Deutlich entspannter als am Sonnabend ging das Lollapalooza-Festival in seinen zweiten Tag. Wundersamerweise waren die Schlangen vor den Nahrungsständen wie den Toiletten etwas geschrumpft, und auch die großflächigen Wasserlachen des Sonnabends – Kanalisationsschäden oder Spülmaßnahmen des Festivals – fehlten.

Auch musikalisch nahm das Festival ein wenig Fahrt auf. Die Berliner Lokalmatadore Seeed spielten auf der Hauptbühne ein straffes, unterhaltsames und viel bejubeltes Konzert. Zwar kannte man den Bühnenaufbau mit der bunt pulsierenden Beule im Hintergrund, die amüsante Choreographie und die schick bis ins Baritonsaxofon besetzte Bläsertruppe zur Genüge; aber nirgendwo sonst korrelierten vergleichbar funky populäres Liedgut, großzügige Leutseligkeit und coole Entertainerdistinktion. Kinderfreundlich sind sie auch.

Seeed zogen vermutlich sogar mehr Leute als die spätere, offizielle Hauptattraktion Muse, die ihren Emo-Progrock mit Wehgesang und prozessierten Gitarrentonleitern von einer höchst eindrücklichen, aber hässlichen, splitternden und blitzenden Videoshow bebildern ließen. Hier wie bei fast allen Konzerten – eigentlich nur mit Ausnahme von Seeed – gab es kaum jemanden, der sich den Auftritt von Anfang bis Ende angehört hätte.

Die Leute waren durchweg in Bewegung, etwa die Hälfte interessierte sich ohnehin mehr für die Fun-Angebote als für die Musik. Man tummelte sich in den aufblasbaren Räumen der Lichtshow „Luminarium“ oder in der Zirkuskirmes „Lolla Fun Fair“ und beschäftigte im netten Kidzapalooza-Areal die Kleinkinder. Man ließ sich im „Grünen Kiez“ über Ökoprojekte des Umlands und am scheunengroßen Stand eines Kleinwagenhändlers über dessen Kleinwagen aufklären. Vor allem jüngere Damen kamen, gesponsert von einem lokalen Online-Versand, der Aufforderung „Share Your Style“ nach – zentrale Accessoires: bunt verspiegelte Sonnenbrillen und Blumenkränze, deren Flechten man im Fleurop-Workshop der Fun Fair gelernt hatte. Manche, aber gar nicht so viele, ließen sich auch einfach volllaufen.

Eliten, Politiker und Mächtige ablehnen, verachten und beschimpfen

Dass die Leute bei Seeed bis zum Ende blieben, mochte auch daran liegen, dass zeitgleich ansonsten nur der Osnabrücker Techno-DJ Robin Schulz mit seinen stimmungssatten Elektroweisen zu hören war. Wie fast alle DJs eine wunderliche Wahl – was vielleicht damit zu tun hat, dass man in der Lollapalooza-Heimat USA die elektronische Tanzmusik gerade erst in größerem Umfang entdeckt. In Berlin kennt man sie ja nun schon länger, weshalb man oft den Eindruck hatte, hier würden nachtblinde Eulen nach Athen getragen.

Andererseits ist Lollapalooza ein Rock- und Popfestival. Klar, dass neben Seeed auch die Beatsteaks abräumten. Dass sie ihren patentierten Partypunkrock erst vor wenigen Wochen zweimal in der Wuhlheide aufgeführt hatten, interessierte keinen. Warum auch? Schließlich hörten später auch tausende gerührt der schönen Stimme Sam Smiths zu, obwohl die musikalische Ausstattung einem steinalten Schnulzenrezept entstammt.

Im strengen Sinne neu klangen auch die beiden besten Konzerte des Tages nicht. Aber sie waren von einem deutlich weniger abgezockten Unterhaltungsbegriff geprägt als die meisten anderen. Die australischen Tame Impala freuten sich enorm, dass sie nicht unerfolgreich gegen Muse anspielen durften. Und sie lieferten eine süße, bunte Lichtshow zu ihrer großartigen, dröhnend kreiselnden, dancerhythmisch aufgemöbelten Psychedelik.

Und dann gab es mit Run The Jewels noch einen richtigen Knaller – ein hoch charismatisches HipHop-Duo aus dem alten Undergroundhaudegen El-P und dem ultraschwergewichtigen Atlanta-Rapper Killer Mike, beide mit großartigsten Skills, irrem Druck und unterhaltsam ansteckender schlechter Laune gesegnet. Gemeinsam mit dem Publikum wollten sie die Eliten, Politiker und Mächtigen ablehnen, verachten und beschimpfen sowie unangenehme Dinge insbesondere mit Donald Trump anstellen. Das war toll. Sogar auch musikalisch. Aber mehr noch, weil es – egal wie man zur Message steht – einen unerwarteten Einbruch von Realität, Dringlichkeit, identifizierbarer Haltung in das Lollapalooza brachte, diese sonst so betäubend friedliche Pop-Version von Disneyworld.