Liturgie in Wilmersdorf: Nach dem Fragen kommt das Jubeln

Das Konzert mit den Hörern hier und den Musikern dort verliert seinen Sinn. Im Prinzip ist alles bekannt und empfängt auch von der Neuen Musik, seit sie aus der Öffentlichkeit der Abonnementskonzerte herausgefallen ist, kein neues Licht mehr. Sicher hat jeder noch die eine oder andere persönliche Wissenslücke zu stopfen, und aus der Vergessenheit kann man noch so manche Funzel zerren.

Aber etwas Neues zu erleben gibt es in der Musik, die wir die klassische nennen, nicht mehr; auch wenn noch lange manches ausgerissene Dramaturgenbein von der Anstrengung zeugen wird, aus Kombinationen des Bekannten einen neuen Sinn zu pressen: Wir haben keine Fragen mehr an Mahler, Wagner oder Beethoven.

Wo jedoch das Fragen aufhört, könnte das Jubeln beginnen. Das klingt zwar leicht schwachsinnig – warum sollte man jubeln? –, aber es gibt tatsächlich noch andere Wege als Education-Projekte und Mitsing-Chöre, um Musik und Hörer näher zusammenzubringen.

Der NoonSong, der jeden Samstag um 12 Uhr mittags in der Kirche am Hohenzollernplatz in Wilmersdorf stattfindet, ist eine dieser Formen. Für den Musikliebhaber ist es eine der seltenen Gelegenheiten, Vokalmusik zumeist der Renaissance auf professionellem Niveau live zu hören, gesungen vom Ensemble sirventes berlin unter Leitung seines Gründers, des NoonSong-Initiators Stefan Schuck.

Aber der NoonSong ist kein Konzert, sondern ein halbstündiger Gottesdienst, ohne Predigt, aber mit einer Liturgie, die den Hörer einbezieht: Das Vaterunser und das Wochenlied singt er im Wechsel mit dem Ensemble.

„Liturgie“ – bei dem Wort kriegen die einen Ausschlag vor Schwellenangst, den anderen steigt die antireligiöse Galle. Dabei hat Liturgie, die Ordnung aus Lesungen, Musik, Liedern, vor allem die Funktion, aus dem Hörer einen Teilnehmer zu machen, der sich in den Verlauf einschwingen und einstimmen kann, der sich auch dann noch als Mitwirkender fühlt, wenn er nur hört. Verglichen mit den einschläfernden Ritualen des klassischen Konzerts ist Liturgie ein avantgardistisches Konzept.

Auf dass die Liturgie nicht gar zu sehr in christliche Beengung führt, betont das kulinarische Angebot im Anschluss den sinnlichen Charakter des NoonSongs. Entwickelt hat ihn Stefan Schuck aus dem Erlebnis des Evensongs, der in der anglikanischen Kirche seit knapp 500 Jahren gefeiert wird.

Den Berliner NoonSong gibt es an diesem Wochenende genau fünf Jahre – sein Besuch sei jedem Musikfreund und nicht zuletzt den konzertmüden unter ihnen empfohlen.