„Love is All You Need“: Wo die Zitronen blühen

Guter Stil sieht anders aus. Seine Frau Ida bei der letzten Chemotherapie wähnend, vögelt Leif während der Mittagspause eine junge blondhaarige Angestellte seines Handwerkbetriebs im heimischen Wohnzimmer – einem aufgeräumten Ort kleinbürgerlicher Behaglichkeit in einem Vorort von Kopenhagen. Auf diesen Anblick war die brustamputierte Ida ganz sicher nicht vorbereitet, die müden Entschuldigungen und Schuldumkehrversuche ihres nicht eben sonderlich attraktiven Gatten lassen einen Entschluss in ihr reifen: sie wird allein zur Hochzeit der gemeinsamen Tochter nach Italien reisen.
Ein wenig unselbstständig nach all den Ehejahren gelingt es ihr dennoch, den paradiesischen Zielort zu erreichen. Denn nach dem Willen der Regisseurin Susanne Bier und ihres Drehbuchautors Anders Thomas Jessen ist die italienische Amalfiküste ein aus der Zeit gefallener Ort ungebrochener Romantik.
Und wahrlich, der in einen Zitronenhain gebettete Palazzo, den Idas Schwiegersohn in spe von seinem Vater überlassen bekommen hat, könnte idyllischer nicht sein. Das perfekte Setting für eine naturnahe Modestrecke mithin, tatsächlich wirkt „Love is All You Need“ bisweilen wie ein Werbetrailer für skandinavische Designerbekleidung. In jedem Fall ist es die ideale Umgebung für den eleganten Slipperträger und Ex-Bond-Darsteller Pierce Brosnan, der Philip, den unglücklichen, verwitweten Besitzer des Traumhauses spielt.

„Die kahlköpfige Friseuse“

„Die kahlköpfige Friseuse“ heißt der Film im Original und deutet damit schon im Titel auf eine Störung der Normalität. Schließlich stammt Oscar-Preisträgerin Susanne Bier aus dem nicht unbedingt mit romantischen Komödien bekannt gewordenen Dogma-Umfeld, mit Paprika Steen und Tryne Dyrholm als Hauptdarstellerinnen sind gar „Dogmanerinnen“ der ersten Stunde dabei, sie spielten schon in Thomas Vinterbergs sexuellem Gewaltdrama „Das Fest“. Nach bewährtem Muster ist es hier wieder eine Feier, eben die geplante Hochzeit der Tochter, die unterschiedliche Menschen, deren Geschichten und Bedürftigkeiten unter einem Dach zusammenführt und alsbald zu atmosphärischen Spannungen führt. Der Alkohol löst die Zungen, der Ton wird schroffer. Doch allen Missverständnissen und Verletzungen zum Trotz beginnen Ida und Philip zarte Bande zu knüpfen.

Angesichts der realen sozialen Verwerfungen, vor allem auch im südlichen Europa, wirkt der Film wie ein Relikt aus vergangenen Tagen, als ein sinnhaftes Sein vor allem eine Frage der seelischen Beschaffenheit, losgelöst von ökonomischen Realitäten, zu sein schien. So sorglos gutsituiert wie hier lässt es sich famos für ein bewusstes, einfaches Leben werben.

Andererseits: Wer sich in dunklen Wintertagen nach immer strahlender Sonne und postkartentauglichen Meeresblicken sehnt, sich die Reise dorthin aber nicht mehr leisten kann, findet hier immerhin die Möglichkeit, die Sehnsuchtsorte auf der Leinwand zu bereisen. Stilvollendet kitschig löst der Film ein, was Urlaubsprospekte sonst nur allzu gern versprechen.

Love is All You Need (Den skaldede frisør) DK/S/I/F/D 2012. Regie: Susanne Bier; mit: Pierce Brosnan, Trine Dyrholm, Kim Bodnia u.a.; 112 Min., FSK o. A.