Die Regisseurin Lucia Bihler (l.) und die Schauspielerin Teresa Schergaut im Roten Salon der Volksbühne
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinWas ist das für ein Frauenbild? Die Griechen ziehen in den Krieg, weil Paris die schöne Helena, Gattin von Menelaos, geraubt hat (vielleicht ist sie auch ein bisschen freiwillig mit ihm gegangen). Für den nötigen Seewind soll der Heerführer der Griechen, Menelaos‘ Bruder Agamemnon, seine Tochter Iphigenie opfern. Sie wird  zusammen mit ihrer Mutter, Agamemnons Gattin Klytaimnestra, unter Vorspiegelung einer Hochzeit ins Kriegslager gelockt. Dort soll sie jedoch nicht heiraten, sondern sterben. Erst klagt sie, dann aber willigt sie tapfer ein. Von überirdischen Kräften gerettet, fristet sie dann auf Tauris ein Dasein als Tempelpriesterin. Die Regisseurin Lucia Bihler, Mitglied der Volksbühnenleitung, und die Schauspielerin Teresa Schergaut haben sich ausgerechnet diese Figur für ihr aktuelles feministisches Theaterprojekt ausgesucht. Sie kombinieren den klassischen Stoff mit Texten der österreichischen Autorin Stefanie Sargnagel, die Frauen- und Genderthemen in hart satirischen Posts und Karikaturen aufwirft und neben viel Zustimmung auch so manchen Shitstorm erntet. Wir haben eine Woche vor der Premiere mit Lucia Bihler und Teresa Schergaut gesprochen. 

Frau Bihler, Frau Schergaut, Sie setzen sich für die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ein. Wir sind auch dafür. Aber wenn wir zum Beispiel in der Zeitung das Gendersternchen benutzen, verlieren wir Leserinnen und Leser. Schadet das nicht der eigentlichen Sache?

Lucia Bihler: Wann war das? Vor zehn Jahren?

Nein, vor ein paar Wochen. Ich glaube, dass die Debatte nicht bei allen auf demselben Stand ist. Die Leserschaft der Berliner Zeitung ist nicht identisch mit dem Publikum der Volksbühne oder der Theaterszene, die eigene Blasen bilden. Was machen wir jetzt?

Bihler: Ich würde vorschlagen, dass wir es trotzdem so handhaben. Da stolpert man ein paar mal drüber, und dann merkt man es gar nicht mehr. Wir sollten versuchen, die Leute mit reinzunehmen. Und denen, die sich noch nicht damit beschäftigt haben – was völlig okay wäre, das Vokabular anzubieten und zu erklären, warum man es verwendet.

Stefanie Sargnagel, auf deren Texten ein Teil Ihres Abends beruht, hat einen Weg gefunden, sich durch die Wand der Blase bemerkbar zu machen: Sie provoziert, holt sich die Wut ab. Im Programmheft steht: „Stefanie Sargnagel ist anstrengend, weil sie anstrengend sein will.“ Wollen Sie auch anstrengend sein?

Teresa Schergaut: Also mir machen ihre Texte erst einmal großen Spaß. Ich finde es toll, wie sie mit Frauen- und Männerbildern spielt, die wir haben. Eine verlotterte, besoffene Frau an der Bar, die sich nach einem reinen, unschuldigen Mann verzehrt, das finden wir übergriffig und seltsam. Aber nur, weil die Perspektive umgedreht wird. Wer das anstrengend findet, der sollte mal überlegen, warum.

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Die Regisseurin

Lucia Bihler, geboren 1988 in München, studierte Regie an der Ernst-Busch-Schule in Berlin. Noch während des Studiums gründete sie die Kompanie Gold & Hiebe. Sie realisiert Projekte am BAT Studiotheater und am Ballhaus Ost in Berlin.

Am Stadttheater debütierte Bihler 2015 mit Max Frischs „Biedermeier und Brandstifter“ im Deutschen Theater Göttingen. Seither inszeniert sie in Wien, Oldenburg, Mainz, Leipzig, Hannover, München und Köln. Zweimal war sie zum Festival radikal jung eingeladen.

Seit der Spielzeit 2019/20 ist Lucia Bihler Teil der künstlerischen Direktion der Volksbühne sowie als Hausregisseurin fest assoziiert. Mit „Iphigenie. Traurig und geil im Taurer Land“ bespielt sie zum ersten Mal die große Bühne.

Bihler: Ich glaube, Stefanie Sargnagel bekommt die Leute mit ihrem wahnsinnig guten Humor. Sie ist scharf und witzig in ihrem Blick. Die Wellen, die sie auslöst, sagen eigentlich nichts über sie aus, sondern über die Gesellschaft.

Vielleicht ist das das Anstrengende: dass man auf einmal seine Privilegien verteidigen muss.

