Die einen haben Sprache und kulturelles Kapital, die anderen Droge und Hartz IV. Wenn die einen etwas von den anderen erzählen wollen, kann das sehr bewegend sein. „Madonnen“ von Maria Speth war ein großer Film über die chronische Weitergabe von Lieblosigkeit und emotionaler Verwahrlosung. „Drifter“, ein Dokumentarfilm von Sebastian Heidinger über Jugendliche im Kreislauf der Beschaffungsprostitution, zeugte ebenfalls von einem Blick ohne Arroganz und falsche Sentimentalität.

Gelingen kann so etwas nur, wenn die einen sich nicht über die anderen erheben oder – die andere Variante der Arroganz – sich opportunistisch gemein machen, mit einer Welt, in der sie nie freiwillig leben würden. „Little Thirteen“ aber tut genau das.

Dieser Regisseur wanzt sich an seine Figuren heran wie ein lüsterner Sozialarbeiter. Abgestoßen und fasziniert zugleich, sieht er vor allem das „Spektakuläre“ in diesem „Stoff“ und wundert sich nach seinen ethnologischen Recherche-Ausflügen in die Lebenswelt seiner Figuren, dass Menschen, die – angeblich – in der Realität so leben, das alles ganz normal finden. Sex ohne Gefühl und Verstand, mit sechzehn schwanger werden und nicht wissen, von wem.

Als Lebensziel „Hartz und chillen“ angeben, Partnertausch mit Mama, sich beim Sex filmen lassen und das ganze an einen Porno-Ring verkaufen. Eklig das alles, aber irgendwie auch verführerisch, wie hier ganze Wohnblocks jeder Anforderung an das Hirn ein „Leck mich“ entgegenschlunzen, womit sich die Rest-Mittelschicht tagtäglich abmüht: Bildung, Eloquenz Kunstwille, und immer schön das Geld zusammenhalten.

Ohne Zweifel gehört der Filmemacher (Jahrgang 1978) zu Letzteren, denn Klandt redet „elaborierten Code“ wie aus dem Lehrbuch, jedenfalls im Presseheft: „Eine Affinität der Darsteller zur Lebenswelt, die wir erzählen war zwar notwendig, aber gleichzeitig wollte ich den Spielraum künstlerischer Professionalität ausschöpfen.“ Kunst? Der Film nimmt immer wieder Zuflucht in Schablonen-Bilder, wie man sie hinlänglich aus dem deutschen Sozialdrama kennt. Schreiende Kleinkinder im Gitterbett, übergewichtige Mutter schlafend auf dem Sofa. Der Vater ausgesperrt. „Fotze“ schreit er schließlich draußen vor der Tür.

Doreen, die dreißigjährige Mutter von Sarah, Figur in Klandts Film: „Little Thirteen“ redet so : „Nimm deine Wichsgriffel weg“, sagt sie, wenn sie mit ihrem sprachlosen Lover im Bett liegt und mal wieder nur das Übliche über sich ergehen ließ. „Doggy Style. Das ist langweilig.“ Mit ihrer dreizehnjährigen Tochter Sarah hängt sie, aufgerüstet in billigen Porn-Chic-Klamotten, auf dem Sofa herum und schlägt ihr einen Tausch vor: Du kriegst meinen Dildo, ich deinen neuen Typen. Der heißt Lukas und geht aufs Gymnasium. Dass er sich und Sarah, die immer Angst hat, er könne sie nicht sexy finden, heimlich beim Sex mit ihr filmt – das wissen außer ihm und seinem abgebrühten Kumpel nur die Zuschauer.

Die kleinen Sex-Filmfragmente im Film sind ganz im Dogma-Stil mit wackeliger Handkamera gedreht und immer wieder ins Cinemascope- Format der Haupthandlung hineinmontiert. Und dabei passiert etwas, das den Blick dieses Regisseurs vor allem auf seine weiblichen Figuren unbeabsichtigt und um so gnadenloser kommentiert: Nicht die gestohlenen Sexszenen auf der Handykamera sind widerlich, dafür sind sie viel zu unbeholfen:

Der Pornodealer beklagt sich zu Recht, da täte sich nichts in seiner Hose. Die anderen Bilder aber genügen solchen Ansprüchen durchaus: Immer nah auf die Brüste, immer ran an die rasierte Scham. Aufdringlich klebt die Kamera an allem, was sie sich einverleibt: an Sarahs kindlichem Körper, an ihren aufgeworfenen Lippen, leeren Kulleraugen, ohne der Figur wenigstens einen undurchdringlichen Rest von Unnahbarkeit und Autonomie zu lassen. Und das wäre übrigens nicht der aus der Mode gekommenen „Würde“ geschuldet, sondern vor allem der Kunst.

„Little Thirteen“ ist vor allem ein öder, spannungsloser Film. Wie Intimität im Kino aussehen kann, zeigt derzeit der hervorragende, kluge Film „17 Mädchen“, der von sehr jungen, ebenfalls an den Rand gedrängten Frauen ganz anders erzählt als „Litte Thirteen“. Das angebliche Interesse an den Sarahs, Doreens und Charlys ist verlogen, dieser Film nimmt seine Figuren aus, wie es Ende der 1970-Jahre die Macher von „Christiane F.“ mit den Kindern vom Bahnhof Zoo taten. Mit verlogener Patronage und der selbstgefälligen Attitüde dessen, der nicht dazu gehört, aber kurz mal dabei ist und sich dabei ungeheuer wichtig nimmt.

Fotos: X Verleih