Ganz schön eilig wechseln derzeit die Generationen. Gerade vier Jahre liegt der Mercury-Preis zurück, den The xx dafür bekamen, dass sie dem Indiepop ein aufregendes neues Design aus Dubstep-Bässen und minimalistisch ausgestatten, weiten Räumen verpassten. Mit London Grammar befinden wir uns nun, so eine weit verbreitete Meinung, in der Post-xx-Ära.

Die Stichhaltigkeit dieser Ansicht konnte man am Sonntagabend in der Columbiahalle überprüfen, wo das Londoner Trio ein knapp einstündiges Konzert gab. Der Rahmen war auf jeden Fall angemessen, das Konzert ausverkauft – immerhin wurden London Grammar, seit sie im Herbst 2013 den winzigen Grünen Salon bespielten, zur erfolgreichsten britischen Indieband der Saison.

Erinnerungen an Florence Welch

Rund dreieinhalbtausend Leute standen jubelbereit, als Sängerin Hannah Reid die ersten kehligen Laute der Kopfstimme steigen ließ, die sich alsbald über massivem Bass und einer Möwengitarre zur emblematischen Parole der Single „Hey Now“ formten. Wo selbige in der Popkultur jedoch meist eher forsch kodiert ist, benutzen London Grammar sie als Geste der Besänftigung im Angesicht einer drohenden Liebesnacht: „Uhuu, you know it is frightening/ Uhuu, you know it’s like lightning/ Hey now“.

Schmeicheln und Tätscheln zu undeutlich fundierter Melancholie, so könnte man knapp die bevorzugte musikalische Bewegung des Abends beschreiben. Dazu hatte sich die Band, so schien es, eine sehr überschaubare Zahl von Tonarten ausgesucht, aus denen sie wiederum meist zwei bis drei Moll-Dur-Akkorde schöpfte, die sich durch viel Hall auf allen Instrumenten aneinanderkuscheln konnten.

Keyboarder Dot Major wechselte gelegentlich an ein Drumset und sacht geklopfte Congas; Gitarrist Dan Rothman dämpfte ab und zu die Saiten zu einem perkussiven Muster, öfter spielte er sehr helle, sehr knappe und sehr erprobte Gitarrenfiguren.

Ähnlich schlug Hannah Reid auf einigen Songs schlichte Harmonien auf die Tasten eines Original-Standklaviers. Ihre Stimme bildete wiederum klar das tonale und atmosphärische Zentrum des Auftritts. Mit ihrem vollen und schweifenden Ton erinnert sie ein wenig an eine kontrollierte Florence Welch, wobei sie die freigiebig kolorierende Kopfstimme auch im eigentlich zu dunklen Bereich verwendet.

Post-xx-Trick: erweiterter Raum

So verflüchtigte sich noch in den wenigen, clubartig rhythmisierten Passagen jeder räumliche Eindruck, den die sparsamen elektronischen Arrangements andeuteten. Dies wurde durch einen an sich sehr aparten Effekt verstärkt: Nach dem dritten Stück erschien auf einer balkonartig erhöhten Bühne hinter der Band ein flauschig streichendes Damenquintett. Optisch öffnete sich die Bühne auf diese Weise nach hinten, während sie sich gleichzeitig durch weit über dem Publikumsbereich angebrachte Scheinwerfer nach vorne dehnte. Als interessantes Ergebnis erweiterte die Band ihren physischen Raum, während sie – das wäre dann der Post-xx-Trick – dessen musikalische Eroberung zugunsten eines sehr zentrierten und schon auch etwas eintönigen Pops verwarf.