Die Schauspielerin Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter in der Serie „Babylon Berlin“. 
Foto: Frédéric Batier / X Filme 2017

BerlinWenn sie spricht, bewegen sich unentwegt ihre Hände. Suchend, Antworten findend. Liv Lisa Fries ist einer jener Menschen, die alles aufsaugen und alles schnell und mit wachem Blick reflektieren. Einfache Antworten gibt es bei der 29-Jährigen, die eine Zeit lang Philosophie studiert hat, nicht. Alles hat ein Für und Wider. Das mussten auch schon große amerikanische Agenturen lernen, die die Schauspielerin gern unter Vertrag nehmen würden. Wir treffen sie im Café Eden in Pankow. Sie ist in dem Stadtteil aufgewachsen, geboren wurde sie in der Charité. Heute ist sie berühmt – vor allem durch ihre Rolle als Charlotte Ritter in „Babylon Berlin“. Die dritte Staffel läuft am 24. Januar bei Sky an und im Herbst dann auch im Ersten. In den vergangenen Jahren hat Liv Lisa Fries viele komplexe Frauenfiguren gespielt. Charlotte Ritter, die im Setting der 20er-Jahre gemeinsam mit Kommissar Gereon Rath Kriminalfälle grob nach den Romanen von Volker Kutscher löst, gehört dazu. An den 20er-Jahren fasziniert sie vor allem die Technik.

Liv, Sie wirken so entspannt. Konnten Sie Ihren vielen Fans heute mal aus dem Weg gehen?  

Auf dem Weg hierhin hat mich niemand erkannt, nur der Cafébesitzer. Er hat mich etwas überrascht angegrinst, als ich bei ihm einen Chai-Tee bestellte. Es hat nach der zweiten Staffel zugenommen. Mich haben Menschen danach sogar erkannt, wenn ich mit Mütze und Schal auf die Straße gegangen bin. Das Schönste ist, wenn Menschen einen sehen und glauben, dass sie mich aus einem anderen Kontext heraus kennen. Eine Frau sprach mich mal an, weil sie fest davon überzeugt war, ich sei ihre Hebamme gewesen.  

Stört Sie das?  

Es kommt auf die Begegnung an. Als ich vor Kurzem bei einer Demonstration von Fridays for Future war, hat mich ein Mann erkannt. Er konnte es scheinbar kaum fassen, mich dort zu sehen. Er hat sich vorgestellt und mich höflich um ein Foto gebeten. Das fand ich okay. Er hat mir Raum gelassen und vor allem meinen Raum akzeptiert. Einmal saß ich nachts in der S-Bahn, und ein Italiener erkannte mich. Er flippte vollkommen aus, weil er sich so freute. Er hatte mithilfe der Serie „Babylon Berlin“ Deutsch gelernt. Ich war heilfroh, dass keine weiteren Fahrgäste dabei waren. Ansonsten war es eine witzige Situation. Ich mag es manchmal nicht, wenn Menschen meinen, einfach mal eben ein Selfie mit mir machen zu können. Auch wenn ich weiß, dass Selfies heute zum Großteil Autogramme ersetzen. Dann sage ich schon mal, dass es leider gerade nicht geht. Und zwar ohne jemanden zu verletzen.

Sie nehmen immer wieder an Klimaprotesten teil. Wie politisch sind Sie?

Eigentlich gar nicht, ich sehe mich nur dazu gezwungen. Ich bin keine Politikerin oder Öko-Aktivistin. Der eigentliche Skandal ist doch, dass von politischer Seite nichts passiert. Dafür wird es vielen Menschen immer wichtiger. Neulich sagte jemand, ihm sei erst jetzt bewusst geworden, dass man etwas fürs Klima tun muss. Vielleicht müssen wir klein anfangen.

Sie sind gerade in ein Dorf nach Brandenburg gezogen. Eine Flucht?

Nein, ich spreche seit Jahren darüber, dass ich Ruhe und Entspannung brauche. Ähnlich lange trage ich es mit mir rum, ins Umland zu ziehen. Ich denke jetzt nicht daran, Eremit zu werden, auch wenn es eine gewisse Stadtflucht ist. Ich habe in meinem Beruf sehr viel mit Menschen zu tun, und ich möchte Berlin auch nicht missen. Die Kinos, Theater und Bars, das Leben hier. Die Stadt ist der Ausgangspunkt meines Seins. Ich werde mal in der Stadt und mal auf dem Land sein.

