Die Literaturnobelpreisträger Olga Tokarczuk und Peter Handke.
Foto: Jonas Ekstromer/afp

StockholmDie beiden Schriftsteller, die in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden - die Polin Olga Tokarczuk für 2018, der Österreicher Peter Handke für 2019 - hielten am Samstag ihre Vorlesungen in der Schwedischen Akademie in Stockholm. Es ist ein Glücksfall, gleich zwei Literaturnobelpreisreden hintereinander zu erleben. Man wird zum Vergleich gezwungen: Olga Tokarczuks Text umfasst in der gedruckten Fassung 25 Seiten, der von Peter Handke gerade mal zehn. Jeder der laut und deutlich artikulierten Sätze der polnischen Autorin wurde begleitet von den stumm mitlaufenden Aufforderungen: Hört mir zu, begreift, was ich sage. Es ist zu begreifen! Und die Welt ist es auch. Peter Handke dagegen stand manchmal wie verloren in seinen eigenen Sätzen. Einmal schien er vor Ergriffenheit gegen Tränen zu kämpfen. War mein Eindruck.

Ereignisse sind Tatsachen. Erfahrung aber ist etwas unaussprechlich anderes.

Olga Tokarczuk

Die 1962 in Sulechów bei Zielona Góra geborene polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, von der dieses Jahr auf Deutsch der mehr als 1000 Seiten umfassende Roman „Die Jakobsbücher“ (Kampa Verlag, Zürich) erschien, erhält den Literaturnobelpreis rückwirkend für 2018. Peter Handke, 1942 in Griffen in Kärnten geboren, ist der diesjährige Preisträger. Sein bisheriges Gesamtwerk erschien vergangenes Jahr   im Suhrkamp-Verlag. Die Preisverleihung ist am 10. Dezember, die Nobelpreisreden hielten die beiden am Sonnabend in Stockholm.

In der Literatur geht es wesentlich um Eindrücke. Was draußen passiert, wird   erst wichtig, wenn es in uns eindringt. Das sagte in ihrer Rede auch Olga Tokarczuk: „Ereignisse sind Tatsachen. Erfahrung aber ist etwas unaussprechlich anderes.“ An dieser Stelle kamen die beiden Nobelpreisträger sich ganz nahe. Aber eine Minute später hatten sie sich wieder   voneinander entfernt. „Literatur“, sagte Olga Tokarczuk, „beginnt mit der Frage nach dem Warum?“ Weiter kann man vor Handke nicht davonlaufen.

Dabei hatten sie ganz ähnlich begonnen. Beide erinnerten an ihre Mütter,   zitierten sie. Beide sprachen von der Zeit und ihrem Verschwinden. Aber wie unterschiedlich machten sie das. Olga Tokarczuk hielt einen Vortrag über Literatur und darüber, wie ein Autor arbeitet, wie er hinein holt in seinen Text, was ihn reizt. Peter Handke dagegen erzählte auch von Erlebnissen und wie sie Eingang finden in seine Texte, er erwähnte sogar Autoren, die ihm wichtig sind, aber er trat nie hinaus aus seiner Erzählung. Wo er das tat, bleibt das Teil der Erzählung. Vielleicht verhaspelte er sich darum. Er wusste, dass er sich in den Augen derer, die er nicht erreicht, blamiert. Der Künstler riskiert immer, sich lächerlich zu machen mit seiner Kunst.

Lange Passagen seiner Nobelpreisrede waren Zitate aus früheren Büchern. Zwei mehrminütige Abschnitte aus dem dramatischen Gedicht „Über die Dörfer“ aus dem Jahre 2002. Daneben Erzählungen seiner Mutter, die Lauretanische Litanei, wie sie in seiner Dorfkirche auf slowenisch zu hören war, und zum Schluss ein Gedicht von Thomas Tranströmer auf Schwedisch. Das Unverständliche, das zur Dichtung gehört, Handke hat es reichlich geliefert. Bei den zitierten Bitten an die Madonna durfte die nicht fehlen, in der sie als Elfenbeinturm angesprochen wird. Und an Tranströmers Gedicht „Romanische Bögen“ werden ihn besonders die Verse bewegt haben: „Schäm dich nicht, Mensch zu sein, sei stolz!/ In dir öffnet sich Gewölbe um Gewölbe, endlos.“ (Übersetzung: Hanns Grössel.)

