Aus der Ausstellung: Im Rahmen der Pioniernutzungen am Haus der Statistik in Berlin wurde 2019 der Chor der Statistik ins Leben gerufen.
Foto: Victoria Tomaschko

BerlinSchon bevor die gelbe Renn-Ente über dem Gewirr der Baugerüststangen sichtbar wurde, war klar: Diese Ausstellung „Living the City. Stadt leben“ in der Zentralhalle des einstigen Flughafens Tempelhof soll gute Laune machen. Hinweg mit den Klagen über Klimawandel, Kohlekraftwerke, verstummte Vögel, autofixierte Verkehrsplaner, hinweg das kulturpessimistische Murren über Windräder, Politiker und raffgierige Investoren. Hier geht es um die Feier der „Europäischen Stadt“, um Initiative der Bürger, Freiheit und die Lust am urbanen Leben.

Deutschland hat derzeit die EU-Präsidentschaft inne, da muss die Politik zeigen, was sie will. Also hat das Bundesinnenministerium die Kuratoren Lukas Feireiss, Tatjana Schneider und die Gruppe The GreenEyl mit dieser heiteren Inszenierung beauftragt. Minister Seehofer gehört jener CSU an, die inzwischen auch tiefgrüne Schraubenwindungen dreht, er dürfte kein Problem mit dieser Ausstellung haben. Die Kritik an den Zuständen in deutschen und europäischen Städten kommt nämlich immer nur über Bande, indem gezeigt wird, was alles möglich ist – wenn die Politik und die Verwaltungen, wenn Wähler, Investoren, Architekten oder Stadtplaner denn nur wollen.

Cité du Grand Parc ist eine Großwohnsiedlung in Bordeaux, Frankreich.
Foto: Philippe Ruault

Genau damit ist diese Inszenierung auch eine Kampfansage vor allem an deutsche Architekten und Stadtplaner, die den Begriff „Europäische Stadt“ seit den 90er-Jahren nur für sich reklamieren. Sie meinen damit die soziale und ästhetische Rekonstruktion der bürgerlichen Stadt des 19. Jahrhunderts, deren straffe Boulevards, Promenadenparks und dicht gestellten Steinhäuser. Hier dagegen sieht man riesige Fotos von Hochhäusern und Filme von Gartenenthusiasten in der Stadt oder das verkommene Arbeiterviertel Granby in Liverpool, das die Bewohner durch Selbsthilfe wieder zum Leben erweckten.

Viele Projekte sind über die engere Fachwelt hinaus bekannt, etwa der phänomenale Umbau eines Wohnblocks aus den 70er-Jahren in Bordeaux nach den Plänen der Architekten Lacaton & Vassal, der 2016 übergeben wurde. Man kann es derzeit auch in der Akademie der Künste in deren Ausstellung zu aktuellen Stadtfragen sehen. Doch hier im Flughafen Tempelhof wird klar, warum dieses Projekt sensationell ist: Man sitzt in auf Corona-Abstand fest geschraubten Stühlen vor einem Film, in dem ein alter Mann mit blitzenden Augen erzählt, wie sich seine einst kastenartige Wohnung durch den Vorbau der Loggien mit großen Fenstern verschönert habe. Einige Quadratmeter mehr, einige große Fenster und neue Gemeinschaftsräume machten aus einer urbanen Katastrophe ein Hoffnungszeichen. Aber wurde das ein Modell? Aus Deutschland jedenfalls sind solche Umgestaltungen kaum bekannt, hier wird lieber der Plattenbau in einen Plastikschaummantel gepackt und das Ganze als „öko“ verkauft.

Modell im Maßstab 1:100 eines sogenannten Nagelhauses in Istanbul, jener zurückgebliebenen Einzelgebäude von Eigentümern, die sich gegen Verkauf und Abriss wehren.
Foto: Ahmet Öğüt

Direkt vor dieser Installation ist eine Installation von Ahmet Ögut zu sehen: zwei Kisten, die abgebaggerte Sandgruben zeigen, in deren Zentrum ein „Nagelhaus“ auf hohem Erdsockel steht. Ihre Besitzer verkauften nicht an Neubauinvestoren, die den Istanbuler Immobilienmarkt beherrschen. Nun muss um das Grundstück herum gebaut werden. Sture Kerle. Helden. Warum gibt es nicht auch in Brandenburg Kleinstädte wie das italienische Riace, die die Energie der vielen nach Europa Fliehenden nutzen, um neue Einwohner zu gewinnen, die alte Häuser und leere Straßen wiederbeleben? Kostbares Baumaterial einfach auf den Schutt zu fahren ist einfach archaisch, lernen wir hier mal wieder. Und in Barcelona zeigt man, wie man eine Stadt aktiv gegen die Autolobby zurückerobern kann für Fußgänger, Radfahrer und diejenigen, die frische Luft und ein bisschen Ruhe haben wollen.

Wir entdecken die neue Bibliothek in Tilburg und queere Clubs als Zeichen einer offenen Gesellschaft, aber auch, dass gerade Museen fehlen, die doch so lautstark für sich in Anspruch nehmen, städtische Hefe zu sein. Sie sind aus der Perspektive dieser Ausstellung wohl zu teuer, zu hierarchisch, zu elitär. Man denkt an die Berliner Staatlichen Museen und ihre kostspieligen Neu- und Umbauprojekte. Und da ist die Vision von Paris als vom Dschungel durchwachsene postkoloniale Stadt – haben deutsche Postkolonialismus-Aktivisten auch so viel Humor?

Die Ausstellung Living the City findet in der Abfertigungshalle des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof statt.
Foto: Membeth

Ein Manko allerdings gibt es: Die meisten Projekte, die hier gezeigt werden, haben ihre Vorbilder oder wenigstens Schwestern in den USA, in Südamerika, Südafrika und Nigeria, in Indien und sogar in China. Und viele der Themen, die hier so bunt, aber scheinbar ohne jede Geschichte gezeigt werden, waren um 1980 bereits ausdebattiert – nur wurden die damaligen Erkenntnisse zum „ökologischen Stadtumbau“ in den vergangenen 40 Jahren im Interesse eines dauernden Wirtschaftswachstums weitgehend vergessen. Das hätte man schon gerne debattiert gesehen.

Trotzdem ruft diese Ausstellung eine einzigartige Schaulust hervor, und spätestens wenn man an dem meterlangen Comic von Grimson Historians vorbeigeht, das die Straße als Protestraum zeigen soll, wird klar: Es geht um Politik. Da sind Demonstrationen und Polizeigewalt und fliegende Steine zu sehen – aber eben auch der Sturz eines Diktators in Lenin-Pose mit erhobener Seherhand. Und wenige Meter weiter stürzt der „Modulor“, jene mathematische Idealfigur des Architekten Le Corbusier, mit der er die Welt neu proportionieren und Menschen in 2,26 Meter hohe Räume zwingen wollte. Es gibt noch manchen Helden zu stürzen.

Living in the City – eine Ausstellung über Städte, Menschen und Geschichten. Bis zum 20. Dezember im Flughafen Tempelhof.