Ein Song ohne Livepublikum, ohne eine schreiende und schwitzende Menge, das ist für Dave Grohl nur ein Geräusch, nicht hörenswerter als ein Baum, der irgendwo fällt. Darüber schrieb der Frontmann der Foo Fighters vor zwei Jahren einen Essay („The Day the Live Concert Returns“) für die Zeitschrift The Atlantic, es war eine zärtliche Zukunftsballade auf die Livemusik, die damals seit ein paar Monaten verstummt war. Kein Konzert, nirgends, okay, vielleicht drüben auf Balkonien. In den ersten Wellen der Pandemie war die Musikwelt meistens eine Scheibe. Und alle drehten sich daheim wie im Kreis.

Grohl erinnerte uns an den 13. Juli 1985, an 75.000 Menschen im Londoner Wembleystadion, das Benefizkonzert „Live Aid“, nach einer Umfrage der BBC der beste Live-Gig der Geschichte. Und das vor allem wegen Freddie Mercury, halb Mensch mit Schnauzer, halb Gewitter im weißen Unterhemd. „Es geht nichts über die Energie und Atmosphäre von Livemusik“, schrieb Grohl, nachdem er noch einmal den Queen-Auftritt im Netz gesehen hatte. „Es ist die lebensbejahendste Erfahrung, seinen Lieblingsmusiker leibhaftig auf der Bühne zu sehen, statt als ein eindimensionales Bild, das auf eurem Schoß leuchtet, während ihr euch durch ein nächtliches Wurmloch bei YouTube schraubt.“

Nun, die Dunkelheit scheint vorerst vorbei zu sein, jetzt ist wieder die Zeit, um aus den Untiefen des Alltags zu kriechen, möglichst nah an die Bühne heran, die Songs im Kopf, die Texte in einer Erinnerungsschublade, zusammengerollt wie von Mari Kondo, jederzeit griffbereit. Denn live is back. Und live is life. Hat nicht jeder ein Konzertticket von 2020 oder 2021 am Kühlschrank hängen? Oder hoffentlich noch im Postfach schlummern? Sie behalten ihre Gültigkeit. Meistens jedenfalls.

Wir stehen vor dem Sommer der kleinen, der großen, der Megakonzerte. Es werden mehr sein als vor der Pandemie. Drinnen, draußen, Hauptsache laut und gut und so viel besser als alleine vor der Box und der Nachbar schon wieder halbe Treppe nach oben, um sich zu beschweren.

Veranstalter und Ticketverkäufer, die es in den vergangenen beiden Jahren verlernt haben, mit Optimismus auf Enttäuschungen zu reagieren, schöpfen nun doch wieder Hoffnung. Zwar fehlen Techniker, Aufbauhelfer, Securities und Barpersonal, all die mit Licht und Sound und Suff vertrauten Menschen, die ihre schlecht bezahlten Jobs gegen weniger schlecht bezahlte Jobs getauscht haben. Und noch immer ist das Aufsetzen eines Arbeitsvertrages ein bürokratischer Krampfakt. Aber das Publikum, das hat wieder Bock zu rocken.

Bereits das Frühjahr war ja ein grandioses Comeback der Bühnenshows. Am Pfingstwochenende waren 90.000 – Rekord! – schwitzende Schreihälse bei Rock am Ring, 70.000 waren satisfied mit den Rolling Stones in München, Rammstein zündeten den Himmel über dem Berliner Olympiastadion an, die Ärzte sind ohnehin ständig in der Stadt. In den kommenden Tagen und Wochen werden zudem Björk, Alicia Keys und Billie Eilish auftreten, Nick Cave & The Bad Seeds, Pearl Jam und Iron Maiden, von K.I.Z. über Andreas Gabalier bis Howard Carpendale ist für jede Geschmacksverwehung etwas dabei. Wer jetzt kein Konzert findet, der hat die Musik nie geliebt. Und wird womöglich kürzer leben.

Schwedische Forscher haben nämlich herausgefunden, dass regelmäßige Konzertbesuche das Leben um sieben Jahre verlängern können. Englische Kollegen gehen sogar von bis zu zehn Jahren aus, wenn man alle zwei Wochen vor einer Bühne steht. Belegt ist zudem, dass Livemusik für einen verbesserten Stoffwechsel sorgt, entzündungshemmende Prozesse im Körper beschleunigt, Depressionen verbeugt und die Ausschüttung des Kuschelhormons Oxytocin fördert. Gemeinsam ist man weniger allein. An Gemeinschaft muss man sich aber auch erst mal wieder gewöhnen. Man muss die vorauseilende Ängstlichkeit ablegen. Die bisherige Beobachtung der Branche: Den Jüngeren fällt das leichter.

Im Sommer der Konzerte ist Donkey Kid ein Special Effect des Lebens

Vor ein paar Tagen im Schokoladen, der dem Leck-mich-schick-Schicksal von Berlin-Mitte trotzt und wo Anfang Mai die aktuelle Stadttour der Ärzte begann, vor 130 Fans. An der niedrigen Decke hängt eine Diskokugel, rot rotierende Lichtflecken wie Bremslichter in der Nacht. Vor der Bühne Pogo, Bier, Zungenküsse, eine gruppendynamische Empfindsamkeit für die Verheißungen des Abends, eine Art Abiparty, Motto „Vor uns die Sintflut, aber egal“ vielleicht.

Am Mikrofon Donkey Kid, zwanzig Jahre alt, Bedroom-Producer, WG-Zimmer in Schöneberg, EP-Release auf Kassette, jetzt „Deep Blue“, ein Song gegen die Schwerkraft der schlechten Laune: „The empty nights/ the stone cold lies/ they’re gone for good“. Und dann dieser Basslauf, dem man folgen muss, nicht folgenlos entkommen kann, hey Stoffwechsel, hau rein.

Dilara Dinc
Ist es 1971, 1983 oder 2021? Es ist Donkey Kid.

Vor einem Jahr brachte Donkey King seine ersten Songs raus, und das Musikmagazin Diffus fragte: „Ist es 1971, 1983 oder 2021?“ Weil es klingt, als hätten die Siebziger angerufen, oder als wäre man zurück in die Zukunft der Achtziger gereist. Oder eher: Als hätte da jemand einen von Talking Heads, Tame Impala, King Krule und Metronomy inspirierten Sound ins Hier und Jetzt übersetzt. Im Sommer der Konzerte ist Donkey Kid ein Special Effect des Lebens, wie es wieder sein darf.

Davon war Dave Grohl noch weit entfernt, als er seinen Essay über die Abwesenheit der Livemusik schrieb. „In der heutigen Welt der Angst, des Unbehagens und der sozialen Distanzierung ist es schwer vorstellbar, dass Erfahrungen wie diese jemals wieder geteilt werden. Ich weiß nicht, wann es wieder möglich sein wird, Arm in Arm mitzusingen, wenn das Herz rast, die Körper sich bewegen, die Seelen vor Leben platzen. Aber ich weiß, dass wir es wieder tun werden, weil wir es tun müssen.“

Am vergangenen Mittwoch hätten die Foo Fighters auf dem Tempelhofer Feld gespielt. Eigentlich bereits am 10. Juni 2020, dann pandemiebedingt am 8. Juni 2021 in der Waldbühne. Im vergangenen März starb der Bandschlagzeuger Taylor Hawkins, die Welttournee wurde abgesagt. Alle gekauften Tickets können zurückgegeben werden. Ich lasse meins am Kühlschrank hängen.