Wie definieren Sie Ruhe und Entspannung?

Es hat schon etwas Spirituelles. Dieses Bei- sich-Sein. Uns fehlt immer mehr der Duft der Zeit, wie es auch Byung-Chul Han beschrieben hat („Duft der Zeit: Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens“, Anm. d. Red.).

Ist es denn einfach, sich in sich zurückzuziehen?

Es ist ein unglaubliches Gefühl, aber es ist nicht einfach. Natürlich kommen in solchen Momenten viele Gedanken und Ängste hoch, die ja jeder hat. Für mich ist das sehr hilfreich. Der Beruf zwingt mich noch einmal mehr, in Kontakt mit mir zu sein. Je mehr ich über mich weiß, desto besser kann ich mich in eine Figur hineindenken. Früher dachte ich immer, man müsse so ein kaputter Mensch sein, um kreativ zu sein. Je schlimmer es einem gehe, desto besser könne man aus der Erfahrung von Schmerzhaftem heraus kreieren. Ich habe nicht daran gedacht, dass es auch andersrum sein kann.

Wie sieht Ihr Alltag auf dem Land aus?

Ich gehe spazieren, lieber auf dem Feld als im Wald. Ich mag diese Weite. Ich war im vergangenen Jahr in Portugal. Dort haben mich die Hügel fasziniert, wo man alles überblicken konnte. Mir fehlt die Weitsicht in Berlin. Und ich kümmere mich um E-Mails, die nehmen viel Zeit ein. Wenn ich Zeit habe, lese ich auch gern. Ich lese allerdings weniger Belletristik – und wenn, Bücher wie die von Karl Ove Knausgård – sondern eher philosophische oder soziologische Essays. Das liegt vielleicht daran, dass ich bereits viele Drehbücher lesen muss und mich dann nicht noch mehr das Narrative interessiert. Außerdem schlafe ich aus. Ich schlafe momentan gut. Jetzt wieder. Während der ersten zwei Staffeln von „Babylon Berlin“ konnte ich kaum schlafen, so euphorisiert war ich.

„Babylon Berlin“ geht in die nächste Runde. Was war anders beim Dreh der dritten Staffel?

Es war von einem unglaublichen Glücksgefühl getragen. Wir kannten uns alle schon, kannten unsere Rollen und waren jetzt viel freier und konnten sagen, was gut und was weniger interessant ist. Ich habe in meinen 70 Drehtagen wahnsinnig viel gelernt und war von tollen, professionellen Menschen umgeben. Ich habe mit Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries gearbeitet, sie haben mir zugehört und mich ernst genommen. Das hat mich selbst gestärkt.

„Babylon Berlin“, der Trailer zur dritten Staffel.

Video: YouTube

Können Sie zwischenmenschliche Spannungen aushalten?

Ich freue mich, wenn es harmonisch ist. Trotzdem bin ich eher problem- und nicht lösungsorientiert. Ich gehe gerne in den Dialog. Mit den Regisseuren bei „Babylon Berlin“ habe ich ständig gesprochen.
„Babylon Berlin“ spielt in den 20er- und 30er-Jahren. Was nehmen Sie aus der Zeit mit? Damals gab es noch keine Wegwerfgesellschaft. Wenn man eine Teekanne besaß, besaß man die ein Leben lang. Ich habe mich gefragt, wie ich diese Kanne gehegt und gepflegt hätte. Heute ist ja alles ersetzbar.

Gibt es etwas, das Sie beim Drehen  fasziniert hat?  

Der Umbau des Alexanderplatzes, das war eines meiner unglaublichsten Berlin-Erlebnisse, weil Vergangenheit und Gegenwart so parallel existierten. Der rechte Teil des Platzes war unser Nachgebauter, links der von 2016. Das war aufregend. Und die alte Straßenbahn hatte zufällig mein Geburtsdatum (31.10., Anm. d. Red.) als Wagennummer und auch noch Pankow als Endstation draufstehen.

Charlotte Ritter wird immer ehrgeiziger ...

