Schwesterliches Doppel: Ruth Jacobi, „Spaziergängerin mit Gans“, New York, 1928, und Lotte Jacobi, die Tänzerin Claire Bauroff, „Drehung“, Berlin, 1928.
Fotos: Ruth Jacobi/Jüdisches Museum Berlin und Lotte Jacobi/Nachlass/ Universität New York

Berlin - Lotte war die ältere, die erfolgreiche, die attraktive, die couragierte Schwester. Sie hatte in München Fotografie studiert. Ihr überließ der Vater sein Fotoatelier, wo Berlins Prominenz ein- und ausging. Ruth, die Jüngere der beiden, erlernte im Lette-Verein das fotografische Handwerk. Sie arbeitete im Kudamm-Studio der umschwärmten Schwester im Hintergrund. Das Mädchen im Schatten. Die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus, anlässlich des Europäischen Monats der Fotografie, erzählt von Schwestern, die bei aller Liebe auch Konkurrentinnen waren: berühmt die eine, die andere unbekannt. Auch darum hat Kuratorin Nina Mika-Helfmeier die Fotos konsequent gegenübergehängt, zum Vergleich.

Lotte Jacobi (1896–1990), befreundet mit der berühmten italienischen Fotografin Tina Modotti, zählte zu den Avantgardistinnen des „Neuen Sehens“, insbesondere auch von Porträts der emanzipierten „Neuen Frau“. In der Ausstellung belegen das so psychologisierende wie kontraststarke Bildnisse der Kollwitz, der Schauspielerin Lotte Leyna und Erika Manns, der Tänzerin Claire Bauroff. Berühmt sind die Porträts von Klaus Mann, Egon Erwin Kisch, Martin Buber, Valeska Gert und Emil Jannings. Die intellektuelle und künstlerische Elite der Weimarer Republik saß vor Lottes Kamera. Doch nach 1933 machten die Nazis der atheistischen, politisch engagierten Jüdin die Arbeit unmöglich, auch Pseudonyme halfen nicht mehr. Sie emigrierte 1935 in die USA, zunächst nach New York, wo sie den Verleger Erich Reiß heiratete; später zog sie nach New Hampshire. Bald hatte sie in Übersee rasch wieder prominente Kundschaft. In Berlin sehen wir die Porträts: Albert Einstein, Bernice Abbot, Paul Robeson, J.D. Salinger, Edward Steichen, Alfred Stieglitz. Allesamt Biografien zwischen Stirn und Kinn. Lotte Jacobis Nachlass zählt 47.000 Negative, samt der experimentellen Abstraktionen, der „Photogenics“, welche ohne Kamera in der Dunkelkammer entstanden.

Ruth Jacobi (1899–1995) war schon 1928 nach New York gegangen, wo ihre von Witz durchzogene Reportage über Juden in der Lower East Side entstand – eine zu Unrecht fast unbekannt gebliebene, hinreißende Serie einer scharfen und empathischen Beobachterin, ausgestattet mit einem Blick fürs Kuriose. Bester Beweis ist ein Straßen-Schnappschuss aus dem jüdischen Viertel New Yorks. Eine Dame führt eine Gans am Halsband spazieren, als sei das Federvieh ihr Hund. Als Ruth nach Berlin zurückkehrte, gelangte Hitler an die Macht. Auch sie emigrierte dann 1935 in die USA, heiratete einen ungarisch-jüdischen Mediziner und zog sich ins Familiäre zurück. Erst nach dem Tod ihres Mannes begann sie wieder zu fotografieren.

Die Gegenüberstellung zeigt, dass Ruth eine originelle, der berühmten Schwester durchaus ebenbürtige Fotografin war, gerade in den erzählerischen Straßenmotiven. Ihr Nachlass befindet sich heute im Jüdischen Museum Berlin, wurde 2008 gezeigt. Dennoch blieb sie die eher Unbekannte, obwohl auch sie in den USA prominente Exilanten wie Einstein fotografierte. Marlene Dietrich orderte Ruth Jacobi als Fotografin für den Kindergeburtstag ihrer Tochter. In einem Brief an Lotte schrieb Ruth, da habe sie sich „endlich mal wieder satt essen“ können. Die Briefe der Schwestern liegen in einer Vitrine der Schau. In einem erregt sich Lotte unwirsch über Ruths Fotoexperimente mit Pflanzen – sie mache ihr alles nach.

Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstr 140, bis 10. Januar, Sa+So 10–20 Uhr, Eintritt frei (mit Personalausweis) und nur mit Zeitfensterticket: www.fkwbh.eventbrite.com