Die Schriftstellerin Christa Wolf (r) bei der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz. 
Foto:  dpa/ Günter Gueffroy

BerlinWas haben Elke Erb, Irina Liebmann und Helga Schubert gemeinsam? Sie erhielten in den vergangenen Wochen wichtige Literaturpreise und gelangten dadurch in die Öffentlichkeit. Und sie haben alle viele Jahre in der DDR gelebt. Das ist diesen Autorinnen auch gemein mit Sarah Kirsch, Helga Schütz, Christa Wolf und Anna Seghers. Ihre Namen tauchten ebenfalls in der Berichterstattung auf.

Bei Helga Schütz war es ein Versehen. Die Auszeichnungen mit dem Büchner-Preis (Erb), Uwe-Johnson-Preis (Liebmann) und Bachmannpreis (Schubert) nahm die Wochenzeitung Freitag zum Anlass für einen Artikel über die Wahrnehmung von Literatur aus dem Osten. In der gedruckten Ausgabe erschien der Text statt mit einem Foto von Helga Schubert mit einem Bild der Schriftstellerin Helga Schütz. Die kleine Verwechslung in der Redaktion, beide Autorinnen sind etwa gleich alt, zeigt, wie abseitig das Thema dreißig Jahre nach Ende der DDR nicht wenigen Leuten erscheinen dürfte.

Helga Schubert während ihrer Lesung für die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur. Mit dem vorgestellten Text, einhellig von der Jury gelobt, hat sie am 21. Juni den Bachmannpreis gewonnen.
Foto:  dpa

Anders als die Dichterin Elke Erb und die poetische Berlin-Erkunderin Irina Liebmann, die regelmäßig veröffentlichen, hat Helga Schubert schon lange kein neues Buch mehr in den Buchhandel gebracht. Das letzte erschien 2003. Ein neues könnte nun nach ihrer erfolgreichen Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb im Juni folgen. Da liegt es für Journalisten nahe, sie nicht nur nach ihrem Tun in der Zwischenzeit zu fragen, sondern sie auch in Verbindung zu bringen mit anderen. Zumal sie an einem interessanten Ort wohnt, Neu Meteln, bei dem man schon in der Google-Suche zur „Künstlerkolonie Drispeth“ geführt wird.

Helga Schubert und die berühmte Kollegin

Also wird Helga Schubert in jedem Interview auf die berühmte Kollegin Christa Wolf angesprochen, die sie an jenen Ort holte. Folgt man den Interviews in chronologischer Reihenfolge, wird da ihr Ton immer schärfer. Im jüngsten gedruckten Text, einer Reportage in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über einen Besuch bei ihr, qualifiziert sie die einstige Freundin als „SED-Schriftstellerin und -Funktionärin“ ab und erinnert an deren frühe Mitarbeit bei der Staatssicherheit.

Natürlich ist in einem solchem Porträt nicht der Platz, geradezurücken, wie zerrissen Christa Wolf in der DDR lebte und arbeitete, in dem Staat, an den sie glauben wollte. Sie war zwar von 1959 bis 1962 „Gesellschaftlicher Informant“ des Ministeriums für Staatssicherheit, wurde aber ab 1965 von der Stasi überwacht. Es passt auch nicht in den Text, dass Wolf 1977 eine strenge Rüge der Partei erhielt, weil sie zu den Initiatoren der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns gehörte, und aus dem Vorstand des DDR-Schriftstellerverbandes austrat.

Auch ihre Bücher gingen nicht problemlos in Druck. Wegen der Vorlesungen zu „Kassandra“ focht Christa Wolf erfolgreich einen Kampf mit der Zensur aus: Es war ein Novum in der DDR, als das Buch 1983 im Aufbau-Verlag mit Auslassungspunkten erschien für jene Stellen, die nicht gestattet wurden.  Aus der SED war sie im Juni 1989 ausgetreten. Das mag man spät nennen, aber das Ende der DDR war noch nicht abzusehen. Und danach? Helga Schubert erweckt in dem Gespräch den Eindruck, Christa Wolf und Egon Krenz hätten im Herbst 1989 gemeinsam den Aufruf „Für unser Land“ verantwortet. Da hätte man widersprechen können; Christa Wolf und Stefan Heym - zwei der 30 Erstunterzeichner -  haben mehrfach gesagt, dass Krenz‘ Unterschrift dem Projekt geschadet hatte.

Interessanterweise decken sich auch bei der FAZ nicht die gedruckte und die Online-Fassung des Artikels. In der Papierzeitung qualifiziert die besuchte Helga Schubert eine weitere frühere Vertraute, die Dichterin Sarah Kirsch, gleich mit ab als SED-Funktionärin. Ein redaktionelles Missverständnis sei das gewesen, klärte Schubert inzwischen in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur auf, sie habe Anna Seghers gemeint. Im Netz ist das Versehen korrigiert. In der Zeitung folgte auf den Artikel vom 1. August am 6. August eine Meldung mit der Richtigstellung.

Für die nachgeborenen Journalisten ist es heute nicht mehr selbstverständlich, Sarah Kirsch und Anna Seghers, Helga Schütz und Helga Schubert auseinanderzuhalten. Doch Streit über die Haltung zur DDR ist auch dreißig Jahre nach deren Ende immer noch eine Geschichte wert. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Schubert und Wolf zerbrach offenbar nach einem gemeinsamen Sommer, den Christa Wolf in ihrer Erzählung „Sommerstück“ behandelt. Spuren davon finden sich auch im Briefwechsel zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf, 2019 erschienen. Auch hier gibt es Auslassungszeichen, vermutlich, um ein belastetes Verhältnis nicht noch weiter zu beschweren. Am 15. Oktober 1982 schreibt Sarah Kirsch aus Bothel in Niedersachsen, wo sie nach ihrer Ausreise lebte und wohin Helga Schubert reisen durfte: „Liebe Christa, Helga Schubert war da […]. Pardon wird nicht gegeben, aber Du hoffentlich mir, nun ist das erledigt und ich kann wieder arbeiten.“

Nicht korrigiert oder kommentiert ist in der FAZ online die Bemerkung: „Helga Schubert meint, Gerhard Wolf habe zusammen mit dem Ofensetzer den Brand ,unserer beiden schönen alten strohgedeckten Lehmfachwerkhäuser‘ verschuldet.“ Wenn es einem unterläuft, mit Sarah Kirsch eine Autorin als SED-Funktionärin bezeichnet zu lassen, die nach der Biermann-Petition aus der SED und dem Vorstand des DDR-Schriftstellerverbandes ausgeschlossen wurde, dann lässt man auch einen lapidar formulierten Vorwurf der Schuld an einem Hausbrand stehen.

Vielleicht lässt sich das eine sogar mit dem anderen erklären. Der Text im Freitag trägt den provozierenden Titel „Der Westen als Norm“ und bezieht sich auf ein Zitat von Ingo Schulze, nach dem der Osten sich erst auf dem Weg befinde, das westliche Normativ zu erreichen „oder, das ist auch noch lobend gemeint, als ‚angekommen‘.“ Die Wahrnehmung der im Osten entstandenen und entstehenden Literatur ist westlich geprägt, in Rezensionen und auch in den Jurys für Literaturpreise – deshalb wirkt nun die Reihung Erb, Liebmann, Schubert so auffällig.

Nachtrag: In einer früheren Version des Artikels wurde Helga Schuberts Satz vom Verschulden des Hausbrands als eine Aussage über Brandstiftung interpretiert. Das war nicht korrekt. Ergänzt ist außerdem, dass die FAZ ihren Fehler bezüglich Sarah Kirsch nach einigen Tagen korrigierte.