Lange Passagen aus früheren Werken

Lange Passagen seiner Nobelpreisrede waren Zitate aus früheren Büchern. Zwei mehrminütige Abschnitte aus dem dramatischen Gedicht „Über die Dörfer“ aus dem Jahre 2002. Daneben Erzählungen seiner Mutter, die Lauretanische Litanei wie sie in seiner Dorfkirche zu hören war also - auf slowenisch – und zum Schluss ein Gedicht von Thomas Tranströmer auf Schwedisch. Das Unverständliche, das zur Dichtung gehört, Handke hatte es reichlich geliefert. Wir wissen nicht, worum er Maria in seiner slowenischen Litanei Gott zu bitten bat. Morgen werden wir Zeit gehabt haben, es herauszufinden. Eine trotzige Verbohrtheit glaubte man ihm anzumerken, als er  - gleichsam unter Heimat- und Religionsschutz - uns Ignoranten unverständliches Slawisch in seine Rede einschmuggelte. Morgen werden wir auch den deutschen Text des von ihm auf Schwedisch vorgetragenen Gedichtes von Tranströmer kennen.

Olga Tokarczuk sprach davon, dass Erzählung die Erzählung eines einzelnen Ichs sein muss. Handke führte das besessen vor. Olga Tokarczuk erinnerte daran, dass mit den Fernsehserien neue Erzählweisen aufgekommen sind, die leben von der Hoffnung auf eine zweite, dritte, vierte Staffel, sodass sich die Spannung nie auflösen darf. Sie glaubt auch, dass es noch nie in der Menschheitsgeschichte so viele Menschen gab, die ihre Geschichten erzählen. Ich glaube das nicht. Die Spinnstuben, die Lagerfeuer, die gemeinsame Jagd – wurde da nicht viel mehr miteinander gesprochen als heute jeder vor seinem Computer? Die Einführung der Meetings in den Büros, früher ein Privileg des oberen Managements, diente der Abschaffung jener Geschichten, die   kleine Angestellte sich auf den Gängen erzählten.

Peter Handke zitierte zu Beginn seines Vortrages seine Mutter, die ihm beibrachte: „Sei nicht die Hauptperson … Beobachte nicht, prüfe nicht, bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen … Bück dich nach Nebensachen … “ Olga Tokarczuk dagegen war schon in der ersten Minute beim Kosmos und in einer „süßen Nähe zur Ewigkeit“. Sie endete mit den Sätzen: „Darum glaube ich, dass ich Geschichten so erzählen muss, als wäre die Welt ein lebende, einzige Einheit, die sich vor unseren Augen immer wieder neu bildet, und als wären wir ein kleiner, aber doch mächtiger Teil von ihr.“ Das scheint mir nicht weit weg von Handkes Mutter, die ihm sagte: „Scheitere ruhig. Vor allem habe Zeit und nimm Umwege. Überhör keinen Baum und kein Wasser.“

Aber Handkes Grundton scheint zunächst völlig anders als der tröstende von Olga Tokarczuk. Er lautet: „Die Hoffnung ist der falsche Flügelschlag … Liebe Leute von hier: Die Schreie des Grauens werden sich ewig fortsetzen.“ Ein paar Zeilen später aber eine Utopie: „Der ewige Friede ist möglich. Hört die Karawanenmusik. Abmessend-wissend, seid himmelwärts. Haltet euch an dieses dramatische Gedicht. Geht ewig entgegen.“ Der Dichter als Moses. Das ist wirklich lächerlich. Es sei denn, man sieht es als Erzählung in einer Erzählung. Auch Moses, folgt man den Schriftgelehrten der Neuzeit, war ja kein Gottesgeschöpf, sondern eine Menschenerfindung.