Bihler: Muss man? Wenn die Menschen alle gleichwertig wären, wäre es für alle besser. Es ist auch entspannend, wenn man als Mann die männlichen Zuschreibungen los ist. Wenn man nicht denkt, man wäre von Hause aus allein verantwortlich dafür, die Familie zu ernähren, zu konkurrieren und in Mathe gut zu sein. Unter toxischer Männlichkeit leiden alle, nicht nur die Frauen. Die Emotionen und Widerstände, die ausgelöst werden, wenn es um Gleichberechtigung geht, haben damit zu tun, dass sich die Privilegierten ihrer Privilegien bewusst werden. Da kommen Scham und das Bedürfnis zu verdrängen ins Spiel. Wir Privilegierten müssen aber damit umgehen, dass wir unsere Privilegien zum Nachteil für andere Menschen nutzen. Das tut weh. Aber nicht so sehr, wie das Benachteiligt- und Diskriminiertwerden.

Gibt es denn etwas Gutes an geschlechtlichen Rollenzuschreibungen? So eine Art Orientierung oder auch Reibungsfläche?

Schergaut: Gleichberechtigung heißt nicht Gleichheit. Gleichberechtigung heißt, Menschen dürfen sein, wie sie sind, und dürfen dafür nicht benachteiligt, zum Beispiel schlechter bezahlt werden. Ungleichberechtigung entsteht auch durch die anerzogenen Muster: Dass manche gar nicht erst auf die Idee kommen, sich um bestimmte Jobs zu bemühen oder Interessen zu entwickeln, die ihnen liegen würden. Es wäre doch großartig, wenn sich das in alle Richtungen öffnen würde und solche patriarchal geprägten Beschränkungen und Scheuklappen fallen würden.

Bihler: Eigentlich geht es um einen Dialog. Ich mag das Wort Geschlechterkampf nicht. Wer Kampf sagt, schafft ein Bedrohungsgefühl. Es geht darum, dass das Problem verstanden wird, von Männern und von Frauen. Und wenn man es verstanden hat, dann wird man es nicht einfach ignorieren. Es kann nur über Solidarität funktionieren. Das ist es, was ich mir wünsche.

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Die Schauspielerin

Teresa Schergaut geboren 1988, studiert zunächst Literatur- und Kulturwissenschaft in Dresden, anschließend Schauspiel an der Konrad-Wolf-Filmuniversität in Babelsberg. Bereits während des Studiums ist sie am Staatsschauspiel Dresden, am Hans-Otto-Theater Potsdam sowie im HAU zu sehen. 

Seit 2016 ist sie als Schauspielerin in Projekten am Theater sowie in Filmen von Johannes Naber, Aelrun Goette, Sophia Bösch, Sophie Linnenbaum und Hennig Beckhoff zu sehen.

An der Volksbühne Berlin spielt sie in „Final Fantasy“ und „Iphigenie. Traurig und geil im Taurerland“. Die Ideen und Stücke hat sie mit der Regisseurin Lucia Bihler zusammen entwickelt.

Sie haben sich mit Iphigenie befasst, einer Frau, die zur Heldin wird, indem sie sich opfern lässt.

Schergaut: Eine Opferrolle ist keine Heldenrolle. Natürlich kann man das als einen Akt der Selbstermächtigung interpretieren, dass sie sagt, ich will sterben, ich suche mir ein Stückchen Freiheit im Zwang. Aber es ist natürlich dennoch keine selbstbestimmte Situation. Denn wenn Iphigenie sich weigerte, würden die griechischen Männer sie an den Haaren auf den Opferaltar zerren und abschlachten.

Sie muss sich opfern, Artemis hat es gefordert, damit das Männerheer in den Krieg ziehen kann …

Bihler: Ja, ja, alles Schicksal. Das ist die Ausrede, wenn man sich nicht an die Machtstrukturen herantraut. Das ist ja das Spannende an dem Stoff: Keiner übernimmt die Verantwortung für diese Bluttat, und am Ende nimmt die Jüngste und Schwächste alle Last auf sich. Indem sie so tut, als wäre es ihre Entscheidung.

Haben Sie sich mit Iphigenie identifiziert?

Schergaut: Mich hat das Annehmen der Opferrolle von Iphigenie erst einmal aggressiv gemacht, muss ich sagen. Das Naive und Angepasste der aulischen Iphigenie kann ich noch nachvollziehen, weil sie sehr jung ist. Die taurische Iphigenie hingegen, wie wir sie durch Goethes Lesart kennen, reproduziert Attribute, die Frauen nach wie vor zugeschrieben werden und denen unbedingt widersprochen werden muss, etwa dass Frauen passiv, entweder Hure oder Heilige sind. Das sehen wir als Einladung, den Stoff neu und gegenwärtig aufzulegen. Aus einer weiblichen Perspektive, mit der Sprache einer widerständigen und ambivalenten Frau.

Bihler: Euripides ist ein schlauer Fuchs gewesen, das ist eine kluge dramaturgische Wendung, wie Iphigenie das Drama an sich reißt. Und zugleich ist es eine Finte, weil sie letztlich gar nicht handeln darf. Und auch die Wortwahl ist ja fremdbestimmt, dieses Patriotische, das sie ihrem Vater nachplappert ...

