Sie wolle, dass jeder von uns er selbst sei heute Nachmittag, so die Stimme der albanischen Londonerin Dua Lipa vom Band, direkt bevor sie dann mitsamt Band selbst auf der Hauptbühne 1 des Lollapalooza-Festivals erschien. Wie immer, bei dieser doch häufigen Aufforderung zum Man-Selbst-Sein, stellt sich die Frage, was für Alternativen es eigentlich gäbe. Egal, wie ich mich verrenke, kann ich je nicht ich selbst sein? Was uns übrigens auch wieder direkt in den beliebten Problembereich „Individuum und Masse“ führt, der keine Kunstform so permanent prägt wie die Popmusik, insbesondere die bei großen Festivals vorgetragene.

Denn nirgends findet man so viele Leute, die auf derart massenmanipuliert auf gleiche Weise sie selbst sind: Schon früh hatten zigtausende vor der Bühne gewartet, um beglückt von ihrem neuen jungen Star Anweisungen zu Tanz, Händewinken, Mitsingen, aber auch das Konzert transzendierenden Verhaltensweisen wie etwa korrektes Reagieren auf doofe Ex-Boyfriends zu befolgen (Zeig ihm den Finger! Fünfzigtausend Mittelfinger in der Luft! Böser Boyfriend!).

Musik ist generisch, ihr Auftreten aber nicht

In leuchtend orangener Trainingshose, ihre Choreographie ein entspanntes Workout, auch einmal besorgt pausierend, als vor der Bühne ein Fan kollabierte, löste Dua Lipa alle oben beschriebenen Widersprüche spielend auf: Zwar ist ihre Musik generisch, ihr Auftreten aber nicht. Viel zu ruhig und unverstellt, gleichzeitig voll Energie. Inmitten Konformität war sie sie selbst, und genau dieses Vorbild feierten die Fans.

Zur weiteren Konformisierung trugen viele Kollegen der Berliner Polizei bei, die automatische Waffen mitführten und verhinderten, dass vor dem Eingang ins Olympiastadion, in welchem die nach Lollapalooza-Gründer Perry Farrell benannte „Perry‘s Stage“ aufgebaut war, nicht zu viele Leute gleichzeitig drängten wie am Vorabend beim Auftritt von David Guetta. Am Sonntagabend herrschte hier besonderer Andrang für das Berliner Feminismus-Gangsta-Rap-Duo SXTN; die Rapperinnen Juju und Nura beglückten das Stadion mit hübschen Trap-Beats und der Behauptung „Jetzt sind die Fotzen wieder da“, griffen aber auch mit dem Slogan „Nein heißt nein“ die Me-Too-Debatte auf.

„Stagediven und Pogen“ strengstens verboten

Doch nicht nur energische junge Frauen performten am Sonntag, auch lahme alte Männer gab es zu begutachten, so etwa die Stuttgarter Rapper von Freundeskreis, bei deren Konzert ein junger Mann sich in einem Schlauchboot über die Köpfe des Publikums heben ließ; letzteres füllte das Schlauchboot mit leeren Bierbechern. Dabei war laut Festivalprogramm „Stagediven und Pogen“ strengstens verboten! Zum Glück hatten es die Kollegen von der Berliner Polizei nicht gesehen. Ich muss an dieser Stelle sagen, in meiner Jugend funktionierten Festivals irgendwie anders.

Das dachte sicher auch der lahme alte Mann Liam Gallagher, ehemals bekanntlich Sänger der schlechtesten britischen Rockband aller Zeiten, Oasis. Leider ist er ohne Bruder Noel an der Gitarre noch schlechter als Oasis, er vermochte die Massen nicht in seinem Sinne zu manipulieren, sie gingen zur Hauptbühne 2, um sich einen guten Platz für den Auftritt der U.S.-amerikanischen Band Imagine Dragons zu sichern, deren furchterregender Emo-Rock-Rap einen Nerv der Zeit zu treffen scheint.

Schnell weg- aber wohin? Friendly Fires, einst eine feurige Post-Punk-Pop-Gruppe, klangen auf der Alternative Stage wie eine müde Version der New-Romantic-Funkband ABC aus den frühen Achtzigern.

Massenindividualismus-Meditationen

Und die beste, wegweisendste Elektroband Deutschlands hatte leider abgesagt, Scooter-Sänger H. P. Baxxter hatte sich die Schulter gebrochen! So musste man mit Kraftwerk vorliebnehmen, die mal wieder ihre größten Erfolge mitsamt 3-D-Show präsentierten. In knackigem Sound brachten Ralf Hütter und seine drei Musikarbeiter ihren Proto-Techno unter alt und jung, gerne unterwarfen sich alt und jung diesen wegweisend minimalistischen Meditationen zu Unterwerfung unter Technologie, Vernetzung, Konsum, usw. Besonders das 1981 erschiene „Computerliebe“ sowie „Die Mensch-Maschine“ erfreuten sich großer Resonanz, hier erkennt sich natürlich der sozialvernetzte Tinder-Mensch von heute wieder. Massenindividualismus-Meditationen von junger und alter Generation rahmten also diesen Tag.