Wenn Schauspieler die Seiten wechseln und Filmregisseure werden, ist das Risiko noch größer als die Versuchung. So stark die Langeweile auch sein mag, wenn man zum zwölften Mal einen Dialogsatz wiederholen muss, den ein normaler Mensch nie so aussprechen würde, und so dringend auch der Wunsch sein mag, es selbst einmal hinter der Kamera zu probieren – der Gedanke „Das kann ich auch, wahrscheinlich sogar besser“ ist schnell gedacht und schwierig in die Tat umgesetzt.

Schließlich sind die wenigsten Schauspieler tatsächlich Glückskinder wie Til Schweiger, der scheinbar instinktiv die verborgenen Wünsche seines Publikums erspürt. Nicht jedem Star genügt es allerdings, dass das Ergebnis des Regiedebüts dem Durchschnittsgeschmack entspricht. Manche wollen mehr: Sich selbst ausdrücken oder gar ein Kunstwerk schaffen, welches das Kino weiterbringt.

Zu ihnen gehört offenbar Ryan Gosling. Mit Hauptrollen in Filmen wie „Blue Valentine“ und „Drive“ wurde der gebürtige Kanadier der neueste Shooting-Star in Hollywoods Schauspielkosmos; Gosling gilt als schöner und keineswegs dummer Mann. Seine Rollen wählt er mit Bedacht. Im Jahr 2014 hat Ryan Gosling seinen ersten eigenen Film inszeniert, nach einem selbstverfassten Drehbuch – jetzt kommt „Lost River“ in unsere Kinos. Es genügen wenige Augenblicke, um zu erkennen, dass Gosling mit diesem Regiedebüt auf Höheres zielt.

Amerikanischer Alptraum

Denn „Lost River“ ist ein in jeder Hinsicht ehrgeiziger Film, im Guten wie im Schlechten unbescheiden: Ein phantastischer Film-Noir aus den Abgründen des US-amerikanischen Alptraums, eine düstere Allegorie auf die Finanzkrise in surrealen Tableaus. Ryan Gosling interessieren die Bilder und die Kraft, die einzelne Szenen für sich entfalten sowie ihr Nachwirken in der Seele der Betrachter weit mehr als die Stimmigkeit des Ganzen.

Erzählt wird von einer Geisterstadt unserer Tage: Viele Gebäude stehen leer, die Infrastruktur ist weitgehend zusammen gebrochen. Gedreht wurde in Detroit, jener gescheiterten amerikanischen Großstadt, in der es teils schon in Wirklichkeit so aussieht wie in einem „Mad Max“-Film. Hier lebt Billy, eine alleinerziehende Mutter, die sich und ihre zwei Kinder durch die Krise zu bringen versucht – und das mehr schlecht als recht. Werte und der gute Geschmack bleiben schnell auf der Strecke, wenn das Geld nicht ausreicht, und so ist die Korruption vor allem eine moralische.

Christina Hendricks spielt diese Frau, die in einem Nachtclub als burleskes Showgirl anheuern muss, im Gleichgewicht aus Not und Würde. Die eigentliche Hauptfigur ist aber ihr Sohn Bones (Iain De Caestecker). Der ist ein Outsider in der Schule und heimlich in das hübsche Nachbarmädchen (Saoirse Ronan) verliebt; und als das Geld immer knapper wird, stiehlt Bones Kupfer aus leerstehenden Gebäuden, Daraufhin bekommt er es mit einem psychopathischen Mitschüler zu tun, der seinen Opfern am liebsten mit einer Schere die Lippen abschneidet.

„Lost River“ ist also alles andere als ein netter, kleiner US-Independent-Film über die Nöte des armen weißen Amerikas. Dies ist Fantasy: Verspielt, barock, brutal sowie sexy und immer wieder überbordend. Goslings Welt ist zwar Amerika, aber nicht das von Präsident Obama, sondern das eines Regisseurs wie David Lynch.

Märchen-Oper

Die abgründigen, düsteren Innenräume mit ihren Neon-Farben kennt man aus Filmen von Nicholas Windign Refn (mit dem Gosling zweimal drehte) und von Gaspar Noé, dessen Stammkameramann Benoît Debie bei Gosling die Bilder gestaltete. Wie Noés Werke ist auch „Lost River“ eine Männerphantasie: Ein Märchen über eine Welt der versagenden und verschwundenen Väter und ihre kaputten Söhne. Frauen sind hier entweder begehrenswert (Eva Mendes) oder Heilige oder Mütter – am besten von allem ein wenig.

Ryan Gosling versteht sein Kino als Märchen-Oper und Kirchenmalerei, nicht als Fortsetzung eines Hörbuchs mit anderen Mitteln. Dabei ist seine Haltung weniger ironisch, sein Gelächter weniger höllisch als das seines Vorbilds David Lynch.

Das Ergebnis ist stilvoll und sensibel, aber nicht immer stimmig. Besonders bei der Auswahl und dem Einsatz der Musik hat Gosling manche falsche Entscheidung getroffen. Dennoch bleibt „Lost River“ durchweg fesselnd und herausfordernd – ein flirrender Bildertraum. Wie in einigen von Lynchs Filmen erscheint vieles offen und verrätselt.

Am Ende ist die Summe der einzelnen Teile mehr das Ganze. In seiner Egozentrik, seiner Risikobereitschaft wie seinem Eigensinn erinnert „Lost River“ sogar an die Werke des Kanadiers Xavier Dolan. Erkennbar ein Erstlingsfilm, ist Goslings Werk geprägt von der Unbescheidenheit des Debütanten. Wer Perfektion und Reinheit will, ist hier falsch. Doch Blut, Tränen und andere Körpersäfte sowie raue, bislang ungesehene Bilder sind garantiert.