Das war sie auch schon in den ersten zwei Staffeln. Ich glaube, bei ihr ist wie bei mir nicht interessant, dass sie ehrgeizig ist, sondern warum ist das so? Das guck ich mir an. Charlotte will ganz klar irgendwo hin, sie will dazugehören und das findet sie in ihrer Familie nicht, sie hat da kein Zugehörigkeitsgefühl, und sie sucht nach einer Wahrheit, was witzigerweise ihrem Beruf zugutekommt. Womit ich mich identifizieren kann, ist, wie die Regisseure diese Figur gestalten. Dadurch, dass sie jetzt Kriminalassistentin ist, also Funktionsträgerin, bewegt sie sich in einem System.

Sie könnte aber auch mehr sein …

Genau, sie rasselt durch die Kommissar-Prüfung, weil die Fragen so schwer waren. Und … was wollte ich gleich noch sagen?

Sie ist jetzt Kriminalassistentin …

Danke, Sie bringen mich immer wieder super auf die Bahn.

So war es gedacht.

Es hilft sehr, und so sehen ganz viele meiner Gespräche mit Freunden aus, die mich immer wieder dahin zurückschicken, wo ich angefangen habe. Mein Lieblingssatz in solchen Gesprächen ist: Worüber reden wir?! Weil ich das wirklich immer wieder vergesse. Ich kann mich vollkommen in Nebenstraßen verlieren. Also: Lotte ist jetzt Funktionsträgerin. Sie kann nicht wie in den ersten beiden Staffeln einfach die Klappe aufreißen. Und das ist schon ein großer Punkt, weil Frechsein ja auch das ist, was die Figur unter anderem ausmacht. Sagen, was sie denkt und sich gegen was auflehnen. Wie sich das für sie fügt, wird sich in den kommenden Staffeln zeigen. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber es ist nichts, was sie umfassend glücklich macht.

Sie selbst werden auch einen gewissen Ehrgeiz haben.

Wahrscheinlich, ja. Ich habe das Gefühl, man braucht eine gewisse Disziplin, um etwas zu machen. Wenn man etwas will und einer Sache wirklich auf den Grund gehen möchte, ist das wichtig.

"Wäre jetzt cool, mal wieder in einen Club zu gehen": Liv Lisa Fries. 
Foto: imago/Horst Galuschka

Sie feiern im Oktober 30. Geburtstag, sehen Sie das als eine Art Schallmauer?

Das fragen Sie jetzt einfach so?!

Wir waren selbst überrascht ...

Das finde ich schön, dass auch Sie überrascht sind. Wissen Sie, jahrelang habe ich immer gehört: Gott bist du jung! … Ja, irgendwie ist das schon so. Aber genaugenommen fängt das bereits mit 26 Jahren an. Mit 26 kippt für mich die Jugend, und ich glaube schon, dass das eine Rolle spielt. Mal gucken – was denken Sie: Wird man ernster genommen mit 30?

Das hängt von Ihnen ab.

Ich werde schon viel ernster genommen, dadurch, dass ich die Serie gemacht habe. Ich finde das aber gleichzeitig auch schade, weil ich so denke: Wieso kann man denn nicht gleich ernst genommen werden? Ich merke das einfach, dass mir jetzt anders zugehört wird. Und, klar, man entwickelt sich natürlich, man verändert sich, ich habe sicherlich auch was dazugelernt, und habe heute sicherlich was zu sagen, was ich vor drei Jahren nicht zu sagen gehabt hätte, aber es wäre doch schön, wenn man jeden ernst nehmen würde, ohne dass man sich immer so behaupten muss.  

Gibt es eine große Party zum 30.?

Mal gucken, ich habe Freundinnen, die werden auch 30, und wir haben überlegt, ob wir nicht zusammen feiern. Aber es ist ja noch ein bisschen hin.

Wird es denn vorher eine weitere „Babylon“-Staffel geben?

