Olga Tokarczuk im Jahr 2018 bei einer Lesung auf der lit-cologne.
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BerlinEine Situation wie aus einem Roman von Olga Tokarczuk: Olga Tokarczuk, natürlich unterwegs, muss erst einmal rechts ranfahren, um im Oktober 2019 die Nachricht entgegenzunehmen, dass sie ab jetzt und für immer die Literaturnobelpreisträgerin für das Jahr 2018 ist.

Olga-Tokarczuk-Figuren sind in Bewegung, nicht nur, aber auch in dem ausschweifenden Mosaikroman „Unrast“ (im vergangenen Jahr mit dem internationalen Man Booker Preis ausgezeichnet). Und ihre Autorin geht von einer solchen Gleichzeitigkeit der Dinge und Möglichkeiten aus, dass es in ihren Büchern zu erstaunlichen Verwebungen kommt. Zeitlichen und auch solchen zwischen Realität und (volkstümlicher) Fantasie – zwei Wörter, die man allerdings künftig wohl grundsätzlich in Anführung setzen muss, wenn eine Literaturnobelpreisträgerin erklären kann: „Ich kann mich nicht erinnern, dieses Buch geschrieben zu haben“ (über „Taghaus, Nachthaus“ von 1998).

Dabei leidet Olga Tokarczuk gewiss nicht unter einer Gedächtnisschwäche. Die Kühnheit, mit der sie in ihren Romanen und Erzählungen für die Desorientierung des Publikums sorgt – eines Publikums, das schon ein Minimum an intellektuellem Wagemut mitbringen sollte –, dient auch nicht der Verschleierung, sondern dem Gegenteil davon: Tokarczuk nimmt die Komplexität der Welt in voller Brutalität, wenngleich literarisch feinsinnig transformiert in ihre Bücher auf. Es ist nicht immer das Einfache, das eine entlarvende Wirkung hat, vielmehr ist es das Einfache, das es zu entlarven gilt. Das geht. Olga Tokarczuk, wie man liest, ist in Polen eine ernsthaft viel gelesene Autorin. In 25 Sprachen wurden ihre Bücher übersetzt.

„Ur und andere Zeiten“ erzählte schon in den neunziger Jahren von einem polnischen Ort, an dem Menschen zugleich in mehreren Zeiten existieren. Fabelwesen tummeln sich zwischen ihnen. Der soeben auf Deutsch (2014 auf Polnisch) erschienene gewaltige Roman „Die Jakobsbücher“ (bei Kampa herausgekommen, dem jungen Verlag, bei dem am Donnerstag die Champagnerkorken geknallt haben müssen) führt in das vielsprachige, multiethnische, multikonfessionelle Polen-Litauen des 18. Jahrhunderts (und zu der merkwürdigen historischen Figur des mehrfachen Konfessionswechslers Jakob Frank). Das ist freilich jenes Reich, von dem das nationalkonservative Polen möglichst wenig wissen will. Es hat insofern eine Ironie, dass der polnische Kulturminister Piotr Glinski die Ehrung Olga Tokarczuks am Donnerstag als nationalen Erfolg wertete: Er selbst, so Glinski, werde sich jetzt noch einmal der noch nicht beendeten Lektüre der Werke Tokarczuks zuwenden.

Dem Schwiemeligen ist Tokarczuk also abhold (auch wenn ihre Kritiker das gerne einmal unterstellen, wie gesagt: Literatur für Wagemutige). Als sie 2015 den polnischen Literaturpreis Nike erhielt, prangerte sie bei der Preisverleihung die Intoleranz gegen Flüchtlinge und den Antisemitismus im Land an. „Wir haben schreckliche Dinge getan“, sagte sie mit Blick auf die polnische Geschichte in einem Interview, worauf sie massiv bedroht wurde.

Zuerst die Psychologie

Am Umgang mit Tokarczuk lässt sich zweifellos auch die dramatische Spaltung der polnischen Gesellschaft ablesen. „Es ist so, als ob wir zwei unterschiedliche Sprachen sprechen würden“, so die Schriftstellerin vor zwei Jahren in einem Interview mit der österreichischen Zeitung Die Presse, „es gibt nicht einmal ein elementares Verständnis ... .“

Olga Tokarczuk, vielleicht merkt man es ihren Büchern an, hat sich nicht immer ausschließlich dem Schreiben gewidmet. 1962 in Sulechow geboren, studierte sie in Warschau Psychologie und arbeitete zunächst als Therapeutin (und bezog sich ausdrücklich auf C. G. Jung). Mit einem Gedichtband stellte sie sich 1989 als Autorin vor.

Auf Deutsch kann man sich auch über eine Art Krimi, einen Tokarczuk-Krimi an sie heranpirschen. „Der Gesang der Fledermäuse“ dreht sich um einige seltsame Todesfälle und lässt dafür eine höchst unzuverlässige Erzählerin zu Wort kommen, die die Möglichkeit ins Spiel bringt, dass hier Tiere mit gutem Grund gemordet haben könnten. Ein interessanter Beitrag zum Thema Tierschutz und Achtsamkeit sowie Unachtsamkeit im Umgang mit der Natur, dargeboten mit weit mehr Ironie und Leichtigkeit, als es in anderen Büchern zu diesem so aufmerksam beäugten Bereich der Fall ist.

Den Nobelpreis erhält die 57-Jährige nun für ihre „erzählerische Vorstellungskraft“, die „mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform symbolisiert“.