Der Erzähler Hans Joachim Schädlich sei ein Meister in der Kunst, etwas zu sagen, ohne es direkt zu sagen. So begründete die Jury ihre Entscheidung für die Vergabe des Berliner Literaturpreises 2014. Lakonie bestimme sein Schreiben seit „Versuchte Nähe“, ein sich kritisch dem DDR-System zuwendender Erzählband, der 1977 bei Rowohlt erschien. Schädlich lebte damals in Ost-Berlin. Nach dem Erscheinen des Buchs wurde dort der Druck auf ihn noch stärker. Bereits 1976 war er seines Postens bei der Ost-Berliner Akademie der Künste enthoben worden, nachdem er den Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet hatte. Beim Ministerium für Staatssicherheit gab es zudem einen „operativen Vorgang“ gegen ihn.

Ende 1977 wurde seinem Ausreiseantrag stattgegeben. Nach zwei Jahren in Hamburg zog Schädlich nach West-Berlin. Er brauchte lange, um sich in der neuen Stadt, dem neuen Staat zurechtzufinden und wieder zu veröffentlichen. 1986 erschien sein Roman „Tallhover“, den der Literaturkritiker Lothar Müller in seiner Laudatio am Mittwochabend im Festsaal des Roten Rathauses ein „Porträt des ewigen deutschen Spitzels“ nannte.

1992 entdeckte Schädlich Tallhover in der eigenen Familie. Beim Lesen seiner Stasi-Akte fand er heraus, dass sein älterer Bruder Karlheinz als IM über ihn berichtet hatte. Schädlich verarbeite dies in der Erzählung „Die Sache mit B.“. Sie endet mit den Sätzen: „Ich kann die Geschichte mit B. nur unvollständig erzählen. Ein Ende hat die Erzählung nicht.“ Es charakterisiere den Autor, dass er der Erzählung kein Ende angefügt habe, als sich der Bruder 2007 auf einer Parkbank erschoss, sagte Lothar Müller. „Hans Joachim Schädlichs Prosa verträgt keine Dramenschlüsse.“

Der Berliner Literaturpreis wird von der Stiftung Preußische Seehandlung verliehen. Er ist mit der Berufung der Freien Universität Berlin auf die „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ verbunden. Hans Joachim Schädlich, der begleitet von 18 Familienmitgliedern zur Verleihung gekommen war, machte auf die Ironie dieses Preises aufmerksam. Sie liege darin, dass die Preußische Seehandlung einst von Friedrich II. gegründet worden sei. Dieser habe bekanntermaßen von der deutschen Literatur rein gar nichts gehalten.

Schädlich bedankte sich mit einer Geschichte für die Auszeichnung. Er hat sie in den Schriften über die Historie der Preußischen Seehandlung recherchiert. Sie handelt von einem jungen Mann, der 1824 mit 16 Jahren auf einem Schiff der Seehandlung von den Sandwich-Inseln, dem heutigen Hawaii, nach Preußen gekommen war. Harry nannte er sich selbst, Maitey riefen ihn die anderen. Keiner wusste recht etwas mit ihm anzufangen. Da nahm ihn der Chef der Seegesellschaft, Christian Rother, bei sich auf. Er habe ihn zum Tischdiener ausgebildet, in der Hoffnung er werde eine Anstellung bei Hofe finden. Doch von dort kamen ausweichende Antworten. Maitey müsse erst getauft werden und ordentlich Deutsch lernen. Rother gewann Wilhelm von Humboldt als Lehrer. Getauft wurde er auch. Doch der König wollte ihn bei Hofe immer noch nicht haben. Jedoch bekam er eine Anstellung als Assistent des Maschinenmeisters auf der königlichen Pfaueninsel. Mit Hilfe Rothers erhielt er bald die Erlaubnis, Dorothea Becker zu heiraten, mit der er drei Kinder hatte. Er starb 64-jährig und liegt auf Nikolskoe begraben.

Hans Joachim Schädlich beschloss seinen Vortrag mit dem Satz: „Christian Rother, von 1820 bis 1848 Chef der Seehandlungsgesellschaft, genannt sei sein Name.“ Wieder hat er etwas gesagt, ohne es direkt zu sagen.