Ich glaube, es ist offiziell, dass die Intention da ist. Gedreht wird Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres. Aber das weiß ich selbst noch nicht. Jedenfalls finde ich bemerkenswert, dass bei diesen tollen Kollegen wie Lars Eidinger, Hannah Herzsprung, Benno Fürmann und anderen trotzdem alles so frisch und neu wirkt. Man kann sich ja auch an jemandem sattsehen. Das kann auch einem Robert De Niro passieren, wenn er übermäßig präsent ist. Das wirkt dann einfach nicht mehr so neu. Und das finde ich an „Babylon Berlin“ richtig toll und hat mich auch richtig gefreut, dass ich selbst als Schauspieler beim Zuschauen denke: cool! Wenn man intensiv arbeitet, kann man immer inspirieren. Ich finde, man sollte immer wachsam bleiben, was natürlich anstrengend ist – bei jeder Figur immer wieder von neuem zu gucken, das muss jetzt wahr sein, du kannst da nicht irgendeinen Bullshit abliefern. Wenn sich das nicht echt anfühlt, will ich’s lieber lassen.

Was kommt noch? Sicher viele tolle Filme. Aber haben Sie weitere Ambitionen? Schreiben?

Mich interessiert alles, das ganze Leben. Allerdings könnte ich jetzt auch nichts benennen, von dem ich sage: Das will ich unbedingt noch machen. Die Schauspielerei hat den Vorteil, dass man da etwas sein kann, Dinge tun kann, ohne dass man sie wirklich für immer tut. Darin liegt einerseits etwas total Schönes und eine unendliche Weite, gleichzeitig fehlt darin die Realität. Ich kann dieses Daniel-Day-Lewis-Ding – eine Zeitlang einfach nur Schuster sein – sehr gut verstehen, was nicht heißt, dass ich mal Schuster werden will, aber ich kann das gut nachvollziehen. Ich habe den Anspruch, in meinen Rollen so authentisch wie möglich zu sein. Gerade habe ich eine Gerichtsmedizinerin gespielt und war dafür an der Charité bei Michael Tsokos (prominenter deutscher Rechtsmediziner, d. Red.). Ich war dankbar, dass er seine Pforten für mich öffnete, sehr öffnete, denn man kann ja bis tief in den Menschen reinschauen. Das war ein heftiges Erlebnis. Mir war das gar nicht klar, dass um 7.30 Uhr in dieser Stadt parallel fünf Leichen aufgeschnitten werden.

Der Geruch ist sicher gewöhnungsbedürftig?

Ja der ist heftig, sehr intensiv und unangenehm.

Das alles hört sich auf jeden Fall nicht so an, als hätten Sie Angst vor der Zukunft ...

Ich kann nicht sagen, dass ich überhaupt keine Angst vor der Zukunft hätte, ich habe aber auch keine Angst vor der Ruhe, und ich würde sogar behaupten, ich habe auch keine Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ich würde das nicht beschwören wollen, aber wenn mich eine Rolle gar nicht berührt und nicht inspiriert, würde ich auch etwas anderes machen. Ich meine das ernst. Es kam jetzt noch nie drauf an, aber es könnte passieren und es könnte sogar so weit kommen, dass ich das eines Tages selbst herbeiführe. Ich habe nach „Staudamm“ und „Und morgen Mittag bin ich tot“ mein Dreh-Pensum drastisch reduziert. Das sieht von außen vielleicht nicht so aus, aber ich mache nicht ein Projekt nach dem nächsten. Ich habe keine Lust, mit 60 Jahren meinen ganzen Ängsten gegenüberzustehen oder Panikattacken zu kriegen, nur weil ich mich nie mit mir auseinandergesetzt habe.

Viele Stars flüchten sich in Alkohol und Tabletten.

Sie meinen, das wäre auch eine Option? Ich habe mir gestern diesen neuen Judy-Garland-Film mit Renée Zellweger angeguckt. Garland stand ja schon als Kind vor der Kamera. Meine Eltern haben mich überhaupt nicht in irgendeiner Form da hingebracht oder da reingedrängt. Ich war in einer Kinder- und Jugendagentur und auch an einer privaten Schauspielschule, und da hat man schon hier und da Eltern, wo man merkt: Deren Kinder wollen das gar nicht. Auf jeden Fall gab es in dem Film einen Satz von Judy, der mich tief berührt hat: „The way has to be enough“, im Sinne von: Der Weg des Lebens muss genug sein. Das war so, als hätte man mir direkt ans Herz gegriffen und einmal umgedreht. Es hatte für mich eine unglaubliche Relevanz. Wenn der Weg genug sein muss, dann will ich aber, wie heißt es bei Gundermann? Ich will von jedem Tag, dass er wie ein Schlag in die Fresse ist (Im Original: „Von jedem Tag will ich was haben. Was ich nicht vergesse. Ein Lachen, ein Sieg, eine Träne. Ein Schlag in die Fresse“, d. Red.). Zumindest will ich mich bei jedem Tag an etwas erinnern. Wenn es einfach nur der Weg ist und wir danach tot sind, selbst wenn man an ein Leben danach glaubt, dann muss man sich’s auch schön machen. Und ein Teil davon ist, dass man sich ein bisschen um die Welt sorgt.

