Der junge Mann trägt Hut und Stock, Krawatte und einen Schal aus feinem Tuch. Es ist Vladimir Nabokov, 27 Jahre alt. Ein Strahlen hängt über seinem Kopf, nachträglich eingezeichnet, zwei gekritzelte Schmetterlinge flattern neben ihm. Das Foto schmückt den Literatur-Kalender „Momente der Hoffnung“ in der Woche vom 19. zum 25. April. Abgedruckt ist, was Nabokov am 12. Juli 1926 auf die Rückseite geschrieben hatte, an seine Frau Vera: „Meine Liebste, es ist spät, ich bin ein bisschen müde; der Himmel hat eine Sternenentzündung. Und ich liebe Dich, ich liebe Dich, ich liebe Dich – und vielleicht lässt sich auf diese Weise eine ganze riesige über und über glänzende Welt erschaffen – aus fünf Vokalen und sieben Konsonanten.“ Vera weilte in einem Sanatorium, litt an Depressionen. Nabokov schrieb ihr jeden Tag. Die Ehe hielt 52 Jahre bis zu seinem Tod.

Nicht all diese Informationen stehen auf dem Kalenderblatt. Aber wenn man das Bild sieht und die Briefzeilen, dann will man einfach mehr wissen. So verhält sich das auch einige Wochen zuvor bei dem Foto einer Frau, die lachend auf eine Trommel schlägt. „Mein Wunsch, wieder zur Schule zu gehen, war nie verstummt“, heißt es im nebenstehenden Zitat von Zora Neale Hurston (1891-1960). „Entschlossen ergriff ich die einzige Waffe, die ich besaß – Hoffnung –, und nahm die Beine in die Hand. Vielleicht würde von nun an alles anders werden. Vielleicht.“ Ihr Mut trug sie weiter. Zora Neale Hurston wurde eine der bedeutendsten afroamerikanischen Autorinnen.

Welch treibende Kraft Hoffnung ist, das zeigt sich hier auf den meisten Blättern. Selten einmal muss man ein bisschen grübeln, warum die Herausgeberin Elisabeth Raabe ausgerechnet dieses Foto und jene Zeilen zu ihrem Motto stellte. Doch Virginia Woolf schaut voll Zuversicht auf ihre Ehe, Michael Bulgakow träumt von einer Reise ans Mittelmeer und Leonora Carrington erzählt in knackigen Sätzen, wie ihr während des Zweiten Weltkriegs die Flucht aus Europa gelang. Patricia Highsmith hoffte einst sehr, ein Buch wie „Alice im Wunderland“ zu schreiben. Sie schaut so froh in die Kamera in den 40er-Jahren in New York, dass man keine Krimis von ihr erwartet.

Quelle:  edition momente
Das Kalenderblatt mit James Baldwin

Anfang August fängt James Baldwin, vor einer Shakespeare-Statue in London stehend, den Blick des Betrachters und will ihn nicht mehr freigeben. Der Satz darunter stammt aus einem Interview: „Ich lebe eine Hoffnung wider besseres Wissen.“ Im vergangenen Jahr hat es so grausame Übergriffe gegen Schwarze gegeben, doch es erstarkte auch die Bewegung „Black Lives Matter“. James Baldwins Bücher werden heute wieder neu publiziert und gelesen. So passt er in die Idee des Kalenders.

Der Literatur Kalender 2021. Edition Momente, Hamburg. 22 Euro