Am liebsten beschäftigt sich der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering mit der Poesie des Nobelpreisträgers Bob Dylan. Darüber hat er mehrere Bücher geschrieben und zuletzt die Sammlung „Best of Lyrics“ herausgegeben. Wenn es sein muss, nimmt er sich aber auch die Rhetorik des Politischen vor. Wir sprachen mit Detering über einen Vortrag, den er kürzlich beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken gehalten hat.

Herr Detering, Sie haben sich in diesem Sommer als Stipendiat im Thomas-Mann-Haus in Los Angeles aufgehalten. Was ist Ihnen beim Außenblick auf die politische Debatte in Deutschland aufgefallen?

Unter anderem, dass man von Thomas Mann lernen kann, die öffentliche Auseinandersetzung mit der radikalen Rechten ernsthaft als Kritik ihrer Rhetorik zu führen. Die berechtigte Empörung beschränkt sich in Deutschland immer wieder auf isolierte sprachliche Entgleisungen. Sofern die bereits auf solche Wirkung kalkuliert waren, spielt die Reaktion ungewollt das Spiel mit. Dabei müsste es darum gehen, die ideologischen Denkmuster zu rekonstruieren, aus denen die vermeintlichen Entgleisungen folgerichtig und präzise hervorgehen.

Können Sie das mit einem Beispiel verdeutlichen?

Die Aufregung war groß, als Alexander Gauland im Bundestagswahlkampf 2017 davon sprach, die damalige Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz (SPD) in Anatolien zu „entsorgen“. Das ist ja auch abscheulich. Aber bei Gauland folgt es aus der Aufforderung an seine Zuhörer, Frau Özoguz die „spezifisch deutsche Kultur“ in solcher Weise zu vermitteln, dass sie „danach hier nie wieder herkommt“ – erst danach und daraufhin werden „wir sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können“.

Gauland lässt eine Vernichtungsfantasie in drei Schritten auf diesen Punkt zulaufen. Die Gewaltforderung stellt sich ein, ohne dass sie ausgesprochen werden müsste; dass Zuhörer bei AfD-Kundgebungen in Sprechchören die „Volksverräter“ erledigen wollen, zeigt, wie genau sie verstanden wird. Nicht die einzelne Vokabel, sondern das Narrativ folgt dem Jargon von Gangstern, die es ihrem Opfer erst richtig zeigen, es dann erledigen und schließlich „entsorgen“.

Aber Gauland distanziert sich doch ständig von Gewalt als politischem Mittel.
Gauland ist ein Virtuose der Zweideutigkeit. Er will nichts gesagt haben, aber die Rücknahme ist auf Durchschaubarkeit anlegt. Er spricht von „Revolution“ und „Systemwechsel“, beteuert dann eilig seine Treue zum demokratischen Rechtsstaat, um anschließend zu betonen, mit einem Regierungswechsel allein sei es keineswegs getan. Das ist wie mit Donald Trumps bewusst vieldeutiger Rede von der allgegenwärtigen und nie genau bestimmbaren Verschwörung eines „deep state“ und dem „Sumpf“, den er trockenlegen müsse. Das Ausmessen einer rhetorischen Ambivalenz-Zone gehört zum rhetorischen Kalkül. Das muss man ernst nehmen und sichtbar machen. Sonst gerät man in eine letztlich wirkungslose Empörungsschleife und verheddert sich im Gewirr einzelner Wörter und Begriffe.

Sind die AfD-Gegner in der Auseinandersetzung zu schnell mit der „Nazi-Keule“ bei der Hand?

Es ist richtig und wichtig, NS-Vokabeln und NS-Vorstellungen auch als solche zu bezeichnen. Man sollte nur nicht denken, damit sei der kritischen Pflicht schon Genüge getan. Weiter hilft es, geduldig zu zeigen, was die Reden etwa von Björn Höcke explizit und implizit besagen und wie sich das zu Programmatik und Rhetorik der NSDAP verhält.