Was genau wünschen Sie sich?

Schöner wäre es, wenn wir uns nicht im Materialismus verlieren würden, sondern mehr miteinander sein können und dass es den Menschen gut geht. Das ist ein Wunsch von mir. Dass es mir gut geht. Man ist in meiner Branche und auch sicherlich in anderen Bereichen immer so nach vorne: Wird der Film gut? Kommt das gut an? Ich muss daran denken, dieses und jenes zu erledigen. Ich bin sicher auch da, wo ich jetzt bin, weil ich nicht immer nur für den Moment gelebt habe. Klar bin ich sehr strukturiert und mache mir auch Gedanken darüber, was ich mache ... aber mich im gegenwärtigen Moment zu fragen, wie es mir geht, ist vielleicht das Wichtigste.

In Ihrer Branche gibt es die Gemeinheit, dass Schauspieler anders wahrgenommen werden, wenn sie keinen Erfolg haben.

So etwas ist supergemein. Das kann mir ja auch passieren. Deswegen noch einmal zum Thema „Angst vor der Zukunft“: Wovor ich keine Angst habe, ist, falls ich irgendwann nicht mehr Schauspielerin sein sollte; davor habe ich keine Angst. Das wäre auch okay, dann finde ich was anderes.

Legen Sie beim Drehen alles Private auf Eis?

Bei „Babylon“ ist es speziell, weil wir so lange arbeiten. Auch dadurch, dass wir in Berlin drehen. Dann muss ich schon hin und wieder mal meine Wäsche waschen, das geht nicht ein halbes Jahr ohne. Ich find’s aber toll, wenn man woanders dreht und sich komplett darauf konzentrieren kann. Da ist bei mir gleichzeitig aber auch wieder die Gefahr groß, dass ich mich zu sehr reinbegebe. Ich habe mal in München und der Schweiz gedreht, und da habe ich mich total abgekapselt. Damals telefonierte ich nicht mal mehr mit meiner Agentin. Grundsätzlich ist meine Arbeit immer mit Schwierigkeiten fürs Privatleben verbunden. Du kannst dir sicher sein, wenn du dich für 20 Uhr verabredest, dass du bis 22 Uhr drehst. Oder wenn du sagst: Bitte, an dem Tag feiert meine Oma 80. Geburtstag, das ist der einzige Tag in fünf Monaten, an dem ich frei haben möchte – dann kannst du davon ausgehen, dass das auf gar keinen Fall an diesem einen Tag geht.

Das kennen viele.

Ich habe in meinem letzten Interview über einen Traum geredet: Ich fände es toll, wenn man mal nicht über Sprache kommuniziert. Ein Beispiel: Ich bin ein großer Tanz-Fan – Ausdruckstanz und Contemporary. Ich habe folglich einen Tanzworkshop gemacht, und nachdem wir alle getanzt hatten, fragte uns die Leiterin, ob sie uns das vortanzen dürfe, was sie beim Zusehen empfunden hatte. Das muss man natürlich auch können. Keine Ahnung, ob ich meine Gefühle so ausdrücken könnte.

Sie können uns das Interview ja noch mal getanzt geben.  

(Lacht.) Wahrscheinlich würde das sogar gehen.

Gehen Sie denn abends feiern?

