Jener Vorabend, an dem das ZDF „Der Lorax“ zeigte, gehört zu den unvergesslichen meiner Kindheit. So versessen war ich auf diesen Zeichentrickfilm, dass ich das Wohnzimmer für mich reklamierte, obwohl sich zur selben Zeit der Pastor angekündigt hatte. Ich blieb standhaft, er musste draußen bleiben. Jener „Lorax“ war ein einfach gemachter 25-Minüter, erzählt in Reimen und einfacher Animation. Aber es waren die Reime und die Bilder von Dr. Seuss, der den Film selbst produziert hatte. Zu einem pastoralen Abend kam ich dennoch, denn „Der Lorax“ ist ein frühes, überraschend bitteres Plädoyer gegen die drohende Umweltzerstörung. Im Mittelpunkt steht ein bärtiger Waldbewohner, auf den niemand hören will, wenn er sich mit den immergleichen Worten vorstellt: „Ich bin der Lorax, und ich spreche für die Bäume“. Bald sind sie alle abgeholzt, denn ein windiger Geschäftsmann will aus ihren Wipfeln einen kurzlebigen Modeartikel produzieren.

Jetzt gibt es eine Neuverfilmung des 1971 verfassten Kinderbuchs. Auch als 3D-Animationsfigur ist der Bartträger auf den Plakaten so unwiderstehlich, dass mein neunjähriger Sohn, der nichts über den Lorax wusste, ebenso versessen darauf war, ihn in Aktion zu sehen wie ich. Enttäuscht waren wir dann beide. Nach den Erfolgen der Seuss-Verfilmungen „Katze mit Hut“, „Der Grinch“ und „Horton hört ein Hu“ verlangte der Markt nach einer weiteren abendfüllenden Version einer Geschichte, die – wie seinerzeit bewiesen – in 25 Minuten bestens zu erzählen ist.

Eine Randfigur als Protagonist

Die Autoren fassen sie in eine pompöse Rahmenhandlung ein. Dazu erhob man die im Original namenlose Randfigur eines Jungen zum eigentlichen Protagonisten. Dieser Ted genießt das Leben in einer konsumfreudigen Stadt, in der alles aus buntem Kunststoff zu bestehen scheint, bis sich seine Freundin von ihm etwas wünscht, das es dort nicht gibt – einen Baum. Ted macht sich auf die Suche und findet sich jenseits der Stadtgrenze in einer kargen Landschaft wieder. Ein verarmter Industrieller, der dort als Einsiedler lebt, erzählt ihm vom Waldbeschützer Lorax und wie er sich selbst versündigte am einst üppigen Waldbestand, um besagte Accessoires zu produzieren. Lediglich etwas Samen künde noch vom verlorenen Paradies. Doch die Wiederaufforstung stößt auf Widerstand eines korrupten Bürgermeisters im Plastikrausch.

Dr. Seuss hatte mit seiner Parabel nicht nur für die Bäume sprechen wollen. Offenbar war es ihm ein Anliegen, vor einem verantwortungslosen Kapitalismus zu warnen, der seine Konsumenten nicht nur der Natur entfremdet, sondern ihnen auch ein hässliches Einheits-Design aus Plastikprodukten aufnötigt. Fatalerweise hat es sich dieser Film in dieser grellbunten Plastikwelt so gut eingerichtet, dass niemand zu bemerken scheint, dass der Lorax mit allem, was ihm heilig ist, zur Nebenfigur degradiert wurde.

Der Lorax USA 2012. Regie: Chris Renaud, Kyle Balda. 86 Minuten, Farbe. FSK ohne Altersbeschränkung.