Aber wirken die Kritiker mit dem dauernden Herumreiten auf NS-Bezügen nicht ähnlich obsessiv wie bei manchen AfD-Leuten selbst?

Die ständigen Rückgriffe von AfD-Vertretern auf den Nationalsozialismus sind keine Ausrutscher, sondern konstitutiv. Die AfD muss die NS-Zeit aufwerten, weil sie nur dann die Kontinuität einer deutschen Kulturgeschichte behaupten kann. Ein Bruch in dieser homogenen Kultur kann per Definition niemals von innen gekommen sein. Dem demokratischen Konsens, dass der Nationalsozialismus einen beispiellosen Zivilisationsbruch bedeutet, muss die AfD darum widersprechen. Die Ankündigung der Gaulands wie Höckes, man wolle sich „unser Land zurückholen“, bezieht sich auf ein Deutschland, das am 8.Mai 1945 verloren gegangen sei. Das Feindliche und Fremde, das mit diesem Datum vom Land Besitz ergriffen hat, ist der demokratische Rechtsstaat, die offene Gesellschaft.

Lassen sich solche Zusammenhänge offenlegen, ohne eine Vorlesung oder ein literaturwissenschaftliches Seminar besucht zu haben?

Natürlich. Man muss nur wegkommen von der Fixierung auf ein Wort oder einen Satz und stattdessen fragen, wie und von wo aus sich der Redner oder die Rednerin auf diesen Satz zubewegt hat.

Sie meinen, es träten dann erkennbare ideologische Muster zutage?

Ein auffallender Grundzug in der Rhetorik der Rechten ist die im Wortsinn völkische Suggestion, es gebe eine verbindende „Wesensart“, an der alle Deutschen teilhätten und die sich auswirkte auf Lebensführung, Weltanschauung, Umgangsformen. Das aber ist nicht nur eine reine Fiktion, sondern gemeingefährlicher Unsinn.

Warum? Und was setzen Sie dagegen?

Gemeingefährlich ist es, weil es am Ende immer auf ein biologisches Substrat hinausläuft. Also auf rassistische Annahmen. Was heute als verbindende Kultur „der Deutschen“ behauptet werden kann, das reduziert sich bei genauerer Betrachtung auf die gemeinsame Sprache – im Grunde auf das, was Frau Özoguz 2017 gesagt und was Gaulands Hassausbruch veranlasst hat.

Ist das aber nicht eine viel zu formale Bestimmung des Gemeinsamen? Mithilfe der Sprache lassen sich schließlich komplett gegensätzliche Auffassungen artikulieren.

Aber wer hat denn gesagt, dass das Wort Kultur etwas Homogenes bezeichnen soll? Es geht hier ja nicht um die Werte und Normen, die alle demokratischen Länder teilen. Die Bringschuld läge bei denen, die behaupten, es existiere im Jahr 2018 im deutschen Sprachraum von Flensburg bis Südtirol jenseits der Sprache eine verbindende Gemeinsamkeit von Lebensformen, Anschauungen, Gewohnheiten, die mehr oder weniger alle teilen und die sich von derjenigen unterscheiden soll, die in Italien, Dänemark oder Polen bestehen. Eine „deutsche Kultur“ zu behaupten, klingt auf Anhieb so plausibel, weil alle Hörer an das denken, was ihnen lebensweltlich vertraut und nahe ist.

Aber die Behauptung einer deutschen Wesensart, die über Regionen und Zeiten hinweg homogen sei, erweist sich schnell als leer. Deutschland ist so heidnisch wie die Merseburger Zaubersprüche, so evangelisch wie Luther, so katholisch wie Papst Ratzinger, so antichristlich wie Nietzsche; Deutschland ist so mystisch wie Meister Eckhard und so aufklärerisch wie Kant; so romantisch wie Eichendorff und so antiromantisch wie Marx und Engels. Und das sind nur ein paar Beispiele aus der Bildungskultur; die Popularkultur, die Praktiken der Lebenswelt sind noch viel reicher variiert, uneinheitlich und eben deshalb lebendig.