Washington - Als Toni Morrison als erster farbigen Schriftstellerin 1993 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, löste die Entscheidung allgemein Überraschung aus. Die Schwedische Akademie ihrerseits sprach von „visionärer Kraft und poetischer Prägnanz“. Die damals 62-Jährige habe mit ihrem Werk eine „wesentliche Seite der amerikanischen Wirklichkeit verlebendigt“. In den folgenden Jahren wuchs ihr Werk auf elf Romane an, darunter „Menschenkind“, „Paradies“ – und zuletzt „Gott, hilf dem Kind“.

Eigentlich hatte sie spät mit dem Schreiben begonnen. Sie war 39, als sie „Sehr blaue Augen“, ihren ersten Roman, veröffentlichte. Es folgten „Jazz“, „Solomons Lied“, „Sula“ und „Teerbaby“, insgesamt eine Geschichte des schwarzen Amerikas aus der Sicht der Sklaven und ihrer Nachfahren, ihren Verletzungen und Demütigungen. Immer wieder tauchte sie dabei in die Vergangenheit ein, kehrte zurück in die Zeit, als junge Mädchen noch gehandelt wurden. So in dem Roman „Gnade“, der vom Schicksal einer jungen Sklavin erzählt, die im Haus eines portugiesischen „Senhor“ aufwächst, der ihr erlaubt, Lesen und Schreiben zu lernen, wegen seiner Schulden aber das Mädchen verkauft.

Im Zentrum all ihrer Büchern steht der Rassismus. Toni Morrison stammte selbst aus einer ärmlichen Familie in einem kleinen Ort in Ohio, der in den 1930er Jahren von der Stahlindustrie lebte. In ihrer Klasse war sie das einzige Kind, das bei der Einschulung schon lesen konnte. Damals hieß sie noch Cloe Wofford. Sie absolvierte die Highschool und arbeitete nach dem Studium als Lektorin in einem New Yorker Verlag. Als Schriftstellerin war ihr freilich klar, dass sie nicht einfach eine amerikanische Autorin werden konnte, sondern „a black woman writer“.

Stärken einer schwarzen Identität

Bei ihrem Schreiben ging es ihr auch darum, die Stärken einer schwarzen Identität zu entdecken. Ihre Romane konzentrierten sich folgerichtig auf Schicksale jenseits der offiziellen, der „weißen“ amerikanischen Geschichte. Amerika habe stets den Gedächtnisverlust vorgezogen, meinte sie. Kein Selbstmitleid, aber das Beharren auf einer eigenen Geschichte der Schwarzen – das trieb sie an, was auch dazu führte, dass Toni Morrison als die wichtigste Stimme des schwarzen Amerikas angesehen wurde. In ihren Romanen gelang es ihr immer wieder, über die historischen Distanzen hinweg das elementar Menschliche herauszuarbeiten, Verschollenes zurückzuholen. Sie selbst sah sich als Autorin, die sich früh dafür entschieden hatte, sich an niemanden zu richten. Ihr Standpunkt war: „Wenn ich nur für Schwarze geschrieben hätte, wäre das so gewesen, als wenn Tolstoi nur für russische Leser geschrieben hätte.“

Sätze der moralischen Empörung über die Auswirkungen der Sklaverei lassen sich in ihrem Werk nicht finden. Toni Morrison vertraute darauf, dass die einfache Darstellung genüge, um den weißen Amerikanern klar zu machen, woher der Reichtum einiger von ihnen stamme: aus religiösem Fanatismus und der Versklavung der schwarzen Bevölkerung. „Was Menschen außerhalb Amerikas an diesem Land mögen“, sagte sie stolz, „entstammt in der Regel der schwarzen Kultur.“ 

Jetzt ist Toni Morrison im Alter von 88 Jahren gestorben.