Vier US-amerikanische Soldaten geraten in einen Hinterhalt. Hätten sie die afghanischen Hirten nicht laufen lassen, dann hätten sie überlebt. Doch wer sieht sich schon gern als Kriegsverbrecher auf CNN? Die Realitäten des Medienkriegs sind allen bewusst, und sie ziehen andere Realitäten nach sich: Schüsse fetzen, Knochen knacken – dem kalkulierten Gnadenakt folgt ein fürchterliches Gemetzel. Achtung, Taliban von links! Das tat weh.

Eine qualvolle Kinostunde lang ist „Lone Survivor“ ein Kriegsfilm des Sub-Genres Combat-Film, es geht um das reine Schlachten ohne Sinn und Verstand. Körper bluten an den unmöglichsten Stellen, die Kombattanten sterben in Zeitlupe. Das ist brillant gemacht und auf seine Art spannend, aber nicht sehr interessant. Doch mit dem Rest verhält es sich genau umgekehrt.

Wir wissen – dem Titel und einem Prolog sei Dank – natürlich längst, wie die Sache ausgeht. Immer öfter wählt Hollywood diese bewusst antidramatische Struktur, zumal dann, wenn es wie hier um wahre Begebenheiten geht. Der kleine Stoßtrupp um Officer Marcus Luttrell (Mark Wahlberg) soll einen finsteren Taliban-Anführer ausspähen. Wie das Manöver derart schiefgehen konnte, das erzählt der Film. Danach erzählt er noch etwas mehr, führt tiefer hinein ins politische Innere des Konflikts – doch zumindest hier sollte man nicht mehr verraten.

„Lone Survivor“ leidet an seiner verdrucksten Struktur, das ist wohl das Geheimnis, genauso wie an diesem Krieg. Ein klarer Befehl ist kaum auszumachen. Ein Feindbild wird konstruiert, um wieder zusammenzubrechen. Einzelne Kampfszenen sind sogar aus der Perspektive der Taliban gefilmt, deren Gesicht bereits zweigeteilt ist: Hier der hakennasige Anführer, der an Osama bin Laden erinnert, dort sein junger Adjutant, ein Kajal-umflorter Schönling. Dazu afghanische Hirten und Bauern, deren Loyalität jeder Seite gelten kann, man weiß es nicht. Gewiss ist nur das Leiden der Soldaten.

Doch folgt daraus eine Verdammung des Kriegs im Allgemeinen und des Afghanistan-Einsatzes im Besonderen? Oder macht es den Einsatz der Soldaten nur heroischer? Schaut man auf die Geschichte des Kriegsfilms als Mittel der Propaganda, so liegt in dieser Ambivalenz schon immer dessen Taktik. Doch selten war man so ratlos wie hier.

In solchen Fällen lohnt sich der direkte Vergleich: „Operation: Kingdom“ heißt ein Kriegsfilm von Peter Berg aus dem Jahr 2007. Sieben Jahre sind vergangen seit diesem Hurra-patriotischen und nicht nur latent rassistischen Unfug. Doch sie wirken wie Lichtjahre. Hier ist etwas passiert, und zwar nicht nur im Kopf des Regisseurs.

Nun liefert Peter Berg mit „Lone Survivor“ keinen Schlüsselfilm. Das Psychogramm der Kriege in Afghanistan und im Irak haben andere abgesteckt, insbesondere Kathryn Bigelow mit „The Hurt Locker“ und „Zero Dark Thirty“. Hier können Bergs Charaktere schlicht nicht mithalten. Selbst wenn man keine Jahrhundertfigur erwartet wie Sylvester Stallones Vietnam-Söldner Rambo, der zwischen eigenem Patriotismus und unklarem politischen Auftrag einen ganz ähnlichen Konflikt durchstand, erscheint Mark Wahlbergs tapferer kleiner Officer mit seinen pittoresk aufgeplatzten Wangen eher unterentwickelt. Aber gerade in seinem hilflosen Bemühen wirkt dieser Film symptomatisch. „Lone Survivor“ will es hartgesottenen Militär-Junkies genauso recht machen wie nachdenklichen Patrioten. Der Film weiß nicht, ob nun rein oder raus aus Afghanistan. Es ist, mit anderen Worten, der denkbar ehrlichste Kriegsfilm der Ära Obama.

Lone Survivor USA 2013. Regie: Peter Berg, Drehbuch: Peter Berg, nach der Buchvorlage von Marcus Luttrell, Patrick Robinson, Kamera: Tobias A. Schliessler, Darsteller: Mark Wahlberg, Taylor Kitsch, Emile Hirsch, Ben Foster, Eric Bana u. a.; 122 Minuten, Farbe. FSK 16. Ab Mittwoch im Kino.