Tragetasche mit der Aufschrift „Hier ist Kunst“ von 48 Stunden Neukölln
Foto: Martin Müller/Imago

BerlinJenseits der bevorstehenden Kunstevents Biennale, Gallery Weekend und Art Week, die hinreichend mit den Hygienebestimmungen zu kämpfen haben, stehen auf bezirklicher Ebene auch jene regen Aktivitäten zur Disposition, die sich zuletzt auch ohne spektakuläre Verkaufsabschlüsse positiv entwickeln konnten. Die Zahl der Besucher von Ausstellungsformaten wie 48 Stunden Neukölln, der Südwestpassage in Friedenau oder auch der Art Kreuzberg ist kontinuierlich gewachsen. Lokaler Eigensinn paarte sich dabei mit dem ambitionierten Interesse, das Kunstschaffen von nebenan auf frischer Tat zu ertappen.

Es war ein vorsichtiges Tapsen und Tasten, denn anders als bei den international ausgerichteten Messen hatten sowohl Kunstproduzenten als auch Kaufinteressierte zunächst eine gewisse Schwellenangst zu überwinden. Die Schauen präsentieren sich in weiten Teilen als Wohnzimmerbegegnungen und setzen die Bereitschaft voraus, Distanz aufzugeben.

Die in den vergangenen Jahren als Rundgänge organisierten Schauen, bei denen die professionellen Galeristen eher am Rande mitwirkten, bereiten einem niedrigpreisigen Kunsthandel ein zweitägiges Fest der Neugier. Es handelt sich um einen ambitionierten Amateurmarkt, auf dem sich ein attraktives Kunstschaffen präsentierte, das eine Art Schnittstelle zu den gesättigten Märkten des Berliner Kunstherbstes darstellte. Hervorgegangen aus florierenden Provisorien, zu denen Herzblut mit Nebenjobs in Einklang gebracht werden mussten, lebte dieses Schaffen vor allen von der Beharrlichkeit der Zurückgezogenen sowie von den flüchtigen Begegnungen und den Launen plötzlicher Entschlossenheit.

Hipster in Neukölln – Bürger in Friedenau

Wo auch immer man zuletzt seine Stippvisiten absolviert hat, sei es im Neukölln der Hipster und Projektenmacher – wo 48 Stunden Neukölln sich in der Hochphase der Pandemie mit einer digitalen Version präsentiert hat – oder im bürgerlich-gediegenen Friedenau, war man verblüfft über die Vielfalt des künstlerischen Einfallsreichtums, der sich den Rest des Jahres hinter verschlossenen Türen abspielt. Die Kunst quillt gewissermaßen aus dem Privaten hervor und präsentiert sich auch performativ als Gegenentwurf zum kommerziellen Betrieb, wenn auch ohne ideologische Programmatik.

In diesem Jahr ist alles anders, inklusive Zeitenwende. „Aus organisatorischen Gründen“, heißt es auf der Homepage der Art Kreuzberg, die bereits zum 11. Mal stattfindet, „ändert sich in diesem Jahr das Format.“ Es werde kein Programmheft und auf der Website nur eine geografisch sortierte Auflistung der beteiligten Künstler und Orte geben. „Das jeweils aktuelle Angebot kann man in den verlinkten Medien der KünstlerInnen erfahren.“

Corona zwingt in die Defensive. Bei der Art Kreuzberg etwa war mit einer Gruppe an Demenz erkrankter Künstler auch das Pflegewohnheim des Unionhilfswerks in der Fidicinstraße beteiligt, das nun in vielfacher Hinsicht eine prekäre Gefahrenzone darstellt. Seitens der Friedenauer Südwestpassage war man zunächst vorsichtig optimistisch, den Atelierrundgang wie geplant zum ersten Oktoberwochenende zu absolvieren. Vor zwei Wochen kam dann die kurz gehaltene Absage. Das Risiko massenhafter privater Begegnungen ist zu groß. Die semiprofessionellen Veranstalter vermögen den nachvollziehbaren Aufwand von Corona-Regeln und deren Einhaltung nicht zu gewährleisten. Nun hofft man auf das kommende Jahr.

Vor den Trümmern eines vergangenen Lebensentwurfs

Wenn das nicht für viele schon eine Saison zu spät ist. Denn zu den allgemeinen Existenzsorgen hat sich die konkrete Befürchtung vieler Galeristen und soloselbständiger Künstler gesellt, die erhaltenen Soforthilfen zurückzahlen zu müssen. Die Möglichkeit, weitere Anträge zu stellen, wird durch die zusätzliche Hürde erschwert, diese ausschließlich über professionelle Steuerberater einreichen zu dürfen. Deren Honorare sind beträchtlich, die Erfolgsaussichten ungewiss. Nicht wenige Künstler, die bislang auf der Basis einer Mischkalkulation aus Nebenjobs und regelmäßigen Verkäufen ein Auskommen hatten, stehen nun vor den Trümmern ihres Lebensentwurfs. Berlin war seit jeher die Hauptstadt der Nischenproduktion. Nun sieht es so aus, als würde das Virus die Nische selbst befallen.

Dabei geht es aber nicht um ein anhaltendes Lamento über die Nöte des künstlerischen Prekariats. Gute Künstler finden immer einen Weg zur Verbreitung ihres Ausdrucks. Still und leise aber vollzieht sich in Berlin ein Ausverkauf der Existenzformen, die in den drei zurückliegenden Jahrzehnten erheblich zum Image der Kreativmetropole beigetragen haben. Preiswerte Räume für Galerien und Ateliers kamen dem Bedürfnis entgegen, den Impulsen des Augenblicks Geltung zu verschaffen. Berlins Kapital war die räumliche Vielfalt der Bezirke Neukölln und Treptow, Friedrichshain und Charlottenburg.

Überlagert vom Getöse derer, die es besser verstehen, auf ihre Lage aufmerksam zu machen, vollzieht sich inzwischen ein Rückzug und Ausverkauf preiswerter Kreativräume. Ein Atelier, das heute aufgegeben und geschlossen werden muss, ist vermutlich für immer als potenzieller Kunstraum verloren. Im Schatten der Pandemie ereignet sich in Berlin der Ausverkauf der kulturellen Nische – ein Strukturwandel des öffentlichen Raumes vollzieht sich nicht nur in den Bürotürmen der City, sondern auch an den Rändern der Stadt. Kulturpolitische Gegenwehr gibt es seitens der Verantwortlichen kaum. Man war zuletzt ja froh darüber, dass diese Graswurzelbewegung weitgehend ohne öffentliche Förderung zurechtkam. Tempi passati. Der Rundgang als fröhliche Werkschau ist vorbei.