Nee! Ich war gestern mal im Café Cinema neben den Hackeschen Höfen, da war ich lange nicht mehr, war eigentlich ganz schön. Aber irgendwann wurde es mir dann viel zu laut und anstrengend. Irgendwann dachte ich, warum muss ich mich jetzt mit der Freundin anschreien, wenn man sich auch unterhalten könnte? Über Dinge, die uns was bedeuten. Ich habe dann Bauchschmerzen bekommen. Das kriege ich immer, wenn mir etwas zu viel wird, dann reagiert mein Körper darauf. Ich muss so eine Situation dann am besten baldigst ändern. Ich suche immer mehr bei mir selbst, und tanzen kann ich auch bei mir zu Hause, dafür muss ich nicht ausgehen. Andererseits, wenn ich lange in der Ruhe bin, kommt es auch vor, dass ich wieder in der Stadt bin und denke: Och, wäre jetzt cool, mal wieder in einen Club zu gehen. Ich frage mich dann oft: Liegt das vielleicht daran, dass man es gar nicht aushält auf der Welt und nur mit sich zu sein? Ist es vielleicht notwendig, dass man sich ablenkt, zum Beispiel mit Alkohol? Aber es müssen ja auch noch nicht mal Rauschgifte sein, es kann ja auch der Rausch der ständigen Beschäftigung sein. Einfach mal hier sitzen zu bleiben, ist schwer. Aber was ist das andere, frage ich mich oft. Warum will ich das eigentlich, will ich mich verlieren in der Masse? Was ist das für eine Sehnsucht?


Liv Lisa Fries ...

  • ... kam 1990 in Berlin zur Welt. Sie nahm schon als Jugendliche Schauspielunterricht und spielte erste Rollen, etwa in „Schimanski“ oder dem Kinofilm „Die Welle“.
  • ... wurde 2011 für ihre Hauptolle als gewalttätige Jugendliche in dem ARD-Film „Sie hat es verdient“ mit dem Günter-Strack-Fernsehpreis und mit der Goldenen Kamera als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. 2014 erhielt sie für die Darstellung einer an Mukoviszidose erkrankten jungen Frau in „Und morgen Mittag bin ich tot“ den Bayerischen Filmpreis und den Max-Ophüls-Preis.  
  • ... spielt seit 2017 die Hauptfigur Charlotte Ritter in der Serie „Babylon Berlin“. 2018 gewann sie dafür den Grimme-Preis. Sie lebt vegan und seit Kurzem in einem Dorf in Brandenburg.

Halten Sie sich für einen Digital Native?

Jein, ich kenne schon noch dieses Modem-Rauschen. Ich merke den Unterschied besonders, wenn ich noch jüngere Leute treffe. Die können noch einen Tick schneller bei Problemen helfen und blitzschnell sagen, wie was funktioniert. Da komme ich mir manchmal vor wie Oma.

Aber lesen Sie Zeitungen digital oder gedruckt?

Ich lese gar nicht so viel Zeitung, wenn dann aber eher gedruckt. Manchmal auch digital. Eigentlich spiegelt dies genau das wider, wo ich stehe.  Ich sehe mich irgendwo zwischen digital und analog. Auch, was mein Bedürfnis angeht. Ein weiteres Beispiel: Ich habe ein Smartphone, ich habe aber auch so einen kleinen Knochen, mit dem ich telefoniere. Mit dem Smartphone schreibe ich Mails und surfe im Internet. Wissen Sie was? Cool finde ich Omas, die sich interessieren und mit denen man diskutieren kann, die nicht gleich sagen: Früher war alles besser.

Im Zweifel kann man von der Technik lernen.

Ja, und die Faszination hat ja auch in den 20er-Jahren so richtig an Fahrt aufgenommen. Das ist ja total interessant, dass der Mensch fasziniert ist von Maschinen.  

Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Thalbachs. Ist Ihre Familie entfernt mit denen verwandt?

Interessante Frage, habe ich noch nie gedacht, empfinde aber eine Nähe.

Wo sind Ihre Eltern groß geworden, im Ostteil oder im Westteil Berlins?

Im Ostteil. Meine Eltern sind dann zur See gefahren, die waren Matrose und Stewardess auf einem Schiff, und so haben die sich auch kennengelernt.

Mit einem Passagierdampfer?

Nein, mit der Handelsmarine.

Deswegen sind auch Sie nicht so sesshaft.

Vielleicht! Habe ich mich auch schon mal gefragt – ob ich so ein Boots- oder Schiffsgen habe.

Und wohin geht’s als Nächstes?

Ich mache jetzt mit Detlev Buck „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann. Daniel Kehlmann hat das Drehbuch geschrieben. Und da habe ich gerade erfahren, dass ich auch noch einen Drehtag in Lissabon haben werde. Darüber habe ich mich sehr gefreut.