Wegen dieser Malerin sollte sich der deutsche Kunstbetrieb Asche aufs Haupt streuen. Lotte Laserstein, eine der ersten Künstlerinnen, die in Berlin an der Akademie zugelassen wurden, gehört längst in eine kunstgeschichtliche Reihe etwa mit der in Berlin wirkenden Jeanne Mammen, mit Christian Schad, Otto Dix und mit den Dresdner Realisten wie Curt Querner oder Hans Grundig.

Lotte Laserstein gehört zur „Verschollenen Generation“

Aber der Ausstellungsbetrieb seit 1945, egal ob West oder Ost, hatte die 1898 als Tochter eines protestantischen Apothekers mit jüdischen Wurzeln in Ostpreußen geborene, von den Nazis gehasste und 1993 im Schwedischen Exil gestorbene Laserstein nicht auf dem Schirm. Sie war lediglich 1983 in London und 2003 in Berlin vom Verborgenen Museum mit kleineren Schauen bedacht − eine Vergessene. Man kann auch fragen, ob es an ihrer Malweise lag. An dieser Körperlichkeit, an der in sich gekehrten Intimität der Szenen. Solcher Realismus war nach 1945 in den von der abstrakten Kunst besessenen westlichen Museen verpönt. Laserstein passte nicht in den Mainstream, weil ihre Motive ohne jeden Vorsatz auskommen. Sie wollten weder politisch noch künstlerisch provozieren.

Diese Malerei lebt aus der Stille, der ernsten, herben Schönheit von Gesichtern, Körpern, oft erdig gemalt, die Farbe verwischt und ganz bei sich selbst. Die Courage dieser Frau drückt sich nicht im ästhetischen Furor aus. Es ist dieses verblüffende Ganz-nah-Dran. Laserstein, Vertreterin einer konservativen Moderne, sensible Porträtistin zwischen einem an Menzel, Leibl, Liebermann geschulten Realismus und der Neuen Sachlichkeit, gehört zur „Verschollenen Generation“.

Auch Lasersteins Schlüsselwerk „Abend über Potsdam“ ist in der Ausstellung zu sehen

Und sie litt daran, wie Dokumente ihres der Berlinischen Galerie gehörenden Archivs besagen, „nie wieder“ an das Berliner Schaffen der 20er- und 30er-Jahre anknüpfen zu können. Diese Innerlichkeit, die forschende Stille waren ihr im Exil genommen worden. Sie fühle sich, schrieb sie 1948, „hoffnungslos altmodisch“. Aber was anderes tun, als weiterzumalen? Im schwedischen Kalmar hielt sie sich mit Porträts Wohlhabender über Wasser.

Jetzt holt die Berlinische Galerie in Kooperation mit dem Museum Städel Frankfurt a.M. kräftig nach. Auf frischen Wandfarben ist in der Haupthalle ein Werk ausgebreitet, das einen staunen lässt, so entschlossen, so zärtlich monumental sind die Gemälde, oft vom Lieblingsmodell Traude Rose, von Freunden, Bauernmädchen und hübschen Russinnen kapriziös vor Spiegeln.

Monumental wirken auch die Landschaften, die Zeichnungen und sogar die kleinen Skizzen der Hochbegabten, als sie erst 23 war. Mit 32 dann – drei Jahre vor Hitlers Machtergreifung – malte sie das Schlüsselwerk „Abend über Potsdam“. Es galt als verschollen, gelangte 2010 aus Privatbesitz in eine Auktion von Sotheby’s. Mit Glück kam es durch Finanzierung von Bund, Ländern, Klassenlotterie und Spenden in die Nationalgalerie. Nun hat es in der von Annelie Lütgens kuratierten Schau „Von Angesicht zu Angesicht“ einen zentralen Platz. Als fröhliches Beisammensein indes kann man diese frugale und bedenklich schiefe Tischszene mit Brot, Äpfeln, Birnen und Saft kaum bezeichnen.

Lotte Laserstein floh vor den Nazis nach Schweden - und kam nie zurück

Das karge Abendmahl mit Hund auf einer Dachterrasse und Sicht aufs wolkenverhangene Potsdam verströmt eine merkwürdig bedrückte Stimmung. Jeder schaut am anderen vorbei ins Leere. Die junge Frau im gelben Kleid erinnert in ihrer traurig-duldsamen Pose fast an Jesus, als er am Abend vor Golgatha zu seinen Jüngern sagte, einer werde ihn verraten. Eine Metapher für Deutschland am Abgrund, vor der Zerstörung von menschlichen Beziehungen, von Liebe, Freundschaften, von Intelligenz und Kultur: Drei Jahre, nachdem die Malerin das panoramahafte, Leonardos Mailänder Abendmahl paraphrasierende Bild von dem Balkonessen junger Intellektueller vollendet hatte, marschierten die Nazis. Die Malerin verließ das Wilmersorfer Atelier, floh nach Schweden. Ihre Mutter wurde 1943 im KZ Ravensbrück ermordet. Laserstein kehrte nie mehr zurück.

Heute nun, wo im globalen Kunstgeschehen die ideologischen Grabenkämpfe zwischen Realismus und Abstraktion nachgerade lächerlich wirken, sehen wir in diesen neu entdeckten Bildern, wie legitim ihr gefühlvoller Stil und die realistisch-intime Motivwahl waren, über Geschlechterrollen hinweg. Wir erleben das in den androgynen Porträts. Sie hatte sich nicht ins Berliner Nachtleben, in den „Tanz auf dem Vulkan“ gestürzt, war keine Gesellschafts-Chronistin, sondern nutzte aus anteilnehmender Distanz die Gabe, Divergierendes zu verbinden. Sie setzte Flächigkeit und Pinselduktus des Spätimpressionismus ein, zitierte zugleich altmeisterliche Motive. Ihre intimen Akte lassen an Giorgione und Tizian denken, ebenso an Courbet. Immer aber wurde daraus ganz und gar Lotte Laserstein.