Olga Tokarczuk und Peter Handke.
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StockholmDie Überraschung besteht vor allem darin, dass die Entscheidung der Schwedischen Akademie für den Literaturnobelpreis 2019 nicht wirklich überrascht. Mit dem 76-jährigen österreichischen Schriftsteller wird ein Autor ausgezeichnet, der in den letzten Jahren immer wieder einmal als möglicher Kandidat für die wichtigste Auszeichnung des literarischen Lebens genannt wurde. Das Überraschungsmoment, das die Verkündung vom Donnerstagmittag in Stockholm dann doch gab, besteht wohl vor allem darin, dass er den Preis erst jetzt erhält.

Peter Handke, dessen erster Roman „Die Hornissen“ bereits 1966 erschien, galt spätestens seit seinem Theaterstück „Publikumsbeschimpfung“, uraufgeführt 1966 von Claus Peymann am Theater am Turm in Frankfurt am Main, als Rebell der deutschsprachigen Literatur, an dem sich bald viele Kollegen orientierten. Das war paradox genug, denn bald präsentierte sich Peter Handke als radikaler Einzelgänger, der weder in künstlerischer noch in politischer Hinsicht als Leitfigur fungierte.

Mit Peter Handke zeichnet die Schwedische Akademie einen virtuosen Sprachkünstler aus, der mit jedem Buch, das er neu veröffentlichte, immer auch auf eine literarische Nullstellung aus war. Kein Roman gleicht dem anderen, immer sucht Handke in seinen Werken auch die formale Herausforderung, die kleine Essays ebenso umfasst („Versuch über die Jukebox“) wie das schriftstellerische Individualisierungsmonument „Mein Jahr in der Niemandsbucht“.

Das Einzelgängertum war für Handke nie nur eine Phrase. In der politischen Debatte um die europäischen Jugoslawienkriege stellte sich der in Kärnten als Angehöriger der slowenischen Minderheit geborene Handke vehement auf die Seite des serbischen Diktators Slobodan Milosevic und riskierte damit, zur „persona non Grata“ des Literaturbetriebs zu werden.
Die Wahl Peter Handkes, der mit seinem vielfältigen Werk immer auch ein großes Publikum erreicht hat, ist ein sehr entschiedenes Votum für eine Literatur, die den hohen Ton nicht scheut und bereit ist, das Kleine und Vergessene aufzuspüren.

Olga Tokarczuk erhält Literatur-Nobelpreis für 2018

Zumindest im deutschsprachigen Raum ist die Entscheidung für Peter Handke sicher auch eine unangemessene Zurücksetzung der ebenfalls am Donnertag gekürten polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk, die den Literaturnobelpreis für 2018 zugesprochen bekam. Die 57-jährige, in Sulechów bei Zielona Góra geborene Schriftstellerin arbeitete zunächst als Psychologin in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche.

Große literarische Anerkennung erhielt sie zu Beginn der 90er-Jahre für ihren Debütroman „Reise der Buchmenschen“, eine Parabel über die Suche zweier Liebender nach dem Geheimnis des Buches, das zugleich als Metapher des Lebens verstanden wird. Olga Tokarczuk zählt neben Jerzy Pilch und Andrzej Stasiuk zu den populären polnischen Autoren der mittleren Generation, die sich immer wieder auch kritisch mit der Rolle Polens in Europa auseinandergesetzt haben.

Die durch die zurückliegenden Skandale um sexuelle Belästigung und Geheimnisverrat in die Kritik geratene Schwedische Akademie hat die Institution Literaturnobelpreis mit ihren Entscheidungen für Handke und Tokarczuk nicht neu erfunden, aber doch eine Wahl getroffen, die erfreulich, anregend und in beiden Fällen überaus würdig ist.