Wer gedacht hat, „Lone Ranger“ wäre „Pirates of the Carribean“ zu Lande, nur weil Johnny Depp mitspielt und Gore Verbinski Regie führt und ein altes Genre reanimiert wird – den müssen wir vor einer Enttäuschung bewahren. Unübersehbar ist zwar, dass es genau das werden sollte: Johnny Depp spielt wiederum einen sehr seltsamen Typen, den Indianer Tonto, den Outcast aus dem Stamm der Komantschen, wild geschminkt bis zum toten Vogel auf dem Kopf. Wie bei Jack Sparrow handelt es sich bei Tonto um eine offensichtlich nicht ganz dieser Welt zugehörige Person von zweifelhafter moralischer Vorbildlichkeit, die sich dennoch elegant und katzenhaft durch die Fährnisse zwischen Gut und Böse hindurchlaviert. Johnny Depp spielt diese Figur auch mit jenem flackernden Pokerface, das er sich einst für den Piraten ausgedacht hat – nur dringt er damit keineswegs vergleichbar effektiv durch sein Make up hindurch.

Ihm zur Seite steht der gutaussehende junge Mann, die eigentliche Hauptfigur, zu Wasser gespielt von Orlando Bloom und jetzt im Wilden Westen von Armie Hammer, der die Winklevoss-Zwillinge im Facebook-Film „The Social Network“ darstellte. Wobei „eigentliche Hauptfigur“ die seltsame Verschiebung schon andeutet, die den Reiz von „Pirates of the Caribbean“ kennzeichnete: Die ganze Reihe bekannte sich so hemmungslos zu Schauwerten, artistischer Action und Parodie, dass die „eigentliche“ Geschichte, gewunden, kompliziert und ohne tieferen Sinn, kaum zum Zuschauer durchdrang. In dieser „Dramaturgie“ erinnerte man sich eher an bestimmte Wesen, Schauplätze und mittels Körpereinsatz zu lösender Probleme als an den Verlauf der Geschichte und die Motivationen der Personen; und man erinnerte sich an Johnny Depp, an Orlando Bloom und an Keira Knightley, die nicht so tief in Kostüm und Rolle steckten, dass sie nicht immer wieder als sie selbst erkennbar gewesen wären, als schöne Menschen, die wir gerne wären.

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Bei „Lone Ranger“ fragt man sich nun, ob die Zeit solch aufgedonnerter Späße jetzt für vorbei erklärt werden soll. Der Wilde Westen ist schon in seiner Farbpalette gegenüber der Karibik deutlich reduziert: Kein hoffnungsvolles Blau, das meiste spielt im graubraungrünen gedämpften Spektrum, denn die Landschaft ist trocken und staubt.

Spukgestalten der Meere

Dem Wilden Westen fehlt dann aber auch die Phantastik der See, die legendären Spukgestalten der Meere, geheimnisvolle Schätze mit geheimnisvollen Wirkungen. Tonto der Indianer bringt zwar so ein Element hinein, füttert seinen toten Kopfschmuck und erklärt den Lone Ranger nach einem überlebten Überfall zum Wiedergeborenen, aber man kann das als primitive Spinnerei abtun, und wirklich wichtig ist es am Ende auch nicht.

Wichtig aber ist dem Film, eine Geschichte aus der Frühzeit des amerikanischen Kapitalismus zu erzählen, eine Geschichte der Eisenbahn, der Verdrängung indigener Lebensformen und der skrupellosen Ausbeutung von Natur und chinesischen Wanderarbeitern, eine Geschichte des Über-den-Tisch-Ziehens durch Repräsentanten von Recht und öffentlicher Ordnung, der Kooperation von Staat und organisiertem Verbrechen. Was ist die Terrorisierung einer Stadt gegen die Gründung einer Stadt?

Mag man solchem Film die Kapitalismuskritik glauben? Einer Produktion von Walt Disney und jenes Jerry Bruckheimer, der auf der Leinwand seiner Filme wütet und zerstört wie eine wildgewordene Motorsäge im Regenwald? „Die Natur ist aus dem Gleichgewicht“, heißt es mehrfach, und: „Es kommt die Zeit, in der die Guten Masken tragen müssen.“

Es scheint nicht mehr so einfach zu sein mit der Moral, anders als in den Dreißigerjahren, als der „Lone Ranger“ als Hörspielfigur aufkam und ab 1949 durchs Fernsehen ritt. Diese Figur war noch als aufrechtes Vorbild für Kinder geplant, daran erinnert die Rahmenhandlung des Films, in der ein Junge einen alten Indianer im Diorama in seiner Fantasie zum Leben erweckt und die Geschichte vom „Lone Ranger“ erzählen lässt.

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Ursprünglich ist der Lone Ranger ein ziviler Mensch namens John Reid, der als idealistischer Anwalt Recht und Gesetz im Wilden Westen verankern will. Seinem Bruder Dan, dem amtierenden Texas Ranger, kommt das weltfremd vor. Als der Bandit Butch Cavendish auf dem Weg zum Henker von seiner Bande freigepaukt und Dan Reid ermordet wird, besinnt sich John Reid auf die praktische Gerechtigkeit und ficht gegen Butch lieber mit der Tat als mit Paragraphen.

Das klingt hier nach dem „Mann, der Liberty Valance erschoss“, dort nach „12 Uhr Mittags“, nach alten, gewaltigen Filmen. Indes hat der Western anders als der Piratenfilm weiß Gott nicht darauf gewartet, von Gore Verbinski wiederbelebt zu werden. Es ist in den letzten Jahren manch grandioser und hochorigineller Western entstanden: „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ von Andrew Dominik, „Brokeback Mountain“ von Ang Lee, „True Grit“ von den Coen Brüdern, „Django Unchained“ von Quentin Tarantino. Dagegen wirkt diese Kommerzmaschine in jeder Hinsicht überflüssig. Da kommt noch nicht mal Popcorn-Stimmung auf.

Lone Ranger USA 2013. Regie: Gore Verbinski, Drehbuch: Ted Elliott & Terry Rossio, Kamera: Bojan Bazelli, Darsteller: Johnny Depp, Armie Hammer, Helena Bonham Carter u. a., Farbe, 149 Min

Einen Vorgängerfilm gibt es jetzt auf DVD