Wir haben Euripides zu verdanken, dass Frauen überhaupt sichtbar werden in den klassischen Dramen.

Schergaut: Aber die interessanteren Rollen sind immer noch die männlichen. Wir, die wir im ersten Teil der Inszenierung die Männer spielen, haben großen Spaß daran, in diesen Rollen zu baden. Wir schmieden diesen abartigen Plan, dieses Mädchen umzubringen – und trotzdem sind wir ganz sympathische Figuren! Der Spaß ist, dass wir die Macht haben. Und die Frauen kommen ahnungslos in die Szenerie geritten. Weil das in den Hinterzimmern und in den Netzwerken schon längst ausgemacht ist. Wie heute.

Bihler: Das ist ein wichtiger Punkt. Frauen bekommen bestimmte Informationen nicht und sind deshalb außen vor. Warum wohl? Agamemnon spricht nicht mit Klytaimnestra darüber, dass das gemeinsame Kind geopfert werden soll. Warum? Weil er Angst vor ihr hat.

Männer spielen bei Ihnen gar nicht erst mit.

Bihler: Männerfiguren schon, doch von Frauen gespielt. Ich fand es eine sehr wichtige Erkenntnis, dass man die patriarchalen Strukturen ganz organisch auch mit Frauen kenntlich machen kann, weil es letztlich um Machtstrukturen geht. Meine Setzungen arbeiten ja immer mit Verfremdung, das hilft, Strukturen und Mechanismen kenntlich zu machen. Das geht hier total auf.

Ist das überhaupt noch ein Mittel der Verfremdung, wenn Frauen Männerrollen spielen? Ich brauche keine zwanzig Sekunden, um über die äußerliche Differenz zwischen Spieler und Rolle hinwegzusehen, und kann mich dann dem Eigentlichen widmen.

Bihler: Das ist wie mit dem Genderstern. Am Anfang zerbricht man sich den Kopf, was das bedeutet und ob das nötig ist, und kommt deshalb nicht von der Metaebene runter. Letztlich sprechen wir hier von Sehgewohnheiten – und die können wir ändern.

Wie gehen Sie auf der Bühne mit dem Stoff um?

Schergaut: Wir haben einen ersten Teil, der in Aulis spielt, wo diese Opferung stattfinden soll. Das spielen wir ziemlich werktreu und man könnte sagen: klassisch. Und im zweiten Teil, nach der Entrückung, hat sich Iphigenie vervielfacht. Sie ist quasi falsch aus der Matrix herausgekommen.

Artemis hat, ohne dass die Griechen es mitbekommen, Iphigenie das Leben gerettet und sie nach Taurus verfrachtet. In Ihrer Fassung springen wir nicht nur an einen anderen Ort, sondern aus der Antike in die Gegenwart. Eine viel gründlichere Entrückung, wenn man so will.

Schergaut: Genau. Dann kommen die Texte von Stefanie Sargnagel zum Einsatz. Aus der reinsten, sexuell uninteressiertesten Figur der Theatergeschichte wird eine Frau, die weder zurückhaltend noch perfekt, sondern schwitzig, laut, haarig und dreckig ist, sich mehr für Essen und weniger für genormte Schönheitsideale interessiert. Die das ist, was Iphigenie im klassischen Sinn nicht sein darf.

Bihler: Letztlich fällt sie nach ihrer Opferung – und ihrer heimlichen Rettung durch Artemis – in ein Vakuum. Sie fristet ihr Dasein als Tempelpriesterin, weit weg von ihrer Familie, die sie schlachten wollte. Und der Typ, der sie heiraten will, der Taurerkönig Thoas, der interessiert sie nicht. Sie hat keinen Ausweg und sitzt in diesem Leben fest wie in einem zweiten Tod. So steht es bei Goethe.

Wieso kappt sie nicht einfach die Bande zu ihrer verfluchten Familie, heiratet den Taurerkönig und beginnt ein Leben als Königin? Das wäre auch eine Art, sein Schicksal in die Hand zu nehmen.

Bihler: Eine Zweckehe für die Karriere und den gesellschaftlichen Aufstieg? Echt? Das soll eine Geschichte sein, die wir im 21. Jahrhundert erzählen wollen? Unmöglich. Auch, weil wir den Mythos und die Figur verraten würden. Wir bleiben in dieser seltsamen Welt, in die es Iphigenie verschlagen hat. Dieser Schwebezustand, in dem Iphigenie sucht, was sie sein will und sein darf. Aber wie wir alle will auch sie keine Außenseiterin sein. Die Überschrift des zweiten Teils ist: „Darf ich dazugehören, oder muss ich dagegen sein?“ Das ist das Spannungsfeld, in dem wir Frauen uns bewegen.

Jetzt haben wir gar keinen Genderstern gebraucht.

Schergaut: Schade eigentlich.

Bihler: Aber wir haben ziemlich oft „man“ gesagt.