin seinen ersten, noch unübersetzten Roman „Im Reich der Kasuarinen“ vorstellte.

Da es sich bei der bislang einzigen Übersetzung um Lyrik handelt und davon ausgegangen werden kann, dass der Band eine Auflage von 1000 Exemplaren nicht übersteigt, fällt Mendonça eindeutig unter § 15.2. Relevante Inhalte seines Lebens und Schreibens dürfte es bei dem Autor, der fast 40 Jahre seines Lebens im Krieg verbracht hat, genug geben.

Auch der zur Vorstellung mitgebrachte Roman „Im Reich der Kasuarinen“, angesiedelt in der DDR sowie im Kriegs- und Putsch-Angola der 1970er und 80er Jahre, versprach Aufmerksamkeit zu wecken. Schließlich kommt der einbeinige Erzähler an eine klavierspielende ägyptische Katze namens Strawinski, und gibt es, laut Moderatorin, einen interessanten „Erotismus“ zwischen impotenten Erzähler und überpotenten Verräter, der, laut Autor, darauf angelegt ist, das Sextabu in der angolanischen Gesellschaft zu „entmystifizieren“.

Allein blieben Hintergründe aus und eignete sich weder die ausgewählte Lesepassage dazu, die angolanische Seite des Unterfangens näher zu beleuchten, noch die Auskunft des Autors, er habe von einem Kollegen eine genaue Schilderung von Unter de Linden erhalten, dazu, die DDR als sozialistischen Bruderstaat aus der Perspektive eines angolanischen Gaststudenten neu kennenzulernen.

Zur effizienteren Anwendung von § 15.2 wird dem Autor dringend empfohlen, entweder das vom ilb auf knappe 60 Minuten angelegte Lesungsformat zu sprengen, oder seine Podiumszeit anhand folgender Fragen zu optimieren: 1. Was ist für deutsche Leser*innen innerhalb der kulturellen Debatten ihrer aktuellen Tagespresse interessant? 2. Was will ich selbst vermitteln? 3. Mit welchen rhetorischen Mitteln setze ich meine Ziele um, und wie mache ich dies gegenüber dem/der Moderator*in deutlich?