Die amerikanische Poetin Louise Glück bei der Verleihung der National Humanities Medal im Weißen Haus 2016. 
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Stockholm - Ein Stocken, ein kurzes Rätseln. So mögen viele auf die Bekanntgabe des Literaturnobelpreises reagiert haben. Denn wer ist Louise Glück? Man fühlt sich ein wenig an die Auszeichnung von Tomas Tranströmer, einem ähnlich nur vertrauten Kreisen bekannten Autor, im Jahr 2011 erinnert, der genauso wie Glück Lyriker ist. Erneut setzt das Stockholmer Komitee somit ein Zeichen, indem sie die gewiss am meisten marginalisierte und unterschätzte Gattung der Spätmoderne adelt.

Die Überraschung ist dabei übrigens doppelter Natur. Wenn schon Dichtung, so haben die meisten gedacht, dann allenfalls an die Favoritin, nämlich die Kanadierin Ann Carson. Nun also Außenseiter-Format und Außenseiter-Name. Die Botschaft ist klar: Nach den Skandalen um Peter Handke und der wohl eher politisch begründeten Honorierung der polnischen Autorin Olga Tokarczuk soll der Preis nun an eine Ästhetin gehen.

Wer dann noch etwas genauer auf deren Werk blickt, dürfte überdies der Aktualität ihrer Texte gewahr werden. Schon seit längerer Zeit zeichnet sich ab, dass sich allen voran die nationale und internationale Dichtung am intensivsten den Fragen um Klima- und Umweltkrise widmet. Nicht die Prosa, nicht die Dramatik, nein, die Poesie hat das Anthropozän, das neue Erdzeitalter im Zeichen des menschlichen Einflusses auf die Erde, für sich entdeckt.

Die Natur als autonome Kraft

Zu den Vordenkern dieser thematischen Ausrichtung gehört zweifelsohne Louise Glück. 1943 in New York geboren, greifen sie in ihren Gedichte immer wieder den Zusammenhang von menschlicher Existenz und Natur auf. Letztere erscheint bei ihr als Akteur, als autonome Kraft, frei von humaner Unterdrückung. Allerdings muten Flora und Fauna nicht unbedingt kämpferisch an. In einer klaren, konzentrierten Sprache versucht sich Glück eher daran, die Natur in ihrer Schönheit hervorzuheben. So zum Beispiel in einem Text an das Venus-Gestirn: „Heute Abend, zum ersten Mal nach vielen Jahren, / zeigte sich mir wieder / eine Vision irdischer Pracht: // am Abendhimmel / schien das Leuchten  / des ersten Sterns zuzunehmen, / während die Erde dunkel wurde, […] Venus, / Stern des frühen Abends, // dir widme ich / meine Vision, da du auf diese leere Fläche // hinreichend Licht geworfen hast, / meine Gedanken erneut / sichtbar zu machen.“ Auch finden sich „Liste[n] von Dingen, die man lieben sollte: Dreck, Essen, Muscheln, Menschenhaar“. Was Glücks Poetik auszeichnet, ist die Macht der Bewahrung, die Verewigung all dessen, was durch äußere Intervention bedroht erscheint, in der Manifestation des Wortes.

„Ich freue mich sehr, dass eine Lyrikerin geehrt wird. Glücks Lyrik zeichnet aus, dass sie Erkundungsgänge in den Körper unternimmt. Früh hat sie sich der Pflanzenwelt zugewandt und Pflanzen aus sich heraus sprechen lassen. Antike Mythen deutet sie auf eigene Weise unter dem Aspekt weiblicher und männlicher Körperlichkeit um. Aus Louise Glücks Dichtung spricht eine originäre Stimme, anhand derer sich erleben lässt, wie die Kunst Themen, die heute relevant sind, früh aufgegriffen hat.

Ulrike Draesner, Dichterin und Übersetzerin

In der Schriftstellerin jedoch eine bloße Natur- oder Ökopoetin zu sehen, griffe zu kurz. Seit ihrem Debüt „Firstborn“ (1968) arbeitet sich die zumindest mit bislang zwei Bänden von Ulrike Draesner ins Deutsche übertragene Poetin auch an den großen Themen der Gattung ab – Liebe, Tod, Familie, Einsamkeit – und zeigt sich mithin als Virtuosin mit humanistischem und metaphysischem Anspruch. Immer wieder zeugen ihre Texte von ihrer reichen akademischen Ausbildung, die sich seit 1984 in ihrer Tätigkeit als Professorin, zunächst am Williams College, später an der Yale University, widerspiegelt.

Kritik gibt es sowieso

Deutlich wird dies an ihrem Spiel mit antiken Figuren und Mythen und besonders an ihrer melancholischen Befragung des Schicksals der Persephone. Entführt in die Unterwelt, dient die Tochter des Zeus Glück als Reflexionsfigur für patriarchales Machtgehabe: „Persephone hat Sex in der Hölle […] // Sie weiß durchaus, dass die Erde / von Müttern betrieben wird, so viel / steht fest. Sie weiß auch, / dass sie nicht länger ist, was man / ein Mädchen nennt. Was Einkerkerung / angeht, glaubt sie, // dass sie, als Tochter, von Anfang an eine Gefangene war.“

Glück zieht stets den großen Bogen, über alle Zeiten hinweg, ihre Texte ringen um das Elementare des Daseins und geben die ganze Spannweite poetischer Ausdruckskraft zu erkennen. Dass es wie bei jeder Vergabe des Nobelpreises Kritik geben wird, ist zu erwarten. Zweifelsohne dürfte man die Auszeichnungen eines afrikanischen Autors – man denke an Ngũgĩ wa Thiong’o – oder des asiatischen Dauerkandidaten Haruki Murakami als längst überfällig bezeichnen, auch in der damit verbundenen politischen Signalwirkung. Und ja, auch die Überrepräsentanz nördlicher und europäischer Autoren kann man nicht leugnen. Aber beklagen wir nicht alle auch immer wieder dieses Proporzdenken? Wenn man aus der Vergabe des Nobelpreises 2020 eine wichtige Botschaft herauslesen sollte, dann diese: Diesmal wurde einzig und allein die Literatur, mit ihrem Zweck an sich, gewürdigt.