Was so ein bisschen Damenbart nicht alles auslösen kann: Lucie Pohl hatte in ihren ersten Säuglingstagen einen dunklen, deutlich sichtbaren Oberlippenflaum, was ihren Vater ziemlich irritierte. Irgendwie hing diese frühkindliche Behaarung damit zusammen, dass sie als kleines Mädchen Adolf Hitler witzig fand und sich wünschte, just als dieser zum Karneval gehen zu dürfen. Auch auf dem Plakat zu ihrer One-Woman-Show „Hi, Hitler“ posiert die deutsch-jüdische Schauspielerin und Komikerin in neckischer Bauchlage mit seinem unverkennbaren Schnäuzer. Der Titel entstammt übrigens einem Missverständnis: Mit vier Jahren dachte sie, „Heil“ hieße „Hi“, also „Hallo“. In ihrer Show allerdings ist von Hitler dann kaum noch die Rede. Aber wenn zumindest ein Hauch von provokanter Aufmerksamkeit gewollt wird, ist dieser Name eben schwer zu toppen.

Jetzt ist Lucie Pohl mit ihrem Solo-Programm, das sie bereits erfolgreich beim Edinburgh Fringe Festival, in New York und London gezeigt hat, auf Deutschland-Tournee. Den Auftakt machten Gastspiele im BKA-Theater, es folgen die Ruhrfestspiele Recklinghausen und das Fleetstreet Theater Hamburg. „Hi, Hitler“ ist eine durchgehend autobiografische Stand-Up-Comedy mit viel Energie und vorwiegend auf Englisch, doch bei aller komödiantischen Entschlossenheit leider nicht so witzig und interessant, wie es Lucie Pohl und das Publikum gern hätten. Gnadenlos offen und halbwegs ironisch gebrochen breitet sie ihre Familienchronik aus („The Pohl-Circus“) und erzählt von ihrem Leben zwischen Berlin und New York.

Dorthin zogen ihre Eltern, die Sängerin Sanda Weigl, Nichte von Helene Weigel, und der Schriftsteller Klaus Pohl mit der 1983 in Hamburg geborenen Tochter, was ihr anfangs gar nicht recht war, bedeutete der Ortswechsel für sie vor allem den Verlust von Heimat, Vertrautheit, Freunden. Inzwischen fühlt sie sich als Outsider überall und nirgends daheim, und es stört sie nicht mehr groß, wenn es über sie als „Alien mit besonderen künstlerischen Fähigkeiten“ wieder einmal heißt: „Du bist halt so exotisch!“ Geschichten von Affären, Aufenthaltsgenehmigungen und Alkohol, von Jugendfrust und den vergeblichen Versuchen, so zu sein wie die anderen, werden angestrengt komisch ausgewalzt und die halbe Verwandtschaft muss – von Thomas Brasch bis Katharina Thalbach – daran glauben.

In schwarzer Strumpfhose und einem David-Hasselhoff-T-Shirt schlüpft Lucie Pohl energisch von Rolle zu Rolle, sie karikiert Menschen, mit denen sie kürzer oder länger zu tun hat und beweist, dass sie wohl eine eifrige Schauspielstudentin war. Sie braucht bloß einen Stuhl, ein paar bunte Scheinwerfer und ein bisschen Musik vom Tonband, um ihre familiäre Schmetterlingssammlung wach werden zu lassen. Ein richtig lebendiges Strahlen freilich vermag sie ihr nicht zu verleihen, und dem richtig bösen Lachen wird sie auch nicht ausgesetzt. Der Abend dauert nur eine Stunde, aber die zieht sich: Viel Power, aber wenig Pointen − viele Worte, aber wenig zu sagen.